Lehrstellen
Im Aargau sind hunderte Lehrstellen nicht besetzt

Es ist noch nicht lange her, da war die Lehrstellensuche ein mühsames Unterfangen. Doch Daniel Knecht, Präsident Aargauische Industrie- und Handelskammer, sagt, der demographische Wandel sie nun auch im Arbeitsmarkt angekommen.

Mathias Küng
Drucken
Teilen
Daniel Knecht: «Über alles gesehen, dürften die Lohnerhöhungen zwischen 0,5 und 1 Prozent betragen.»

Daniel Knecht: «Über alles gesehen, dürften die Lohnerhöhungen zwischen 0,5 und 1 Prozent betragen.»

Oliver Menge/Alex Spichale

Jüngst kamen aus Basel Arbeitsplatz-Hiobsbotschaften. Im Aargau ist es dagegen ruhig. Ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Daniel Knecht: Nein, das glaube ich nicht. Meldungen wie aus Basel gibt es im Aargau Gott sei Dank bisher nicht. Ich führe dies auf die Innovationskraft und den Überlebenswillen unserer Firmen zurück. Sie haben sich mit der Situation arrangiert.

Wie?

Sie haben verschiedene Massnahmen weiter vorangetrieben. So wurde zum Beispiel ein Teil der Vorfertigungen und der Einkäufe in den Euroraum verlagert. Sie haben neue Produkte entwickelt, stark geworben, Messebesuche im Ausland intensiviert. Das tun vorab die Firmen, die am meisten unter Druck sind.

Zur Person

Daniel Knecht ist Präsident Aargauische Industrie- und Handelskammer (AIHK). Diese zählt rund 1600 Mitgliedfirmen, vom KMU bis zu den Grosskonzernen. In diesen Betrieben, viele im Export, arbeiten rund 40 Prozent der Erwerbstätigen. Die AIHK vertritt die Interessen eines wesentlichen Teils der Aargauer Wirtschaft. Knecht ist Dipl. Ing. ETH, war Grossrat, ist VR-Präsident der Knecht Brugg Holding AG mit gut 250 Mitarbeitern (Bau, Transport, Recycling, Chemikalienhandel) in Brugg. (AZ)

Wer ist am meisten unter Druck?

Vorab die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Hier ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Unter Druck sind Zulieferer, weil, wie erwähnt, viele grosse Betriebe einen Teil der Vorleistungen ausgelagert haben. Generell leidet, wer austauschbare Produkte herstellt, die man im Ausland in ähnlicher Qualität bekommt.

Laut Statistik leidet der Aargau beim Export überdurchschnittlich. Gleichzeitig gibt es Stimmen, die den Aargauer Export sehr loben. Wie geht das zusammen?

Beides stimmt! Der Aargau ist ein traditioneller Standort der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Diese leidet stark und hat rückläufige Erträge. Der Aargau ist aber auch stark in Life Science, und gerade im Fricktal in Pharma und Chemie. Weil die Statistiken kantonal erfasst werden und die Firmenhauptsitze ausschlaggebend sind, finden diese Aargauer Exporte vorab in der Basler Exportstatistik statt.

Welche Firmen haben im schwierigen Umfeld die besten Chancen?

Solche mit einzigartigen Hightechprodukten oder solche, die über einen sehr starken Markennamen verfügen.

Wie beurteilen Sie 2012?

Die Wirtschaft schlägt sich mit Blick auf Euro- und Schuldenkrise vergleichsweise sehr gut. Gesamthaft ist 2012 zwar nicht gut, aber besser als das, was wir erwartet haben.

Was erwarten Sie 2013?

Es wird - etwas gedämpft - etwa so weitergehen wie 2012. Economiesuisse erwartet immer noch ein Wachstum von 0,6 Prozent. Das ist nicht viel und trotzdem super, weil unser Hauptabsatzmarkt, die Eurozone, insgesamt in einer Rezession steckt und 2013 voraussichtlich dort bleibt.

Lässt sich die leicht positive Erwartung für 2013 auf die Arbeitsplätze übertragen?

Über alles gesehen, dürfte die Arbeitsplatzzahl etwa stabil bleiben. Denn im Vergleich zu Nachbarländern haben wir mit unserem flexibel funktionierenden Arbeitsmarkt einen enormen Standortvorteil. Es gibt Branchen, in denen Arbeitsplätze definitiv verschwinden werden. Die Betroffenen finden aber in anderen Branchen gute Aufnahme, weil sie gut ausgebildet sind.

Das Staatspersonal erhält durchschnittlich 1 Prozent mehr Lohn. Wie sieht es in der Wirtschaft aus?

Das ist von Branche zu Branche verschieden. Es kann punktuell sogar Lohnsenkungen geben. Über alles gesehen, dürften die Lohnerhöhungen zwischen 0,5 und 1 Prozent betragen.

Das Gewerbe beklagt grossen Fachkräftemangel. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Den Fachkräftemangel spüren auch wir. Vorab gesucht sind Techniker und Ingenieure aus dem Bau-, Elektro- und Informatikgebiet. Insgesamt stellen wir eine Verknappung bei den technischen Berufen und im Pflegebereich fest, nicht aber beim kaufmännischen Personal.

Es gibt starke Klagen über Lehrlingsmangel. Wie ist es bei Ihnen?

Das Problem ist über alle Ausbildungsprofile hinweg akut. Am beliebtesten sind immer noch KV-Lehrstellen. In unseren eigenen Firmen haben wir früher für eine begehrte Stelle 80 bis 90 Bewerbungen erhalten, jetzt noch etwa 25 bis 30. Das zeigt: Der demografische Wandel mit weniger jungen Leuten ist im Arbeitsmarkt angekommen. Allein im Aargau konnten Hunderte von Lehrstellen nicht besetzt werden. Auch in meinen Firmen blieben drei Lehrstellen unbesetzt.

Gehen erste Aargauer Firmen nach Basler Beispiel schon im Ausland auf Lehrlingssuche?

Die Rekrutierungsanstrengungen werden enorm erhöht. Etwa mit expliziten Lehrlingsständen an Gewerbeausstellungen. Von gezielter Rekrutierung von Aargauer Firmen im Ausland wie bei der Basler Pharma ist mir bisher aber nichts bekannt. Wir haben aber auch bereits ausländische Lehrlinge genommen, die sich bei uns gemeldet haben.

Kurz nach unserem letzten az-Gespräch, im September 2011, hat die Nationalbank den Franken an den Euro gebunden. Sie wünschten sich damals einen Kurs von mindestens Fr. 1.25 bis 1.30. Und heute?

Die Rückmeldungen aus den Firmen besagen, dass der Kurs mindestens bei 1.30 liegen müsste. Den Exportfirmen ist aber klar: 1.20 ist besser als nichts. Das gibt Planungssicherheit. Zudem haben wir eine leichte Deflation, derweil unser Haupthandelspartner und Konkurrent Deutschland eine Inflation von 2,5 Prozent ausweist. Inflationsbereinigt liegt der Kurs also bei 1.23 bis 1.24. Das ist immer noch hart, mildert die Situation aber etwas.

Spüren Aargauer Unternehmer in Verhandlungen mit deutschen Firmen die Verstimmungen auf staatlicher Ebene?

Die AIHK hat bisher keine direkten Rückmeldungen über Probleme aufgrund dieser Situation erhalten. Wir haben vorab Kontakt mit süddeutschen Firmen. Diese Region ist in Deutschland am wettbewerbsfähigsten. Die süddeutsche Wirtschaft ist ähnlich wie die unsrige strukturiert, auch mentalitätsmässig sind wir uns nahe. Die Süddeutschen sind etwa dreimal so gut darüber informiert, was bei uns in der Schweiz passiert, als umgekehrt. Sie wollen mit uns auskommen.

Wie äussert sich das?

Ein Beleg ist ein offizieller Brief der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Hochrhein nach Berlin, wonach der Fluglärmstreit endlich beigelegt und der Staatsvertrag ratifiziert werden soll. Wohlverstanden, er ist auf Betreiben der Süddeutschen zustande gekommen. Die süddeutsche Wirtschaft will ein gutes Verhältnis zur Schweiz.

Bald ist Weihnachten: Welche Wünsche hat die Wirtschaft an die Politik?

Wir wollen möglichst wenig Handelshemmnisse und dass unsere Rahmenbedingungen stabil und berechenbar bleiben, nicht verschlechtert werden. Es darf zum Beispiel nicht geschehen, dass einerseits die Steuern gesenkt, anderseits aber über Praxisänderungen der Steuerdruck erhöht wird.

Ist das eine Befürchtung oder stellen Sie eine solche «Kompensation» schon fest?

Das ist bei uns schon spürbar, vor allem aber beim Nachbarn Zürich.

Aktuelle Nachrichten