Patrick Weber ist schwul. Vor 15 Jahren, als 19-Jähriger, hat er sich geoutet. Das machte ihn in Boswil, wo er aufgewachsen ist, zu einem «Pionier», wie er sagt. Als homosexueller Mann, und damit von Diskriminierung direkt betroffen, interessiert ihn, welche Faktoren dazu führen, dass sich Menschen schwulenfeindlich verhalten.

«Solche Erkenntnisse sind wichtig für die Prävention. Sie geben Anhaltspunkte, wo anzusetzen ist, wenn etwas verändert werden soll.» Im Rahmen seiner Masterarbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz besuchte Patrick Weber 58 Aargauer Schulklassen und liess die 8.- und 9.-Klässler einen Fragebogen ausfüllen.

Ausgewertet hat er nur die Antworten von Schülerinnen und Schüler, die sich selber als heterosexuell bezeichneten. Das waren 93,7 Prozent der Teilnehmer beziehungsweise 897 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren.

Was sie nicht mögen, ist «schwul»

Dass die Resultate so deutlich ausfallen würden, hat Patrick Weber nicht erwartet. «Ich wusste, dass Jugendliche, vor allem in diesem Alter, schnell einmal jemanden oder etwas als schwul bezeichnen», sagt er. «Aber dass es so viele sind, hat mich überrascht.»

Insgesamt haben in den letzten zwölf Monaten 85,4 Prozent der befragten Jugendlichen Aussagen gemacht, die entweder direkt oder indirekt diskriminierend gegenüber Schwulen waren. Wobei die Mehrheit ein geringes bis mittleres diskriminierendes Verhalten zeigt.

47,7 Prozent gaben an, in den letzten zwölf Monaten eine Person, die sie nicht mögen, als «Schwuchtel oder «schwule Sau» bezeichnet zu haben. In den Kommentaren zum Fragebogen relativierten einige Jugendliche ihre Aussagen. So notierte jemand: «Ich benutze die Sätze ‹das ist schwul›; ‹du bist eine Schwuchtel› sehr oft, aber meine es nie ernst.»

Mehrere schrieben, sie würden es freundschaftlich meinen. Es solle nicht als Angriff auf Homosexuelle verstanden werden. Das glaubt Patrick Weber. Die Ausdrücke seien heute Teil der Jugendsprache. «Aber aus Sicht des diskriminierten Schwulen reicht eine Aussage, damit er sich schlecht fühlt.»

Komisches Gefühl unter Schwulen

Weiter wollte Patrick Weber herausfinden, wie sich Jugendliche in einer Gruppe von schwulen Jungs fühlen würden oder wenn ein Freund von ihnen schwul wäre. Wirklich angenehm wären solche Situationen nur für die wenigsten der Befragten. Die Mehrheit, nämlich 54,3 Prozent, wiesen eine hohe bis sehr hohe negative affektive Einstellung auf.

Die Jungen empfanden die geschilderten Situationen deutlich unangenehmer als die Mädchen. Am unangenehmsten fänden es die jungen Männer, ihren Freund in ein Café zu begleiten, in dem sich vor allem Schwule treffen. Die Kommentare der Jugendlichen auf den Fragebögen verdeutlichen das. «Ich akzeptiere Homosexualität, aber wenn ich mit Schwulen bin, fühle ich mich einfach nicht so wohl», schreibt jemand.

Aufgeschlossener sind die Aargauer Jugendlichen bei der Gleichberechtigung. Rund zwei Drittel (66,1 Prozent) waren sehr dafür, dass Schwule die gleichen Rechte haben sollten wie alle anderen.

Jemand schreibt: «Jeder sollte gleich behandelt werden, egal, um was es geht.» 51,1 Prozent fänden es in Ordnung, dass auch schwule Paare heiraten dürfen. 63,7 Prozent finden, ein schwuler Junge müsse seine sexuelle Orientierung nicht ändern. «Mensch ist Mensch. Egal, ob schwul oder lesbisch», schreibt jemand.

Nur 14,5 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, dass Schwulsein weniger in Ordnung ist als eine Beziehung oder Sex zwischen Männern und Frauen. Gut die Hälfte (50,1 Prozent) finden Schwulsein genauso in Ordnung. In dieser Frage sind aber viele Jugendliche ambivalent, wie auch die Kommentare auf den Fragebögen zeigen.

«Ich finde es ok, wenn man schwul ist. Aber nicht, wenn ein adoptiertes Kind zwei Männer als Eltern hat», schreibt jemand. Ein anderer notiert: «Es ist nicht so, dass ich gegen Homosexuelle bin. Ich fände es nur merkwürdig, falls es in meiner Familie so wäre. Wieso gibt es sonst Männer und Frauen?»

Erschrocken ist Patrick Weber darüber, wie wenig Aargauer Jugendliche über Homosexualität wissen. 59,7 Prozent sagten, das sei im Unterricht noch nie thematisiert worden. «Ich weiss nicht sehr viel über Homosexuelle, denn ich habe noch nie einen getroffen», schreibt ein Schüler. 12,6 Prozent glauben, Schwule könnten zum Beispiel durch eine Therapie dazu gebracht werden, auf Frauen zu stehen. 59,4 Prozent wussten nicht, ob das möglich ist. Ein Schüler schreibt: «Schwul sein ist eine Behinderung.»

Religion und Rollenbilder

Die Masterarbeit zeigt nicht nur, wie Jugendliche über Schwule denken, sondern auch welche Faktoren Verhalten und Einstellung beeinflussen. Einer der wichtigsten Einflussfaktoren in diesem Alter ist das soziale Umfeld.

«Die Jugendlichen orientieren sich an der Meinung, die sie von Eltern oder Freundinnen und Freunden erwarten», sagt Patrick Weber. Weiter seien religiöse Jugendliche oft weniger tolerant. Auch das Geschlecht, eine höhere Akzeptanz von traditionellen Geschlechterrollen sowie wenig oder kein Kontakt zu Schwulen beeinflussen das Verhalten.

Ausserdem zeigten Jugendliche mit familiären Wurzeln in Südosteuropa und Vorder- und Zentralasien häufiger diskriminierendes Verhalten und eine negativere Einstellung. Das hat gemäss Patrick Weber aber stärker mit den dort verbreiteten traditionellen Geschlechterrollen zu tun.

Die Resultate der Studie würden zeigen, dass gehandelt werden muss. Auf Basis der Arbeit könnten nun Erkenntnisse für die Praxis gewonnen werden. Etwa, dass Begegnungen mit Homosexuellen helfen können, Vorurteile, Unsicherheiten und Ängste abzubauen.

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