Aargauerin des Jahres
"Ich kann nicht einfach hierbleiben und stillsitzen" – mit Marit Neukomm unterwegs in Serbien

Marit Neukomm, die Aargauerin des Jahres 2016, verwirklicht gerade ihr neues Flüchtlingshilfe-Projekt: eine mobile Zahnklinik. Die az hat sie nach Südserbien begleitet.

Andreas Fahrländer
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Eine mobile Zahnklinik für Flüchtlinge - mit Marit Neukomm im Flüchtlingslager Preševo in Serbien
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Einst Tabakfabrik, dann Ruine, jetzt ein Ort der Hoffnung für viele Menschen auf der Flucht: das Flüchtlingslager in Preševo.
Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef betreibt einen Kindergarten und Spielplätze im Lager.
Die Erwachsenen können Sport treiben, Sprachen lernen und helfen bei der Arbeit im Lager mit.
Bilal Arafeh und Aleksandra Čimburović haben in Belgrad Zahnmedizin studiert. Sie werden als erste in der mobilen Klinik arbeiten.
Endlich ist sie da: Die mobile Zahnklinik kommt mit zwei Tagen Verspätung in Preševo an.
Nicole Grogg (l.) und Marit Neukomm von "Volunteers for Humanity" mit Dunja (10) und Hiro (9) aus dem Irak.
Das Interesse ist gross: Kinder und Erwachsene begutachten die Klinik.
Aleksandra Čimburović wird sich einen Monat lang um Zahnprobleme der Flüchtlinge kümmern.
Alles ist da: ein Röntgengerät, ein Sterilisator für das Zahnarztbesteck, ein kleiner Computer und ein Stromgenerator.
Evar (7) aus dem Irak darf als erster auf den Patientenstuhl. Er hat Glück: Seine Milchzähne sind gesund.
Der 60 Jahre alte Kurbaneli Jaffari aus Afghanistan hat fast keine Zähne mehr.
Mubeen Loqmani (16) aus Afghanistan hat starke Zahnschmerzen. Er wird in den nächsten Wochen mehrmals in die Klinik kommen.
Nicole Grogg (25) aus Windisch arbeitet an der Fachhochschule Nordwestschweiz. In der Freizeit engagiert sie sich für "Volunteers for Humanity".
Marit Neukomm (33) hat "Volunteers for Humanity" vor gut einem Jahr gegründet. Im November 2016 wurde sie zur "Aargauerin des Jahres" gewählt.
"Chocolate, chocolate, chocolate!" - die Schoggistängeli werden Nicole Grogg aus den Händen gerissen.
Vanja Crnojević (36) aus Schlieren gründete das Hilfswerk "Borderfree Association". Besonders aktiv ist der Verein in Preševo und im griechischen Idomeni.
"Swiss Residence": Während des Balkankriegs flohen viele Bewohner von Preševo nach Deutschland und in die Schweiz. Heute bringen sie Geld und Know-how aus der neuen Heimat nach Preševo.
Es wird gebaut in Preševo: Neubauten schiessen wie Pilze aus dem Boden.
Nicht alle Neubauprojekte werden fertiggestellt - wie dieses Haus im Stadtzentrum.
Die grössere der beiden Moscheen von Preševo. Der Ort ist zum grössten Teil albanischsprachig und muslimisch.
Vor dem Schulgelände steht das Denkmal für den albanischen Nationalhelden Georg Kastriota Skanderbeg (1405-1468). Der Adelige verteidigte Albanien gegen die Osmanen.

Eine mobile Zahnklinik für Flüchtlinge - mit Marit Neukomm im Flüchtlingslager Preševo in Serbien

Aargauer Zeitung

Marit Neukomm ist angespannt. Die Aargauerin des Jahres ist gerade angekommen im kalten Süden Serbiens. Es ist Samstagmittag. Preševo ist keine schöne Stadt zu dieser Jahreszeit. Die Wiesen sind braun, Abfall fliegt herum, auf den Bergen liegt noch etwas Schnee.

Um 4 Uhr morgens ist Neukomm zu Hause in Oberentfelden losgefahren zum Flughafen. Sie ist zusammen mit ihrer Kollegin Nicole Grogg in die mazedonische Hauptstadt Skopje geflogen und von dort aus weitergefahren über die nahe Grenze nach Serbien.

Im Flüchtlingslager Preševo wollten sie am Nachmittag die mobile Zahnklinik eröffnen, die mit Spendengeldern aus der Schweiz finanziert wurde. Der Mercedes Sprinter diente in Deutschland als Ambulanzfahrzeug, jetzt ist er eine rollende, moderne Zahnarztpraxis. Inklusive elektrischem Patientenstuhl, Röntgenapparat, Stromgenerator und Sterilisator.

Bis an die Grenze und nicht weiter

Aber die mobile Zahnklinik kommt nicht an. Sie steckt fest an der kroatisch-serbischen Grenze. Es fehlen Zollpapiere. Marit Neukomm ärgert sich. Ihr Verein Volunteers for Humanity hat die Zahnklinik zum grössten Teil finanziert. 59 000 Euro hat sie gekostet.

Das Schweizer Hilfswerk Borderfree Association wird die Klinik vor Ort betreiben. Eine weitere Partnerorganisation, das deutsche Masroor Medical Research Institute, hatte die Idee dazu und liess das Fahrzeug im Dezember in Frankfurt umbauen.

Die Ärzte des Masroor Institute kamen auf die Idee, nachdem sie gesehen hatten, wie gross bei vielen Flüchtlingen der Bedarf nach zahnärztlicher Hilfe ist. Bei Marit Neukomm stiessen sie damit auf offene Ohren. Sie war immer wieder in Flüchtlingslagern in Griechenland und in Ungarn. Sie hatte eigentlich die Idee einer gynäkologischen Praxis im Kopf, weil Frauen auf der Flucht kaum Zugang zu Frauenärzten haben.

Viele leiden an schlechten Zähnen

Weil auch Neukomm gesehen hat, wie viele Flüchtlinge unter starken Zahnschmerzen und an schlechten Zähnen leiden, entschied sie sich, die Zahnklinik zu unterstützen – zusammen mit der Borderfree Association der Schweizerin Vanja Crnojević. Neukomm und Grogg treffen sie im Café Popaj – wie der Seemann – vor dem Eingang des Flüchtlingslagers. Crnojević ist als Zwölfjährige mit ihrer Familie selbst vor dem Krieg aus Bosnien in die Schweiz geflüchtet. Als 2015 die Flüchtlingskrise immer schlimmer wurde, hat sie die Borderfree Association gegründet.

Im Café Popaj ist die Luft zum Schneiden – in Serbien wird in den Restaurants noch geraucht. Die drei Frauen beratschlagen, wie sie die mobile Zahnklinik über die Grenze bringen. Per Handy sind sie ständig in Kontakt mit ihren Kollegen, die die Klinik von Frankfurt nach Serbien fahren. Das Auto allein würden die Zöllner passieren lassen, aber das mitgebrachte Material macht sie misstrauisch.

Unterstützung aus dem Aargau

Das Arbeitsmaterial stammt zum grössten Teil aus dem Aargau. Der Zahnarzt Georg Amberg aus Unterentfelden unterstützt das Projekt und hat seine Kollegen der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO Aargau um Mithilfe gebeten.

Es kam einiges zusammen: Geldspenden von etwa 12 000 Franken und Material wie Bohrer, Milchzahnzangen und Spritzen im Wert von 30 000 Franken. Amberg wird im Frühling nach Serbien reisen und die jungen serbischen Kollegen bei ihrer Arbeit unterstützen.

Die Zahnärzte Aleksandra Čimburović und Bilal Arafeh haben beide in Belgrad studiert, aber wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage keine Stelle gefunden. Probehalber sollen sie nun einen Monat in der mobilen Zahnklinik arbeiten. Die Behandlung eines Patienten kostet etwa 7 Euro, die Betriebskosten etwa 3000 Euro monatlich. Zur Deckung dieses Betrags werden laufend Spenden benötigt.

Spontan nach Thessaloniki

Als die Klinik am Samstagabend immer noch feststeckt, ohne Aussicht auf eine Weiterfahrt, entscheidet sich Neukomm spontan, nach Thessaloniki im Norden Griechenlands zu fahren. Dort will sie mit ihren Projektpartnern die Lage in den Flüchtlingslagern besprechen. Vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Das ist ihr lieber, als in Preševo zu bleiben und nichts zu tun. «Ich kann nicht einfach hierbleiben und stillsitzen», sagt Neukomm.

Sie will helfen, so viel sie kann. Sie arbeitet in Schöftland als Sportlehrerin und wohnt mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern in Oberentfelden. Als die Flüchtlingskrise immer schlimmer wurde, habe sie gedacht: «Ich sitze hier in meiner warmen Stube und dort erfrieren die Leute fast. Ich muss etwas tun.» Sie fuhr mit einem Hilfswerk nach Hegyeshalom an die ungarisch-österreichische Grenze und sah, wie tausende Frauen, Männer und Kinder mit Fieber, Lungenentzündungen und ohne Winterkleider aus den Zügen ausstiegen.

Neukomm fing an, Kleidersammlungen zu organisieren, und gründete den Verein Volunteers for Humanity. Wenn sie für den Verein unterwegs ist, sind die Mädchen bei ihrem Mann und den Grosseltern in guter Obhut. Im November wurde sie für ihr Engagement als «Aargauerin des Jahres» ausgezeichnet.

Nur viel Vitamin B hilft weiter

Am Montag ist es endlich soweit. Mit viel Vitamin B hat es Crnojević geschafft, dass die Klinik mit zwei Tagen Verspätung über die Grenze darf. Die Sonne scheint in Preševo, ein kalter Wind geht durch die Kieferallee im Flüchtlingslager. Die Klinik kommt hupend im Lager an. Es gibt eine kleine Einweihungsfeier mit Saft und Schweizer Schoggistängeli für die Kinder. Der Chef des Flüchtlingslagers zerschneidet das rote Band, die beiden Zahnärzte legen los mit ihrer Arbeit.

Die Kinder wollen alle ihre Zähne zeigen. Viel wichtiger ist die Hilfe aber für die Erwachsenen, die keine Milchzähne mehr haben. Nach der Eröffnung müssen Neukomm und Grogg los, zurück in die Schweiz. Auf dem Weg zum Flughafen in Skopje kann Marit Neukomm endlich runterfahren. Sie ist froh, dass es doch noch geklappt hat, und erzählt von den nächsten Projekten. Sie ist einen Moment still und sagt dann: «Ich war noch nie näher am Menschsein dran, als jetzt.»