Coronavirus
«Ich habe mich im Spital angesteckt»: Aargauer im Ausland berichten über ihre Corona-Erfahrungen

Wie gehen Aargauerinnen und Aargauer, die im Ausland wohnen, mit der Coronapandemie um? Wie prägen die Sicherheitsmassnahmen in der neuen Heimat ihren Alltag? Elf Personen auf fünf Kontinenten erzählen.

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Aargauerinner und Aargauer im Ausland: So erleben sie die Corona-Pandemie
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Stefan Benz (39) aus Wettingen lebt in Monterrey, Mexiko.
Lukas Lang (52) aus Baden lebt in Buenos Aires, Argentinien.
Hannelien Schütz (31) aus Rieden lebt in Cochabamba, Bolivien.
Shrey Kapoor (32) aus Nussbaumen lebt in Ahmedabad, Indien.
Claudio Steiner (35) aus Aarau, hier mit Ehefrau Mirjam und Pflegetochter Fatoumata, lebt in Deni Biram Ndao, Senegal.
Beda Ehrensperger (39) aus Endingen lebt in Accra, Ghana.
Marc Rohner (46) aus Mellstorf lebt in Hongkong.
Raphael Schmid aus Frick lebt in Sydney, Australien.
Anne-Marie Rupf (73) wohnt normalerweise in Ennetbaden und sitzt derzeit fest in Hundested, Dänemark.
Köbi Brem aus Wölflinswil ist gerade auf Schiff-Weltreise.

Aargauerinner und Aargauer im Ausland: So erleben sie die Corona-Pandemie

Carolina Lancelloti/zVg

Rio de Janeiro, Brasilien

23'430 Covid-19-Fälle in Brasilien am 15. April gemäss WHO (11 pro 100'000 Einwohner), 1328 Menschen sind gestorben (5,7% der Fälle)

Paula Lacorte (30) aus Untersiggenthal hier bei ihrem letzten Besuch in Baden.

Paula Lacorte (30) aus Untersiggenthal hier bei ihrem letzten Besuch in Baden.

Aargauer Zeitung

«Ich arbeite ausgerechnet als Ärztin für Infektiologie in drei Spitälern, zwei privaten und einem öffentlichen», sagt Paula Lacorte aus Untersiggenthal. «Da ich direkten Kontakt mit mehreren Covid-19-Patienten hatte, kam es so, wie es wohl kommen musste: Ich habe mich mit dem Virus angesteckt. Am Dienstag vor einer Woche ging es los mit Kopfschmerzen und Fieber. Am Ostermontag wagte ich mich erstmals ein wenig aus dem Bett. Im Unterschied zu anderen Grippen fühlt sich diese Erkrankung definitiv stärker an und der Krankheitsverlauf schleppt sich länger hin. Mir geht es inzwischen besser, ich bin auch jung. Bei älteren Menschen ist der Krankheitsverlauf unvorhersehbar.

In Brasilien scheint die Situation noch unter Kontrolle, noch haben wir genügend Betten in den Intensivstationen und das Gesundheitsministerium arbeitet beispielhaft – auch wenn es Kreise gibt, die den Ernst der Lage immer noch nicht einsehen wollen. Es dürfte bald ziemlich schlimm werden hier, denn die Fallzahlen steigen exponentiell an. In Rio und in São Paulo werden gerade Feldkrankenhäuser für die kommenden Fälle errichtet, eines sogar in einem Fussballstadion. Grösste Sorge bereitet der sozial benachteiligte Teil der Bevölkerung, der weniger Zugang hat zu adäquaten Gesundheitseinrichtungen. Diese Menschen werden die meisten Auswirkungen spüren, auch wirtschaftlich.» (dvi)

Monterrey, Mexiko

5014 Covid-19-Fälle in Mexiko am 15. April gemäss WHO (4 pro 100'000 Einwohner), 332 Menschen sind gestorben (6,6% der Fälle)

Stefan Benz (39) aus Wettingen lebt in Monterrey, Mexiko.

Stefan Benz (39) aus Wettingen lebt in Monterrey, Mexiko.

Aargauer Zeitung

«Die Anzahl Fälle ist landesweit noch eher niedrig, obwohl Mexiko da im Vergleich zu Europa natürlich ein paar Wochen im Rückstand ist», sagt Stefan Benz aus Wettingen. «Es kann sein, dass die grosse Welle noch kommt. Der Bundesstaat, in dem ich lebe, war bisher der Landesregierung immer um einen Schritt voraus betreffend Massnahmen gegen das Virus.

Grossveranstaltungen wurden auch hier in Mexiko abgesagt, die Schulen geschlossen, öffentliche Plätze gesperrt. Diverse grosse Firmen und Fabriken stehen still, nur kleine Geschäfte sind noch offen. Auch hier wird geschaut, dass es zu keiner Menschenansammlung kommt. Mir geht es verhältnismässig gut, denn ich habe das Glück, eine Festanstellung zu haben. Mein Arbeitgeber zahlt weiter den vollen Lohn. Anders sieht das beim Grossteil der mexikanischen Bevölkerung aus: Wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie nichts. Das Problem in Mexiko sehe ich deshalb vor allem als ein wirtschaftliches.» (dvi)

Buenos Aires, Argentinien

2336 Covid-19-Fälle in Argentinien am 15. April gemäss WHO (5 pro 100'000 Einwohner), 101 Menschen sind gestorben (4,3% der Fälle)

Lukas Lang (52) aus Baden lebt in Buenos Aires, Argentinien.

Lukas Lang (52) aus Baden lebt in Buenos Aires, Argentinien.

Aargauer Zeitung

«Zur Zeit herrscht bei uns noch Ruhe vor dem Sturm», sagt Lukas Lang aus Baden. «In den nächsten Tagen soll es so richtig losgehen mit der Welle von Infizierten. Präsident Alberto Fernández hat schnell reagiert. Ich denke, dies ist darauf zurückzuführen, dass einige hier Nachkömmlinge von Spaniern und Italienern sind und die Nachrichten aus diesen Ländern die Menschen hier besonders erschüttert haben. Überlegungen betreffend dem Schaden der Quarantäne an der Wirtschaft scheinen hier eher zweitrangig – vielleicht, weil Argentinien gerade sowieso auf die nächste Zahlungsunfähigkeit zusteuert. Die Regierung will den Unternehmern mit Zulagen helfen, damit die Löhne weiterhin bezahlt werden können.

Von den Menschen hier wird die Quarantäne streng eingehalten, auch wenn die Fallzahlen noch relativ niedrig scheinen – wobei auch diese Daten mit Vorsicht zu geniessen sind, da gar nicht genügend Tests gemacht werden konnten. Hygienemassnahmen sind für die ärmere Bevölkerung nicht leicht einzuhalten, denn sie leben oft in prekären Verhältnissen ohne Kloaken und fliessendem Wasser, vor allem ausserhalb der Städte. Die Polizei ist sehr präsent auf den Strassen und wenn man rausgeht zum Einkaufen kommt es vor, dass sie einem kurz anhalten und befragen. Viele Argentinier nehmen deshalb eine Einkaufstasche mit, wenn sie kurz spazieren gehen wollen.» (dvi)

Cochabamba, Bolivien

354 Covid-19-Fälle in Bolivien am 15. April gemäss WHO (3 pro 100'000 Einwohner), 28 Menschen sind gestorben (7,9% der Fälle)

Hannelien Schütz (31) aus Rieden lebt in Cochabamba, Bolivien.

Hannelien Schütz (31) aus Rieden lebt in Cochabamba, Bolivien.

Aargauer Zeitung

«Nach nur drei importierten Fällen Anfang März hat die Regierung hier schnell durchgegriffen», sagt Hannelien Schütz aus Rieden. «Alle Schulen wurden geschlossen und alle Flüge aus Europa gestrichen. Dann wurden die Arbeitszeiten schrittweise verkürzt. Seit dem 22. März stehen alle unter Quarantäne, seit dem 26. dürfen sogar nur Personen von 18 bis 65 Jahren raus und zwar nur an einem Werktag pro Woche von 7 bis 12 Uhr entsprechend der letzten Ziffer auf der ID. Gestern Dienstag war also mein Tag, pro Haushalt darf nur jeweils eine Person einkaufen gehen.

Der Fokus auf die Prävention ist absolut richtig: Bolivien hat eines der schlechtesten Gesundheitssysteme in Südamerika und hätte sonst keine Chance, dies sind sich die Menschen hier sehr bewusst. Sie sind es sich auch gewöhnt, dass das ganze öffentliche Leben mal stillgelegt ist. Anders als in Europa ist dies keine totale Ausnahme. Viele Menschen in Bolivien leben von ihrem direkten Tageseinkommen, die Meisten arbeiten im informellen Sektor. Die Regierung hat nun Hilfspakete erarbeitet. Schön sind die vielen Initiativen von privaten Gruppierungen, die etwa Lebensmitteln an bedürftigen Familien verteilen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise werden zwar diskutiert, aber im Moment steht klar das kurzfristige Überleben im Fokus. Es gibt zwar noch wenig bestätigte Fälle, aber auch kaum Tests, was auf eine hohe Dunkelziffer hindeutet. Zudem schwingt immer eine politische Komponente mit: Die Übergangsregierung bleibt durch die Corona-Krise länger im Amt, die Wahlen von Anfang Mai wurden bis auf weiteres sistiert.

Ich fühle mich zwar sehr eingesperrt, aber sonst geht es mir gut: Mit zwei Arbeitsstellen bin ich auch sehr privilegiert und immer beschäftigt. Nur die ganze Situation fühlt sich absurd an: In Bolivien sind wir seit den annullierten Wahlen vom Oktober und dem Exil von Ex-Präsident Evo Morales im Ausnahmezustand. Schon damals lag alles für fast drei Wochen still. Emotional fand ich es damals viel belastender, denn man hatte keine Ahnung, was als nächstes passieren würde. Dann lockerte sich die Lage etwas – und nun steht wieder alles still. Das Gefühl, nicht mehr aus dem Ausnahmezustand herauszukommen, ist irgendwie surreal.» (dvi)

Ahmedabad, Indien

11'439 Covid-19-Fälle in Indien am 15. April gemäss WHO (1 pro 100'000 Einwohner), 377 Menschen sind gestorben (3,3% der Fälle)

Shrey Kapoor (32) aus Nussbaumen lebt in Ahmedabad, Indien.

Shrey Kapoor (32) aus Nussbaumen lebt in Ahmedabad, Indien.

Aargauer Zeitung

«Die kurzfristige Ankündigung des Lockdowns nur wenige Stunden vor Umsetzung veranlasste viele Menschen, vorher noch Panikkäufe zu tätigen», sagt Shrey Kapoor aus Nussbaumen. «Und sie stellten sich als nicht ganz unbegründet heraus: Lebensmittelläden blieben trotz Zusicherungen der Regierung danach tagelang geschlossen. Auch Wochen später ist die Auswahl in den geöffneten Läden stark eingeschränkt, teilweise wegen Lieferengpässen, und durch die verkürzten Öffnungszeiten entstehen sehr lange Schlangen, die das Abstandhalten erschweren.

Weitverbreitet ist auch die Polizeigewalt gegen Personen, die sich nach draussen begeben, um Dinge zu transportieren oder essenzielle Dienstleistungen zu erbringen. Ich wurde vom Lockdown überrascht und wage mich nur selten aus meiner Wohnung, um das Nötigste einzukaufen. Am schlimmsten trifft die Ausgangssperre Indiens Wanderarbeiter aus ländlichen Regionen, die ohne öV, Arbeit und Verpflegung in den Grossstädten festsitzen. Hunderttausende versuchen derzeit, zu Fuss in ihre Heimatdörfer zurückzukehren, obwohl diese bis zu 500 Kilometer weit entfernt sind. Das Massnahmenpaket der Regierung fiel im Vergleich zu anderen Ländern eher bescheiden aus und wir nur schwer an informelle Haushalte ohne Bankkonto gelangen.

Um die nationale Moral zu stärken, hat Premierminister Narendra Modi mehrmals zu Solidaritätsbekundungen aufgerufen: Vom Balkon aus sollte man für medizinisches Personal und Arbeiter applaudieren und Kerzen anzünden. In meiner Nachbarschaft wurde dem dermassen überschwänglich Folge geleistet, dass sich Menschen tanzend auf die Strassen begaben und sogar Feuerwerke zündeten. Nachdem Modis Regierung sich zuletzt mit Protestbewegungen gegen das antimuslimische Staatsbürgerschaftsgesetz konfrontiert sah, könnte nun die Unterdrückung der Proteste durch die Pandemie legitimiert werden und die muslimische Minderheit wird zudem von vielen Kreisen noch für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht.

Es ist schwer zu sagen, ob die Massnahmen zur Eindämmung des Virus Wirkung zeigen, da Indien bisher eine der tiefsten Testraten aufweist (105 Tests pro Million Einwohner). Eine rasche Ausbreitung der Pandemie wäre fatal: Das Gesundheitssystem in Indien stellt viel zu wenig Betten zur Verfügung, die sich dazu vornehmlich ausser Reichweite der breiten Bevölkerung in teuren, urbanen Privatspitälern befinden.» (dvi)

Deni Biram Ndao, Senegal

299 Covid-19-Fälle in Senegal am 15. April gemäss WHO (2 pro 100'000 Einwohner), 2 Menschen sind gestorben (0,7% der Fälle)

Claudio Steiner (35) aus Aarau, hier mit Ehefrau Mirjam und Pflegetochter Fatoumata, lebt in Deni Biram Ndao, Senegal.

Claudio Steiner (35) aus Aarau, hier mit Ehefrau Mirjam und Pflegetochter Fatoumata, lebt in Deni Biram Ndao, Senegal.

Aargauer Zeitung

«Wir wohnen zirka 50 Kilometer von Dakar entfernt in einem kleinen Dorf», sagt Claudio Steiner aus Aarau. «Desto weiter weg von der Stadt, desto weniger merkt man etwas von der Pandemie. In Dakar laufen etwa viele Personen mit Masken herum, bei uns im Dorf hingegen kaum jemand. Die Menschen zeigen keine grosse Angst – vielleicht, weil sie sich Leid und Probleme gewohnt sind. Senegalesen sind konstant etwas ausgesetzt, das sie nicht kontrollieren können. Es sind eher die wohlhabenden und gebildeten, die Angst haben.

Wir hatten kürzlich Gäste aus der Schweiz und sie haben es geschätzt, wie hier keine Panik herrscht. Dennoch hat die Regierung präventiv den Notstand ausgerufen, erstmals seit über 30 Jahren. Sie will verhindern, dass die Menschen nach draussen gehen. Die Senegalesen sind sehr gesellschaftliche und affektive Menschen, die einander oft berühren. Nachts dürfen wir nun nicht aus dem Haus, um tagsüber die Region zu verlassen braucht man eine Bewilligung. In einem Auto dürfen maximal drei Personen sitzen einschliesslich dem Chauffeur, der Maske und Handschuhe zu tragen hat, was aber nicht immer eingehalten wird. Busse fahren nur mir halber Belegung. Gewisse Märkte dürfen nur alle paar Tage öffnen. Die offizielle Anzahl Fälle scheint uns tief, vor allem die Sterberate. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Es gibt viele Todesfälle ohne dokumentierte Ursache, für uns ist es deshalb schwierig, die Lage genau einzuschätzen.

Bei der Ebola-Epidemie vor wenigen Jahren war Nachbarland Guinea stark betroffen, Senegal hingegen kaum. Damals habe ich auch nur von einzelnen Ausländern gehört, die die Flucht ergriffen haben. Für uns war es kein Thema, jetzt in die Schweiz zu fliegen – auch weil wir hier als Pflegeeltern für vier Kinder verantwortlich sind und wegen einer Krise verlassen wir unsere Kinder sicher nicht.» (dvi)

Accra, Ghana

636 Covid-19-Fälle in Ghana am 15. April gemäss WHO (2 pro 100'000 Einwohner), 8 Menschen sind gestorben (1,3% der Fälle)

Beda Ehrensperger (39) aus Endingen lebt in Accra, Ghana.

Beda Ehrensperger (39) aus Endingen lebt in Accra, Ghana.

Aargauer Zeitung

Beda Ehrensperger (39), Musiker und Schlagzeuger, aufgewachsen in Endingen, wohnt seit letztem August mit seiner Frau und den zwei Söhnen in Accra. In der Hauptstadt Ghanas baut er ein Kulturzentrum auf. «Ganz nach europäischem Vorbild wird auch hier auf den Lockdown gesetzt. Die zivilisierten Länder machen es vor, die Entwicklungsländer machen es nach», schreibt er auf Facebook. Ganz so einfach wie in Europa sei die Umsetzung aber nicht. «Zu Hause zu bleiben, funktioniert in vielen Gebieten hier nicht. Was ist mit all den Familien, die zu fünft in einem Raum leben?»

Die rund 1,6 Millionen Menschen in der Stadt wohnen sehr nahe beieinander. «Die meisten schränken ihren Radius schon sehr ein. Aber wenn man vor die Türe geht, trifft man auf den Nachbarn.» Die Lösungen im Kampf gegen Corona, die in der ersten Welt hoffentlich funktionieren, könnten nicht einfach so übernommen werden, so Beda Ehrensperger. «Ich denke mal, dass es hier auf eine Durchseuchung hinausläuft.»

Vor ein paar Tagen habe ihn ein Freund um Hilfe gebeten; sein Geschäft war derart eingebrochen, dass er und seine Familie seit Tagesanbruch nichts gegessen hatten. «Ghanas Regierung hat 100 Millionen Dollar gesprochen - vielleicht reicht das Geld sogar, um die Lohnausfälle von Nebenerwerben der Regierungsmitglieder abzufedern, aber bestimmt nicht, um dem lokalen Schreiner, dem Motorradkurier, der Zahnbürstenverkäuferin oder dem Schuhputzkind unter die Arme zu greifen.» (pkr)

Hongkong

1017 Covid-19-Fälle in Hongkong am 15. April gemäss www.coronavirus.gov.hk (14 pro 100'000 Einwohner), 4 Menschen sind gestorben (0,4% der Fälle)

Marc Rohner (46) aus Mellstorf lebt in Hongkong.

Marc Rohner (46) aus Mellstorf lebt in Hongkong.

zvg

In Hongkong, wo der Zurzibieter Marc Oliver Rohner (46) für ein Schweizer Ingenieurunternehmen arbeitet, gab es trotz enormer Bevölkerungsdichte vergleichsweise wenige Covid-19-Fälle. «Das ist ganz klar auf die Erfahrung mit Pandemien und die zu frühem Zeitpunkt getroffenen strikten und ausgeklügelten Massnahmen zurückzuführen», sagt er. «Und Hongkong hat mit nur einer Landesgrenze – zu China – einen entscheidenden geografischen Vorteil. Diese Grenze hat 13 Übergänge, elf davon wurden sehr bald konsequent geschlossen.

Wer trotzdem notfallmässig einreisen musste, wurde ebenso konsequent in eine zweiwöchige Quarantäne gesteckt und überwacht. Damit ist der sonst sehr starke Touristen- und Grenzgängerverkehr seit Ende Januar komplett unterbunden. Es wurde nicht über wirtschaftliche Schäden diskutiert, sondern aus der Erfahrung heraus gehandelt.» Auch China hat mittlerweile die Grenzen geschlossen – «aus Angst, das Virus nun aus Europa oder den USA wieder anzuschleppen, wo China doch über den Berg zu sein scheint». Für Rohner hat das zur Konsequenz, dass er nicht zur in China ansässigen Firma seines Arbeitgebers reisen kann. Ins Hongkonger Büro geht er aber jeden Tag.

Nachdem sich die Infektionszahlen in Hongkong - die Stadt hat so viele Einwohner wie die Schweiz - zunächst stabilisiert hatten, stiegen sie wieder. «Wie befürchtet haben einheimische Studenten das Virus auf der Flucht aus Europa nach Hongkong eingeschleppt und sich prompt nicht an die Regeln gehalten», erzählt Rohner. «Mit dem Resultat, dass alle Unterhaltungs- und Vergnügungseinrichtungen, deren Hauptgeschäft nicht die Mahlzeiten sind, für zwei Wochen geschlossen wurden.» Restaurantbesuche seien derzeit kein Problem, aber: «Jetzt werden auch vom Personal Masken verlangt, jedem Gast wird beim Betreten die Temperatur gemessen und er wird registriert.»

Es gibt in Hongkong zwar keine generelle Maskentragpflicht. «Aber es tragen alle eine, ausser ein paar Expats», sagt Rohner. «Jedem Asienreisenden ist sicher schon aufgefallen, dass auch ohne Pandemiegefahr Personen mit Mundschutz im öffentlichen Raum zu sehen sind. Was wir Ausländer als panische Massnahme infolge einer harmlosen Erkältung interpretieren, hat in Asien und speziell in Hongkong, Südkorea und Japan System. Da die Personendichte in diesen Grossstädten sehr hoch ist, muss auch schon bei einer normalen Grippe oder Husten ein Mundschutz getragen werden, selbst wenn es nur einfache chirurgische Schutzmasken sind.»

Neu sei, dass Hongkong die Produktion von Masken und Desinfektionsmitteln wieder selber an die Hand genommen habe, «da man den Masken aus China nicht traut und dort speziell jetzt wieder viel minderwertige und qualitativ schlechte Masken hergestellt werden». (nro)

Sydney, Australien

6416 Covid-19-Fälle in Australien am 15. April gemäss WHO (26 pro 100'000 Einwohner), 61 Menschen sind gestorben (0,4% der Fälle)

Raphael Schmid aus Frick lebt in Sydney, Australien.

Raphael Schmid aus Frick lebt in Sydney, Australien.

Aargauer Zeitung

«Corona zwingt auch in Australien zu erheblichen Anpassungen im Tagesablauf. Viel Zeit verbringe ich zu Hause und gehe nur raus, um Sport zu treiben oder einzukaufen. Für unsere rund 1600 Mitarbeiter gilt seit dem 11. März Homeoffice. Da wir eine Anwaltskanzlei sind und wichtige Prozesse und Gerichtstermine teilweise noch wahrgenommen werden müssen, ist es in Ausnahmefällen erlaubt, an Verhandlungen teilzunehmen. Wenn immer möglich werden Kontakte aber telefonisch oder via Videokonferenzen wahrgenommen. Ich will mich nicht beklagen und bin dankbar, dass ich gesund bin, keine Vorerkrankungen habe und mich nicht mit dem Virus infiziert habe.

Im internationalen Vergleich gibt es in Australien bis jetzt vergleichsweise wenige Fälle. Die Bevölkerung geht mit der Situation grundsätzlich gelassen um. Restaurants, Freizeitparks und Einkaufszentren (mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften) sind auch bei uns geschlossen, Events wurden verschoben oder abgesagt und Menschenansammlungen sind nicht erlaubt. Da sich anfänglich nicht alle Leute an die Regeln hielten, mussten auch Strände geschlossen werden. Ob man mir als Nicht-Australier anders begegnet? Nein, meine Herkunft hat keinerlei Einfluss.

Gefreut haben mich die zahlreichen E-Mails und Hinweise von unserem Generalkonsulat, welches auf die letzten Rückflugmöglichkeiten in die Schweiz hingewiesen hat und sich auch erkundigt hat, ob man von Freunden, Verwandten oder Bekannten weiss, welche sich als Touristen im Land befinden und retour in die Schweiz möchten. Es zeigt, dass das System funktioniert und sich die Schweiz um ihre Leute im Ausland kümmert.» (twe)

Hundested, Dänemark

6511 Covid-19-Fälle in Dänemark am 15. April gemäss WHO (112 pro 100'000 Einwohner), 299 Menschen sind gestorben (4,6% der Fälle)

Anne-Marie Rupf (73) wohnt normalerweise in Ennetbaden und sitzt derzeit fest in Hundested, Dänemark.

Anne-Marie Rupf (73) wohnt normalerweise in Ennetbaden und sitzt derzeit fest in Hundested, Dänemark.

Aargauer Zeitung

Mitte Februar war es, als sich Anne-Marie Rupf (73) mit dem Auto auf den Weg in den Norden machte. Die gebürtige Dänin verbringt im Jahr zwei bis drei Monate in ihrer alten Heimat. Nahe des kleinen Hafenstädtchens Hundested, rund eine Fahrstunde von Kopenhagen entfernt, besitzen sie und ihr Partner ein kleines Sommerhäuschen. «Eigentlich plante ich, rund fünf Wochen in Dänemark zu bleiben.» Nach zwei Wochen Aufenthalt habe es immer mehr schlimme Nachrichten über das Coronavirus gegeben. «Doch damals ahnte ich noch nicht, was für Ausmasse das Virus nehmen wird.»

Anne-Marie Rupf überlegte sich Ende März zwar, in die Schweiz zurückzureisen, entschied sich dann aber dagegen, weil sie gar nicht sicher war, ob man sie in Dänemark auf die Fähre nach Deutschland lassen würde. «Natürlich fehlt mir der Austausch mit meinem Partner und meiner Familie. Und doch empfinde ich meinen Aufenthalt auch als etwas Schönes», sagt Rupf. Es sei quasi eine Reise zurück zu ihren Wurzeln. «Ich erlebe vieles was mich an meiner Kindheit erinnert. Ich lese dänische Literatur und höre im Radio die Lieder, die mir so bekannt sind.» So werden im Radio und im TV jeden Morgen bekannten Lieder auf Wunsch gespielt und viele Dänen, Jung und Alt singen die Lieder zuhause mit.

Anne-Marie Rupf sagt: «Es gibt sicher schlimmere Orte, wo man stranden könnte, als im Sommerhaus bei diesem herrlichen Frühlingswetter. Und doch sei es speziell, über so lange Zeit ganz auf sich gestellt zu sein. «Ein schönes Erlebnis hatte ich vor ein paar Tagen, als ich mit einer Nachbarin, die ich nicht sehr gut kenne, ins Gespräch kam und ihr erzählte, dass das milde Wetter zwar schön sei, ich aber nur Winterkleider eingepackt hatte.» Die Nachbarin habe nicht lange gezögert und ihr ein paar Sommerkleider gebracht mit der Bemerkung, die könne sie dann behalten. «Ich kann zwar gut alleine sein. «Trotzdem werde sie versuchen, in zwei, drei Wochen in die Schweiz zurückzukehren. «Ich sehne mich nach meinem Partner und meiner Familie. Ich freue mich wahnsinnig, sie bald wieder zu sehen.» (mru)

Auf Schiff-Weltreise, gerade in Ocho Ríos, Jamaika

73 Covid-19-Fälle in Jamaika am 15. April gemäss WHO (2 pro 100'000 Einwohner), 4 Menschen sind gestorben (5,5% der Fälle)

Köbi Brem aus Wölflinswil ist gerade auf Schiff-Weltreise.

Köbi Brem aus Wölflinswil ist gerade auf Schiff-Weltreise.

Aargauer Zeitung

«Momentan liegen wir in Ocho Ríos, an der Nordküste von Jamaika, vor Anker», sagt Köbi Brem aus Wölflinswil. «Uns geht es gut. Dem Virus sind wir bis jetzt erfolgreich ausgewichen, so soll es auch bleiben. Die Lage ist sehr angespannt, aber es bleibt ruhig in der Bevölkerung. Die Massnahmen, die der Staat anordnet, werden im Wesentlichen umgesetzt. Die getroffenen Massnahmen sind ähnlich wie in der Schweiz. Lebensmittelläden sind offen, alles andere geschlossen. In der Nacht herrscht striktes Ausgangsverbot. Wir empfinden es als Vorteil, in dieser Zeit auf einem Schiff zu leben. So fällt es uns leichter, eine klare Distanz zur Aussenwelt zu schaffen.

Da wir ins Land gekommen sind, als der Virus noch nicht auf der Insel war und wir eine Aufenthaltsbewilligung bis Ende Mai haben, dürfen wir uns bewegen wie die Einheimischen. Wir dürfen also auch an Land. Wir kennen viele andere Schiffe, die nach uns gekommen sind, deren Crews nicht an Land dürfen. Die Leute machen Touristen verantwortlich für das Coronavirus, dementsprechend machen viele Einheimische einen grossen Bogen um uns. Was die Versorgung mit Lebensmitteln angeht, haben wir Glück: In Fussdistanz gibt es ein paar gute Lebensmittelläden.

Auch wenn uns der Zutritt an Land verweigert würde, wäre das aus Verpflegungssicht kein grosses Problem. Wir haben viel Proviant an Bord und könnten einige Wochen ohne Landgang überstehen. Das Virus hat einen grossen Einfluss auf unsere Reisepläne, die wurden total über den Haufen geworfen. Unsere nächsten Traumziele, Cayman Islands und Kuba, sind geschlossen. Spätestens wenn die Hurrikanzeit im Juni beginnt, müssen wir weg hier. Wohin ist im Moment völlig unklar.» (twe)