az-Jasskönig
Im Aargau ist Jassen Trumpf – egal ob mit deutschen oder französischen Karten

Jassen ist im Trend. Gerade Junge haben das beliebteste Schweizer Spiel wiederentdeckt. 2017 wird zum ersten Mal der az-Jasskönig oder die az-Jasskönigin gekürt. Was es damit auf sich hat – und warum der Aargau bisheute ein geteilter Jasskanton ist.

Merken
Drucken
Teilen

Chris Iseli

Der Jass, diese einzigartige Mischung aus Grips, Glück und Gemütlichkeit, ist ein Volkssport. Seit vier Jahren gehört er zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz. Und: Er ist beliebt wie lange nicht mehr. Am Jasstisch sind Sanitär und Senior Consultant, Sportreporter und Sicherheitschef gleich. Man muss sich auf das Gegenüber einlassen, mit ihm oder gegen es taktieren. Beim Jassen kann man eins trinken, aber nicht viel mehr, will man Konzentration und Siegeschancen aufrechterhalten.

Der Aargau ist ein Jasskanton: Es gibt regionale und kantonale Meisterschaften, auf dem Rhein und dem Hallwilersee verkehren Jass-Schiffe. Und auch das grösste Jassturnier der Schweiz, der «Muni-Jass» in Boswil, findet jedes Jahr im November im Aargau statt. In den letzten Jahren gab es neue Kinder- und Jugend-Jassturniere, Schulen führen Jass-Projektwochen durch.

Zeit also, herauszufinden, wer der beste Jasser oder die beste Jasserin im ganzen Kanton ist. Die az sucht zusammen mit Aargau Tourismus im Frühling 2017 den az-Jasskönig. Für die erste Runde vom 17. Februar kann man sich ab sofort anmelden.

«Jassen ist einfach nie langweilig»

Die Spielerunden im Rahmen des az-Jasskönigs werden geleitet vom Seenger Verein Jass-Events.ch. Sein Ziel: Jugendförderung im Jasssport. Präsident Andi Fey (35) über den Aargau, Jasssendungen und die gelungene Jassrunde.

Andi Fey, ist Jassen ein Volkssport?

Andi Fey: Ja, nur dass man dabei eher zu- als abnimmt. (Lacht.)

Ist der Aargau ein Jasskanton?

Der Aargau ist eine extrem gute Jassregion. Vor allem der klassische Partnerschieber ist hier sehr beliebt.

Wie viele Jasser gibt es überhaupt?

Man schätzt, dass 70 Prozent der Schweizer jassen können. Die meisten sind keine Profis, sondern Gelegenheits- und Hobbyjasser.

Gibt es im Jasssport offizielle Strukturen wie in anderen Sportarten?

Nein. Es gibt weder national noch kantonal offizielle Verbände. Sehr wohl gibt es aber zahlreiche private Klubs und Gesellschaften, die teilweise eigene Meisterschaften durchführen.

Sie wollen mit Ihrem Verein Junge zum Jassen animieren. Warum?

Wir haben beobachtet, dass es viele Junge gibt, die gerne jassen würden, sich aber nicht an Turniere mit hohem Altersdurchschnitt getrauen. So begannen wir, für sie spezielle Partner-Turniere zu organisieren. Wir tun das einfach aus Spass an der Freude.

Warum jassen Junge wieder mehr?

Viele haben genug vom Smartphone-Stress und Gamen. Sie wollen wieder gemeinsam etwas unternehmen.

Wie gross ist der Einfluss der populären SRF-Jassendungen?

Roman Kilchsperger hat sehr viel getan für den Generationenwechsel. Der «Donnschtig-Jass» hat Traumquoten. Schulen machen Jass-Projektwochen, wenn die Sendung ins Dorf kommt.

Ist Jassen für Sie mehr als ein Spiel?

Ehrlich gesagt: Für mich nicht. Aber es ist mit Sicherheit das beste Spiel überhaupt. Jassen ist einfach nie langweilig.

Was ist eine gelungene Jassrunde?

Wenn es allen Spass macht, das Spiel ausgeglichen ist und es keine Ausschreitungen gibt.

Wer soll um den Jasskönig spielen?

Alle, die Lust auf Jassen haben und die mit Freude und fair jassen.

Experten sind sich nicht einig

Was den Aargau als Jasskanton einzigartig macht, ist aber nicht das Verbindende, sondern das Trennende: die Jassgrenze. Sie verläuft von Süden nach Norden durch den ganzen Kanton, mehrheitlich der Reuss und ab Brugg der Aare entlang.

Im einstigen Berner Aargau, im Fricktal und im Bezirk Zurzach westlich der Aare wird mit französischen Karten gejasst – im Zurzibiet östlich der Aare, im Bezirk Baden und im Freiamt mit schweizerdeutschen Karten. Die Jassgrenze trennt gar Orte, etwa in Windisch das Ober- vom Unterdorf, oder Nachbargemeinden wie Mülligen und Birmenstorf.

Bis heute gibt es keine abschliessende Antwort darauf, wie die Jassgrenze zustande kam. Für den Brugger Historiker Titus Meier ist der ehemalige Stadtstaat Bern eine mögliche Erklärung. Er bestand von 1415 bis 1798 und reichte von Nyon bis Brugg, die Reuss war Grenzlinie.

Laut Daniel Schaffner, Geschäftsführer des Schaffhauser Jasskartenvertreibers AGMüller, hätten erst ab 1798 «Napoleons Soldaten die Romandie mit französisch-figürlichen Spielkarten übergossen» – eine Theorie, die Titus Meier ebenfalls für plausibel hält. Jedenfalls: Dass auf der einen Seite der Reuss mit Ecke, Herz, Schaufel und Kreuz und auf der anderen Seite, der unter deutschem Einfluss stehenden Grafschaft Baden, mit Schilten, Schellen, Eicheln und Rosen (damals Federn) gespielt wurde, leuchtet ein.

Weniger plausibel erscheint Titus Meier die Theorie, wonach die Trennung viel früher stattgefunden habe: Die sogenannte Brünig-Napf-Reuss-Linie entstand als Kulturgrenze ums Jahr 1000, als die westlichen Gebiete des heutigen Aargaus unter burgundischem, die östlichen unter alemannischem Einfluss standen.

Das Jassen wurde aber erst im 18. Jahrhundert von Werbern für Schweizer Söldnern importiert. Am Stammtisch hielt sich zudem lange die Vermutung, die Kartenwahl habe mit der Konfession zu tun. Das schliesst Meier aus: «Die Reuss war zwar die Konfessionsgrenze. Aber im reformierten Zürich hat man auch mit schweizerdeutschen Karten gespielt.»

Es bräuchte eine Volksbefragung

Daniel Grütter, Kurator im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen, ist so etwas wie ein Jasskarten-Experte. Das Museum sammelt seit Jahrzehnten systematisch Spielkarten und besitzt die grösste Sammlung der Schweiz.

Auch Grütter ist von der «unsichtbaren Grenze» im Aargau fasziniert. Auf die Frage, worin sie begründet sei, sagt er: «Man weiss es nicht. Es gibt keine eindeutigen Beweise.» Klar sei, dass es ursprünglich mehr schweizerdeutsche Bilder gegeben habe, erst mit den Jahrzehnten seien sie von den französischen immer mehr abgelöst worden.

Der einzige wissenschaftliche Nachweis der Jassgrenze findet sich im Atlas der schweizerischen Volkskunde. Dafür wurden von 1937 bis 1942 Gewährsleute nach Alltäglichem gefragt – auch den Farben ihrer Jasskarten.

Wo die Grenze heute noch besteht, weiss niemand, denn seither wurde die Frage nie mehr gestellt. Vielleicht löst sich das Problem bald von allein: Die Spielkartenproduktion ist jetzt in Belgien konzentriert. Und verglichen mit dem Weltmarkt, der französische Karten braucht, sind der halbe Aargau und die Ostschweiz ziemlich klein.

Vom Komiker bis zum Regierungsrat: Diese bekannten Aargauer sind Jassfans

Peach Weber, Komiker «Das Jassen hat für mich einen Aspekt, der nicht zu verachten ist: Gehirn-Fitness. Wer jasst, ist im Schnitt fröhlicher, lebendiger. Ich war mal in einem Restaurant am Hallwilersee. Es fuhr ein Car vor und spuckte rund 60 ältere Leute aus. Eine Hälfte kam ins Restaurant, die andere versammelte sich im kleinen Saal und jasste. Die Leute im Restaurant diskutierten ihre Gebrechen, im Säli war aber der Teufel los. Ich habe mir vorgenommen, ich werde dereinst im Säli sein.»
5 Bilder
Urs Hofmann, Regierungsrat SP «Früh habe ich bei meiner Tante im Taminatal mit deutschen Karten jassen gelernt. In unserer Familie gehörte der Sonntagsjass – in Aarau natürlich mit französischen Karten – zum Standardprogramm. Mit der Jasskasse fuhren wir aufs Jungfraujoch. In der Kanti nahm ich an der Schweizer Jassmeisterschaft teil. Heute jasse ich regelmässig mit Freunden und Familie, meist Schieber, Coiffeur oder Sidi Barrani. In meinem Departement trifft man sich jährlich zum Jassturnier.»
Andrea Portmann, Direktorin Aargau Tourismus «Jassen war in meiner Kindheit ein grosses Thema. Wir spielten zu viert am runden Esstisch. Am lustigsten war es, wenn mein grosser Bruder und ich gegen unsere Eltern antraten. Weil ich die Jüngste war, wurde auch mal ein Auge zugedrückt, wenn ich eine falsche Karte spielte und zurückzog. Lustig fand ich immer die Analysen nach einer Runde, wenn jeder Zug voller Ehrgeiz besprochen wurde. Jassen und Spielen im Allgemeinen haben eine tolle verbindende Wirkung.»
Ruedi Kuhn, az-Sportreporter «Als Jugendlicher traf ich mich jeden Mittwoch mit drei Kollegen im ‹Wilden Mann› in Hägglingen zum Jass. Eines Tages entschieden wir uns, den Dauerjass-Weltrekord von 105 Stunden anzugreifen. Wir wollten den Eintrag ins Guinness-Buch. Gesagt, getan! Der flotte Jass mit Notar, Koch, Arzt und Fans dauerte exakt 113 Stunden. Dann hatten wir genug. Ich war 26 und ein wilder Mann. Das ist vorbei. Und den ‹Wilden Mann› in Hägglingen gibt es auch nicht mehr.»
Alex Hürzeler, Regierungsrat SVP «Seit gut 15 Jahren treffe ich mich vierteljährlich mit drei ehemaligen Grossratskollegen zu einer Jassrunde. Eine gute Gelegenheit, den Kopf auszulüften und doch die Konzentration zu fördern. Gelernt habe ich das Jassen als Primarschüler von meiner Mutter. Während der Bez habe ich zu einem vergifteten Grüppchen gehört, das jede freie Minute nutzte, um einen Jass zu klopfen. Und auch heute gilt: Lieber jasse ich etwas sauber aus als den schwarzen Peter zu ziehen.»

Peach Weber, Komiker «Das Jassen hat für mich einen Aspekt, der nicht zu verachten ist: Gehirn-Fitness. Wer jasst, ist im Schnitt fröhlicher, lebendiger. Ich war mal in einem Restaurant am Hallwilersee. Es fuhr ein Car vor und spuckte rund 60 ältere Leute aus. Eine Hälfte kam ins Restaurant, die andere versammelte sich im kleinen Saal und jasste. Die Leute im Restaurant diskutierten ihre Gebrechen, im Säli war aber der Teufel los. Ich habe mir vorgenommen, ich werde dereinst im Säli sein.»

Chris Iseli/AZ

Einzelschieber auf fünf Schlössern

Die az sucht in Zusammenarbeit mit Aargau Tourismus den az-Jasskönig. Die Turniere werden von Februar bis Mai 2017 auf den schönsten Aargauer Schlössern ausgetragen. Bei ausgelassener Stimmung, in historischem Ambiente und mit interessanten Persönlichkeiten können Jass-Freunde, Meinungsmacher aus Politik und Wirtschaft sowie az-Redaktoren gemeinsam um den Titel spielen:

- 17.2.2017: Schloss Klingnau

- März 2017: Schloss Böttstein

- April 2017: Schloss Lenzburg

- Mai 2017: Schloss Wildegg

- Mai 2017: Schloss Hallwyl, Final

Die Jassabende beginnen um 17 Uhr und dauern bis ca. 22.30 Uhr. Die Anmeldung für die Runde vom 17. Februar ist ab sofort online unter aargauerzeitung.ch/azjasskoenig offen. Die genauen Termine der weiteren Runden werden 2017 laufend bekannt gegeben.

Zu den fünf Jassabenden gehört immer ein Rahmenprogramm, das eine kulturelle Zeitreise verspricht. Gespielt wird Einzelschieber über drei Passen à 12 Spielen. In Klingnau und Böttstein wird mit deutschen Karten, in Lenzburg und Wildegg mit französischen Karten gejasst. Im Final auf Schloss Hallwyl kommen deutsche und französische Karten zum Einsatz.

Die Spielpartner werden zugelost – es spielen alle gleich lang. Die höchsten Punktzahlen gewinnen. Die zehn besten Spielerinnen und Spieler je Abend qualifizieren sich für den Final. (az)