Berufsschule

«iGirl iBoy iPhone»: Bei diesem Mitmachtheater sind Smartphones erwünscht

Warum ein Mitmachtheater, das bald in der ganzen Schweiz auf Tour geht, in Baden Premiere feiert.

Wenn Ruedi Siegrist auf ein Projekt einsteigt, geht es immer um alles. So verwundert es nicht, dass Siegrist, seit ein paar Wochen Alt-Rektor der Berufsfachschule Baden (BBB), an diesem Novembernachmittag persönlich im Badener Theater im Kornhaus (Thik) erscheint. Es geht um das letzte BBB-Projekt, das er noch begleitet. Es ist ein Theater, genauer: ein Forumtheater, das von Baden aus die Schweiz erobern soll. Titel: «Forumtheater ‹iGirl iBoy iPhone› – Identitätsfindung junger Menschen in Zeiten der Globalisierung, der Digitalisierung und der Migration». Aha. Könnte alles sein und nichts. Wobei für ein Nichts kein solcher Aufwand betrieben würde. Seit zehn Wochen probt Regisseur Peter Braschler mit drei Schauspielerinnen und Schauspielern. Heute Montag ist Premiere. Danach geht die Produktion auf Tour durch Berufsschulen im ganzen Land, mindestens fünf Jahre lang.

Die Lernenden spielen mit

An diesem Nachmittag feilt die Truppe im Thik gerade an «Lebenswelt Nr. 1 – Berufsschule». Lichtdesigner Michael Omlin programmiert am Laptop den Ablauf, der Regisseur begrüsst die fiktiven Zuschauenden, «Grüezi mitenand, bla bla bla», ein Song ertönt aus der Anlage, «struggle, for your place in the world», kämpfe für deinen Platz in der Welt, singt Stéphanie Schmidt, 2013 Finalistin bei «The Voice Kids» Deutschland. Der Song wurden eigens für das Stück geschrieben. Und soll ein Hit werden, wie Regisseur Peter Braschler hofft: «Musik ist ein wichtiger Kanal zu den Herzen der Schüler».

Produziert wird «iGirl iBoy iPhone» von der Zürcher Theatercompanie Maralam, die sich als «Drehscheibe und Plattform für kulturelle Zusammenarbeit und Verständigung zwischen SchweizerInnen und AusländerInnen» versteht. Das Stück ist ein Forumtheater. Heisst: Zwar bereiten die Schauspielerinnen und Schauspielern die rund 30-minütigen Szenen vor und spielen sie auf der Bühne einmal. Doch danach ein zweites Mal, mitsamt dem Publikum. Die Szenen thematisieren Konflikte und fordern die Lernenden heraus, einzugreifen. Sie dürfen jederzeit Stopp rufen, Worte oder ganze Dialoge einbringen, oder gleich selber mitspielen. Alles ist erlaubt: den Konflikt lustiger zu machen, eskalieren zu lassen, zu lösen. «Die Erfahrung zeigt», sagt Braschler, «dass dieser Prozess des Ausprobierens von Lösungen spannend und befreiend ist.» Es werde viel gelacht. Begleitet wird das Theater vorher und nachher durch Unterrichtsmaterial.

Nicht aus dem luftleeren Raum

Es geht um die unterschiedlichen Frauen- und Männerbilder, denen Lernende heutzutage im Betrieb, in der Freizeit, zu Hause und in der Berufsschule begegnen. Es geht um Rassismus und Integration, um den grossen Einfluss sozialer Medien. Multimedia-Designer Michel Weber hat für das Stück ein ganzes System programmiert: das hölzerne Bühnenbild wird als Leinwand genutzt. Ein Chat wird eingeblendet. Über ein kabelloses Netz können sich alle Zuschauenden einloggen, während des Spiels Kommentare abgeben und Fotos hochladen.

Auch die Schauspieler haben ein Smartphone, mit dem sie das gleiche tun können, aber auch den Screen abschalten oder sich selber als Livevideo einblenden. Überhaupt ist das Bühnenbild multifunktional: es beherbergt herausnehmbare Holzbaustücke, die als Stuhl, Tisch, Liege oder Raumteiler genutzt werden können. Der Regisseur sitzt im Zuschauerraum. Er hat mit einem iPad die Master-Steuerung in der Hand und kann jederzeit allen ins Handwerk pfuschen. «Das Smartphone mussten wir einfach dabei haben, sonst würden wir die heutige Welt gar nicht richtig abbilden», sagt Peter Braschler.

Pro Vorführung werden drei bis vier Klassen im Thik sitzen. Um sich vorzubereiten, recherchierte die Crew direkt bei ihrem Publikum: in den Berufsschulen. Regisseur Braschler sagt: «Wir dürfen nicht aus dem luftleeren Raum kommen, die Kids merken das. Da kannst du grad einpacken.» Schauspielerin Meret Bodamer war beeindruckt von der Offenheit der Lernenden. Viele hätten detailliert von ihren Alltagsproblemen erzählt. «Das war für mich eine ganz neue Welt, weil ich selber die Matura gemacht habe.» Eine Probeaufführung mit zwei Informatikklassen bewies, dass die Recherchen in der realen Welt wichtig waren: «Wir spielten drei Stunden, und die hatten noch immer nicht genug», erzählt Darsteller Mehran Mahdavi begeistert. Kollegin Andreea Pintece freut sich darauf, etwas an die Persönlichkeit der Lernenden beisteuern zu können.

Trägerin des Projektes ist Travail Suisse, der unabhängige Dachverband der Arbeitnehmenden, finanziert wird es vor allem vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation und Swissmem. Wichtigster Träger ist momentan die BBB. «Sie ist quasi unser Papi», sagt Regisseur Peter Braschler, der bereits zwischen 2007 und 2014 mit dem Stück «Rookie» mehr als 20 000 Lernende erreicht hatte.

Die BBB stand für die Recherchen und die Entwicklung zur Verfügung. Bleibt die Frage: Was ist der Sinn, der langfristige Nutzen der Sache? «Viele unserer Jugendlichen glauben noch zu wenig an sich. Sie haben es auch nicht einfach. Hier können sie auf kreative Art Vertrauen gewinnen und sich etwas trauen», sagt Ruedi Siegrist.
Es geht um alles, ein letztes Mal.

Forumtheater «iGirl iBoy iPhone», Premiere: Mo 20.11., 14 Uhr; Aufführungen: 21.11., 9:15 Uhr; 22./23.11., jeweils 9:15 und 14 Uhr. www.igirlboyphone.ch

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