Die Menschen, die heute in Alters- und Pflegeheimen leben, prägten einst das gesellschaftliche Leben. Nun sind sie auf Menschen angewiesen, die für sie sorgen. Was Pflegemitarbeiterinnen im Alltag erleben, schildern der az drei junge Frauen*. Am Ende bleibt die Frage: Welche Pflege erwarten wir für uns und unsere Angehörigen, wenn wir einmal darauf angewiesen sind - und was sind wir als Gesellschaft bereit, dafür zu bezahlen?

Hier erzählt die Auszubildende (18):

«Ich mag alte Leute. Vor allem ihre Lebensgeschichten. Manchmal fühle ich mich selber als alte Person, dabei bin ich erst 18 Jahre alt und noch in der Ausbildung. Ich unterhalte mich gern mit den Bewohnern. Natürlich spreche ich anders mit ihnen als mit meinen Freundinnen, das ist schon klar.

Das Allerschönste an meinem Beruf ist für mich, zu sehen, wie die Bewohner Fortschritte machen. Zum Beispiel beim Essen. Vielen fällt es schwer, selbstständig zu essen. Ich versuche dann, das passende Hilfsmittel für sie zu finden. Wenn sie den Arm nicht mehr gut beugen können, gebe ich ihnen einen Löffel, der gebogen ist. Wenn die Leute selber essen können, fühlen sie sich besser und wichtiger. Je weniger sie selber machen, desto unwichtiger fühlen sie sich. Meist geben sie dann immer mehr ab und am Schluss liegen sie nur noch im Bett und machen gar nichts mehr.

Traurig macht es mich, wenn ich einen Bewohner enttäuschen muss, weil ich keine Zeit habe - Personalmangel halt. Kürzlich habe ich einem Bewohner versprochen, mit ihm in einen Park zu gehen, in den er wollte. Aber wir hatten so viel zu tun, ich konnte nicht mit ihm gehen, auch wenn er mich immer wieder fragte: ‹Wann gehen wir?› Aber es ging einfach nicht. Das macht mich wirklich traurig.

Ich war auch schon allein auf einer Station mit neun Bewohnern. Das ist eigentlich verboten. Aber wir waren zu wenig Leute. Manchmal muss ich auch jemanden allein aufnehmen. Das ist nicht gut für den Rücken, ich weiss schon. Das Wichtigste aber ist, dass die Grundbedürfnisse der Bewohner befriedigt sind, also dass sie etwas zu essen und zu trinken haben und ausgeschlafen sind. Dass sie ausschlafen können, ist mir persönlich wichtig. Ich selber schlafe auch gern aus.

Eigentlich sind wir Lernenden angestellt zum Lernen, aber wir arbeiten sehr viel. Manchmal müssen wir auch Sachen machen, die wir gar nicht dürften. Dann heisst es: Sorry, wir haben Personalmangel. Es ist dann für mich schwierig, abzuschätzen, ob ich mich an die Regeln halten oder das Team enttäuschen soll. Darum habe ich auch schon Medikamente verteilt und Insulin gespritzt, obwohl ich das gar nicht dürfte. Ich finde es auf der einen Seite schön, dass das Team mir vertraut, gleichzeitig weiss ich: Wenn ich etwas falsch mache, gefährde ich die Leute. Aber es ist eben wichtig, dass wir es im Team gut haben, sonst wird es schwierig.

Einmal hat eine Pflegerin eine Bewohnerin ziemlich ruppig aufgefordert, etwas zu tun. Sie hat die Bewohnerin dabei geduzt. Dabei dürfen wir die Leute gar nicht duzen. In solchen Momenten arbeite ich gar nicht gern. Die Bewohner tun mir dann leid. Sie können sich nicht wehren und haben Angst.

Ich glaube nicht, dass das überall so ist. Aber dass die Bewohner nicht ernst genommen werden, das ist auch an anderen Orten so. Für mich ist es einfach wichtig, dass wir Zeit haben, den Leuten zuzuhören. Wie sollen wir sonst wissen, ob sie Schmerzen oder Angst haben?

Aber die Pflege ist eigentlich ein schöner Beruf. Das finde ich wirklich. Wenn man es richtig macht, kann man am Abend stolz heimkommen - das ist schön.»

Die junge Frau bleibt anonym, weil sie nach wie vor in der Pflege arbeitet. Ihr Name ist der Redaktion bekannt. Ihre Arbeit in der Pflege bezeichnet sie grundsätzlich als Traumjob.