Mirjam Haefeli aus Meisterschwanden ist freiwillige und ausgebildete Begleitperson in Palliative Care und Sterbebegleitung. Die 64-jährige pensionierte Pflegefachfrau wird regelmässig vom Begleitdienst der Aargauer Landeskirchen aufgeboten, wenn es darum geht, für schwerkranke oder sterbende Menschen stundenweise oder auch eine ganze Nacht lang präsent zu sein.

«Jeder Einsatz ist anders», sagt sie und erzählt, was sie vor wenigen Tagen erlebt hat: «Ich wurde um 13.30 Uhr angefragt, ob ich eine Nachtwache bei einer älteren Frau übernehmen könnte. Ich konnte, sass ab 22 Uhr neben der Frau; und ich konnte sie in den Tod begleiten, denn sie starb in dieser Nacht.»

Sie hat vor Jahren auch ihre Eltern und Schwiegereltern in den Tod begleitet. «Dabei, aber auch in meiner rund 30-jährigen Tätigkeit in der Spitex, habe ich erfahren, wie schwierig und anstrengend es für die Angehörigen ist, sich um die Sterbenden zu kümmern», sagt Haefeli. Es brauche viel Kraft und Mut, sich dieser Realität zu stellen. Jetzt, wo sie mehr Zeit habe, möchte sie einen Beitrag leisten, damit Angehörige etwas entlastet werden.

Grosse Nachfrage

Mirjam Haefeli hat ihre Ausbildung zur Sterbebegleiterin der Aargauer Landeskirchen im Oktober 2016 abgeschlossen, zusammen mit über 80 anderen Teilnehmenden, vorwiegend aus dem Aargau. Die Kurse laufen gut. Sie laufen so gut, dass die verschiedenen Angebote bereits eine ganze Broschüre füllen und die meisten Kurse im Frühling und im Herbst angeboten werden. So zählt etwa der Basiskurs in Palliative und Spiritual Care für freiwillige Begleitpersonen und pflegende Angehörige regelmässig rund 60 Teilnehmende. Er dauert mit supervisioniertem Praktikum 104 Lektionen. Offensichtlich beschäftigt und interessiert Sterbebegleitung die Menschen. Warum ist das so?

Claire Huwyler koordiniert für die Landeskirchen die Einsätze der Sterbebegleiter im Kanton und vermittelt sie an Angehörige, die Freiwillige suchen. Huwyler hat zwei Erklärungen für die grosse Nachfrage: «Viele Menschen werden zunehmend auch im eigenen Umfeld mit dem allmählichen Tod von Angehörigen konfrontiert und möchten möglichst gut darauf vorbereitet sein», sagt Huwyler. Für andere wiederum sei es wohl auch eine Möglichkeit, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Die meisten Freiwilligen sind gegen 60 Jahre alt, stehen kurz vor oder nach der Pensionierung; für die Ausbildung interessieren sich sowohl ausgebildete Fachpersonen als auch viele Laien.

Wo sind die Männer?

Die Vermittlung beansprucht zwei fixe Bürotage pro Woche; dazu ist Claire Huwyler natürlich tagsüber möglichst jederzeit erreichbar, wenn dringend eine Freiwillige gesucht und vermittelt werden soll. «Ja, es ist schon so», bestätigt Claire Huwyler, «Sterbebegleitung ist leider noch immer eine klare Frauendomäne. Unter den gut 150 Freiwilligen seien Männer noch immer die absolute Ausnahme. Vielleicht sei das halt ein Abbild der Gesellschaft, wo es noch immer üblich sei, dass es die Frauen sind, die pflegend tätig sind. «Vorläufig bleiben die Rollen fixiert. Dabei wären Männer auch am Sterbebett sehr gefragt», konstatiert Huwyler.

Die freiwilligen Sterbebegleiter entlasten also in erster Linie die Angehörigen, die Sterbende zu Hause pflegen. Das kann tagsüber geschehen oder auch ein Nachtdienst sein. Einsätze sind aber auch in Institutionen wie Pflege- und Altersheimen möglich. Dabei geht es in erster Linie um die Präsenz, darum, dass die Sterbenden nicht alleine sind und, wo es möglich ist, auch um das Gespräch. Wer wolle, könne, falls es gewünscht sei, auch vorlesen oder singen oder beten oder einfach nur schweigen und da sein, erklärt Huwyler. Pflegerische Handlungen werden in der Regel nicht ausgeführt; allenfalls Handreichungen, die aber vorher definiert werden: zu trinken geben, den Mund befeuchten, zur Toilette begleiten.

Noch zahlt der Kanton

Auch wenn die Landeskirchen die Ausbildung anbieten: Wer Sterbebegleiter werden will, muss keineswegs überzeugter Christ sein, versichert Claire Huwyler. Auf Wunsch sollen die Sterbebegleiter idealerweise auch über Spirituelles reden können; wer spürt, dass die Sterbenden mehr brauchen, kann einen Seelsorger vermitteln. Was man aber eher nicht möchte, sind Menschen mit einer grundsätzlich negativen Weltsicht.

Als freiwilliger Sterbebegleiter entscheidet man jedes Mal selber, ob man einen Einsatz annehmen will und kann oder nicht. Je nach Verfügbarkeit sind das zwischen 3 und 20 Einsätze pro Jahr, wobei die Einsätze unterschiedlich lang sind, manchmal kommt es nur zu einer einzigen Begegnung, oftmals begegnet man sich über Wochen, gar Monate immer wieder.

Die Tätigkeit ist unbezahlt. «Es gibt keinen Lohn, aber was man erhält, ist unbezahlbar», sagt Huwyler. Man werde reifer für das Leben. «Es ist auch eine gute Vorbereitung auf das, von dem man nicht weiss, wie es kommt und wann es kommt.» Huwyler, die selber auch als Freiwillige tätig ist, sagt, dass diese Arbeit ihr Leben verändert habe. «Ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben», erklärt Huwyler. Der Satz kommt so klar, dass er wahr sein muss.

Zu verdienen gibt es nichts, aber immerhin übernimmt der Kanton rund 90 Prozent der Kurskosten, falls die Teilnehmenden sich im Anschluss auch tatsächlich in der Palliative Care betätigen. Allerdings ist diese Finanzierung nur noch bis 2018 gesichert; der Kanton muss sparen. Wie es danach weitergeht, ist noch offen.

Der nächste Basiskurs in Palliative und Spiritual Care der Aargauer Landeskirchen für freiwillige Begleitpersonen und pflegende Angehörige beginnt am 6. März. Es hat noch wenige freie Plätze.