Schulden

«Ich rate allen Frauen, haftet nicht für den Mann»: Die Geschichte einer Aargauer Schuldnerin

Anja Furrer erhielt bei der Schuldenberatung AG/SO Unterstützung (Symbolbild).

Anja Furrer (55) erzählt, warum sie Schulden hat, warum sie niemandem davon erzählte und wie sie einen Ausweg aus der Misere fand.

In Anja Furrers* Leben gab es Situationen, in denen sie ihre Schwiegermutter im Pflegeheim nicht besuchen konnte, weil sie keine 60 Franken fürs Bahnbillett hatte. Es gab Jahre, in denen sie sich kein einziges neues Kleidungsstück, kein einziges neues paar Schuhe gekauft hat.

Es gab Tage, da wurde ihr schon beim Aufstehen schlecht. Warum? Anja Furrer hat Schulden. Anja Furrer sitzt in den Räumen der Schuldenberatung Aargau Solothurn in Aarau.

Sie ist eine gepflegte, schlanke Frau Mitte 50, hat lange braune Haare, trägt eine Bluse und eine blaue Stoffhose. Sie spricht leise, aber sehr überlegt, während sie ihre Geschichte erzählt:

«Vor rund 18 Jahren machte sich mein Mann selbstständig. Ich haftete mit, arbeitete aber weiterhin in meinem angestammten Beruf im kaufmännischen Bereich. Eigentlich lief das Geschäft gut. Aber dann kamen Ausgaben dazu, die wir unterschätzt hatten.

Wir wollten nicht aufgeben, wir hatten ja auch die Verantwortung für unsere Angestellten. Mein Mann arbeitete noch härter und ich half aus, wo ich konnte. Obwohl wir Schulden abbezahlten, kamen immer neue dazu. Zehn Jahre lief das so. Aber wir hatten trotzdem Hoffnung, dass doch noch alles gut kommen würde.»

Hoffnung verhindert oftmals Unterstützung

Neben Anja Furrer sitzt noch eine andere Frau am Tisch der Schuldenberatung. Es ist Barbara Zobrist, die Geschäftsführerin der Beratungsstelle. «Die Hoffnung kann ein Fluch sein», sagt sie. «Die Leute hoffen und arbeiten immer weiter und härter und merken nicht, dass sie sich Unterstützung holen sollten.»

Anja Furrer hörte vor acht Jahren auf, auf bessere Zeiten zu hoffen:

«Mein Mann wurde plötzlich schwer krank und arbeitsunfähig. Er war überzeugt, bald wieder ins Geschäft zurückzukehren. Ein Jahr lang hielten wir uns irgendwie über Wasser. Dann realisierten wir, dass wir die Firma aufgeben müssen. Ich bekam eine Lohnpfändung, mein Mann war daheim. Heute denke ich, wir hätten schon viel früher aufgeben müssen.

Und ich bereue es, mich damals mit meinem Mann als Geschäftsinhaberin eingetragen zu haben. Ich kann nicht mehr nachvollziehen, warum ich das gemacht habe. Ich rate allen Frauen, wenn sich der Mann etwas wünscht, ein Auto, eine Weltreise, eine Selbstständigkeit, sagt einfach: ‹Nein, tut mir leid, fang an zu sparen und lasse dich beraten›».

Jugendarbeiter Oliver Rüegger bringt den Bezirksschülern bei, ein Budget zu erstellen.

         

«Ich will dem Staat nicht auf der Tasche liegen»

Während Anja Furrer spricht, nickt Barbara Zobrist immer wieder zustimmend. Dass Frauen für ihren Mann haften und dann mit in die Schuldenspirale gezogen werden, sei keine Seltenheit.

Dann zählt sie die häufigsten Verschuldungsgründe ihrer Klienten auf. Jene wie Fehleinschätzungen, gescheiterte Selbstständigkeit und Krankheit passen zu Anja Furrers Schicksal. Viele Menschen rutschten auch wegen Arbeitslosigkeit, Scheidungen oder Sucht in die Schulden, sagt Zobrist.

Nachdem Anja Furrer und ihr Mann das Geschäft aufgegeben haben, lebten sie einige Jahre am Existenzminimum:

«Das war eine extrem belastende Zeit. Aber ich habe mich selbst in diese Situation gebracht, weil ich eine schlechte Entscheidung getroffen habe. Es war für mich immer selbstverständlich, dass ich die Schulden begleichen will. Nur wie? Es ist furchtbar schwierig, aus der Schuldenspirale herauszukommen.

Aufgeben war nie eine Option. Wenn ich nicht mehr funktioniere, funktioniert nichts mehr. Ich muss für meinen Mann da sein, der kann sich nicht helfen – auch nicht in Bezug auf die Schulden. Aber ich hatte Existenz- und Zukunftsängste. Ich fragte mich, was passieren wird, wenn ich es nicht schaffe, die Schulden bis zur Pensionierung zurückzuzahlen.

Rutsche ich in die Altersarmut? Soll ich mir vielleicht die Pensionskasse auszahlen lassen und damit die Schulden tilgen? Das kam für mich aber nicht infrage. Wovon sollte ich dann im Alter leben? Ich will dem Staat nicht auf der Tasche liegen.»

Ihre Schulden sind ihr grosses Geheimnis

«95 Prozent unserer Klienten sind fest entschlossen, die Schulden zurückzuzahlen», sagt Barbara Zobrist dazu. Schulden seien ein grosses Tabuthema.

«Über Geld spricht man nicht und über Schulden schon gar nicht. Verschuldung wird häufig als persönliches Versagen erlebt», so Zobrist.

Anja Furrer hat weder Familie noch Freunden von ihren Schulden erzählt:

«Ich habe Angst, dass ich meinen Freunden nach dem Geständnis nicht mehr auf Augenhöhe begegnen kann. Dass sie beispielsweise immer für mich zahlen wollen. Seit ich Schulden habe, habe ich mich sehr zurückgezogen.

Ich habe Ausreden erfunden, um nicht an Anlässe zu gehen. Nicht, weil ich keine Lust dazu hatte, sondern weil ich es mir nicht leisten konnte. Es kostet Kraft, die Fassade aufrechtzuerhalten.

Ausserdem schämt man sich ja für seine Situation und man hat Schuldgefühle, weil auch andere darunter leiden, beispielsweise meine Schwiegermutter. Auch am Arbeitsplatz habe ich mich zurückgezogen. Ich habe mich nicht gleichwertig gefühlt.»

Viele schämen sich

Barbara Zobrist sagt zu Furrer, sie habe Respekt vor ihr. Dass sie trotzdem stark blieb. «Bei den meisten Klienten zeigt sich das gleiche Bild wie bei Anja Furrer», sagt Zobrist.

Menschen ziehen sich aus Scham zurück. «Einmal hat ein Mann nach der Schuldensanierung zu mir gesagt, dass er jetzt endlich wieder ohne schlechtes Gewissen durchs Dorf laufen könne.»

Es komme auch vor, dass Klienten bei der Schuldenberatung anrufen und fragen, ob sie durch die Hintertür eintreten dürfen. «Sie haben Angst, dass sie jemand sieht», sagt Zobrist.

Nach über acht Jahren in der Schuldenspirale entschied sich Anja Furrer 2018 dafür, über ihre Situation zu sprechen – zumindest mit den Beratern:

«Ich hatte eine kurze Zeit keine Lohnpfändungen mehr, weil keine neuen Verlustscheine gestellt wurden. Plötzlich kam doch einer, mit einem sehr hohen Betrag. Da konnte ich mit dem Gläubiger noch eine private Ratenzahlung abmachen.

Aber danach kam noch mal ein Verlustschein, wieder mit einem sehr hohen Betrag. Es drohte mir die nächste Lohnpfändung und alles ist über mir zusammengebrochen. Ich wusste, ich brauche Hilfe, muss jemandem meine Situation darlegen.»

«Ich kann mich endlich wieder gleichwertig fühlen»

«Wenn man sich bei der Schuldenberatung meldet, setzt das voraus, dass man reinen Tisch macht», sagt Barbara Zobrist.

«Man muss Ordnung in ein Chaos bringen, das während Jahren entstanden ist.» Sind die Klienten lange in der Schuldenspirale, verlieren sie nicht selten den Überblick. Deswegen sei auch die erste Zeit bei der Schuldenberatung eher intensiv.

«Eine Schuldenberatung umfasst die Abklärung der familiären und sozialen Situation, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sowie der gesundheitlichen Verfassung der überschuldeten Person.»

Zobrist und ihr Team fragen nach, wo das Geld hinfliesst, erstellen einen Budgetplan, der sich am Existenzminimum orientiert, schauen, dass Krankenkasse und Steuern wieder bezahlt werden und ob allenfalls weitere Hilfeleistungen erschlossen werden müssen.

«Die bestmögliche Lösung für alle Parteien»

«Sind die Voraussetzungen für eine Schuldensanierung geschaffen, beginnen die Verhandlungen mit den Gläubigern, so Zobrist. «Wir versuchen für alle Parteien, die bestmögliche Lösung zu finden.»

Im Fall von Anja Furrer eignete sich man vor Gericht mit den Gläubigern. Sie muss sich jetzt strikt an einen Budgetplan und an die Ratenzahlungen halten. In drei Jahren hat sie ihr letztes Gespräch bei der Schuldenberatung.

Dann ist sie schuldenfrei: «Nach meinem ersten Treffen hier wusste ich nicht, ob überhaupt eine Lösung möglich ist. Aber ich fühlte mich besser, weil ich wusste, jetzt kümmert sich jemand darum. Niemand urteilt über dich, niemand macht dir Vorwürfe.

Das hat sich gut angefühlt. In drei Jahren habe ich ein neues Leben. Dann kann ich bei null anfangen und nach so vielen Jahren endlich ein normales Leben führen.

Damit meine ich nicht, dass ich den ganzen Lohn ausgeben werde, sondern dass ich mich endlich wieder gleichwertig fühlen kann.»

* Name geändert

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