Lohndiskriminerung
Im Aargau müssen 600 Firmen Löhne der Frauen kontrollieren lassen

Bundesrätin Sommaruga will mit regelmässigen Kontrollen die Lohndiskriminierung der Frauen bekämpfen. Im Aargau sind 600 Firmen davon betroffen. Wirtschaftsverbände sind wenig begeistert, doch es gibt auch überraschende Befürworter.

Peter Brühwiler
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Am internationalen Frauentag protestieren Frauen und Männer für Lohngleichheit vor dem Bundeshaus in Bern

Am internationalen Frauentag protestieren Frauen und Männer für Lohngleichheit vor dem Bundeshaus in Bern

Keystone

Im Kampf gegen die Lohndiskriminierung von Frauen setzte die Politik bisher auf freiwillige Massnahmen. Aber dieser Ansatz, sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga letzte Woche vor den Medien, sei gescheitert. Kommt jetzt also die Lohnpolizei? Die Justizministerin versuchte diesen Eindruck natürlich zu vermeiden. Ganz von der Hand weisen lässt er sich jedoch nicht. Denn Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten — im Aargau fallen in diese Kategorie gut 600 — sollen künftig verpflichtet werden, alle drei Jahre eine Lohnanalyse durchzuführen und diese extern überprüfen zu lassen. In ihren Jahresberichten sollen sie dann publizieren, ob es Diskriminierungen gibt, und, falls ja, welche Massnahmen dagegen ergriffen werden. Die bürgerlichen Parteien und die Wirtschaftsverbände reagierten auf den Vorschlag entsprechend wenig begeistert.

«Das wäre schnell Routine»

Auf geschlossene Ablehnung stösst der Vorschlag in der Wirtschaftswelt jedoch nicht. Überraschend positiv reagiert zum Beispiel die in Lupfig beheimatete Antalis AG. «Persönlich und basierend auf meinen Erfahrungen in der Lohnlandschaft Schweiz begrüsse ich diese Idee grundsätzlich», sagt Personalleiterin Sonja Böhm auf Anfrage. Zum jetzigen Zeitpunkt könne sie zwar nicht sagen, wie gross der zusätzliche Aufwand für die Antalis AG wäre. «Aber ich denke, es würde sich lohnen. Und mit heutigen automatisierten HR-Tools wäre dies schnell Routine.»

Mammut-Chef Rolf Schmid ist um einiges skeptischer. Er bezweifelt gar, dass die Kontrolle «fair und richtig» gemacht werden kann. Denn ein Vergleich mache ja nur Sinn, wenn der Lohn für identische Arbeit verglichen werde. Bei der Mammut AG sei dies äusserst schwierig: «Wir haben gar nie zweimal den gleichen Job.»

Schmid betont, er sei «100 Prozent für Lohngleichheit». Und bei der Mammut AG sei sie auch gewährleistet. Um dies schwarz auf weiss zu belegen, wäre seiner Ansicht nach aber ein riesiger Aufwand nötig. «Denn in die Lohnfestsetzung spielen ja unzählige Faktoren wie Ausbildung, Internationalität, Erfahrung oder Know-how rein.»

«Überprüfung absolut möglich»

Der Unternehmensberater Thomas Heer hingegen hält die externe Überprüfung der Lohngleichheit für «absolut möglich». Zur Abbildung ihres Humankapitals hätten heute viele grössere Unternehmen eine sogenannte Funktionsstruktur, erklärt der Geschäftsleiter der GFO Unternehmensberatung. Die Funktionsstruktur garantiere, dass bei korrekter Anwendung für gleichwertige Arbeit auch der gleiche Grundlohn bezahlt würde. Zur Gewährleistung der Lohngleichheit seien aber noch weitere Faktoren wie das Alter, Dienstalter, der Leistungsbeitrag oder Sonderprämien in die Berechnung mit einzubeziehen. Dies geschehe mittels einer sogenannten statistischen Regressionsanalyse. «Bleiben am Schluss dieses Prozesses noch immer Lohnunterschiede, die nicht durch einen entsprechenden Faktor erklärt werden können, so liegt eine Lohndiskriminierung nahe.»

Zu den GFO-Kunden gehört Feldschlösschen. Bereits heute lasse man seine Löhne freiwillig von der neutralen Drittfirma in regelmässigen Abständen überprüfen, schreibt der Bierbrauer. Das eigene Lohnsystem garantiere zudem «eine geschlechtsneutrale Festlegung der Gehälter». Auch die übrigen angefragten Aargauer Unternehmen beteuern, Lohngleichheit zu gewährleisten. «Konkret haben wir bis Ende 2013 sämtliche Funktionen systematisch bewertet und einem internen und externen Marktvergleich unterzogen», teilt etwa Rivella mit. Wo nötig, seien Lohnanpassungen durchgeführt worden. Rivella plädiert zwar grundsätzlich für Eigenverantwortung der Unternehmungen, hätte aber «auch kein Problem damit, diese Thematik zum Beispiel jährlich im Rahmen der ordentlichen Revision oder Auditierung von externen Fachleuten überprüfen zu lassen». Ähnlich ABB Schweiz: Man habe Lohngleichheit, teilt das Unternehmen mit. Überprüft werde dies jährlich gemeinsam mit dem Angestelltenrat: «Daher sieht ABB keinen Mehrwert darin, dass die Lohngleichheit in Unternehmen durch den Staat überprüft wird.»

«Die Richtung stimmt»

Die kleine Umfrage bei Aargauer Unternehmen vermittelt den Eindruck, dass das angebliche Problem der Lohndiskriminierung gar keines ist. Kurt Emmenegger, Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, widerspricht vehement. Die Aussagen der Unternehmen seien Schutzbehauptungen und stünden im Widerspruch zu Untersuchungen, «die zeigen, dass die Lohndifferenz immer noch 20 Prozent ausmacht und davon über die Hälfte auf Diskriminierung beruht».

Sommarugas Idee hält er für einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Er hätte sich aber noch griffigere Massnahmen gewünscht.