In der Schweiz zeigen bis 75 000 Menschen ein problematisches Spielverhalten oder leiden gar an Spielsucht. Eine hohe Zahl, hinter der viele Einzelschicksale stehen. Doch wie wird man überhaupt spielsüchtig, und was kann man dagegen tun? Die AZ konnte mit einem Betroffenen reden, der seit zehn Jahren darunter leidet. Aus Persönlichkeitsschutzgründen bleibt er anonym, wir nennen ihn Pedro.

Wie geriet er in diese Spirale? Er habe wohl schon immer eine Neigung zum Spielen in sich gehabt, sagt er. Geldspiele begannen dann erst einmal mit Freunden: «Wie viele andere auch, mal ein Pokerabend, ab und zu zusammen ins Casino oder auch mal an ein Pferderennen.» Dann entdeckte er für sich Onlinecasinos: «Da habe ich auch schnell einmal einen grösseren Gewinn gehabt, das war wohl ein Auslöser.»

Darauf ging er oft allein in «echte» Casinos. Das waren wie Ausflüge für sich allein, schildert er. Da die Casinos an verschiedenen Orten sind, schaute er auch die jeweilige Stadt an, ass in einem guten Restaurant und verbrachte dann den Abend im Casino. Aber was hat ihn so gepackt? Er habe da auch abschalten können, ein Bier getrunken «und die Atmosphäre genossen», sagt er.

Sogar Geld anderer verspielt

Schliesslich habe er selbst gemerkt, dass er spielsüchtig geworden war. Pedro sagt heute: «Ich habe die Schwere aber sicherlich unterschätzt. Es gab dann eine Situation, wo ich Geld, welches nicht mir gehörte, verspielt habe. Da brauchte ich Hilfe von jemandem aus meiner Familie, um wieder herauszukommen.»

An diese Unterstützung war auch die Forderung nach einer Therapie geknüpft. Mit diesem Schritt hat Pedro dem Rest seiner Familie und engen Freunden von seiner Spielsucht erzählt: «Das ist enorm wichtig und befreiend gewesen.»

Pedro spielte auch Lotto, kaufte ein Rubellos. Aber eigentlich haben ihn nur die Casinos und Online-Casinos so richtig in ihren Bann gezogen. Um wie viel Geld spielte er? Er nahm jeweils zwischen 200 und 1000 Franken mit. Das machte er ein- bis dreimal pro Monat. Doch was geschah dann, wurde er gesperrt?

Seine überraschende Antwort: «Ich habe mich selber sperren lassen.» Vonseiten der Casinos habe er nie etwas gehört, wurde auch nie angesprochen. Seine Einsätze waren im Vergleich mit anderen Spielern wohl auch eher niedrig, sucht er eine Erklärung.

Steht er heute manchmal vor einem Casino und will rein? Er halte sich an die Sperre respektive er vertraue darauf, dass diese auch greift, sagt Pedro: «Ich habe seither nie mehr versucht, ein Casino zu betreten. Das Wissen allein, dass ich nicht rein darf, hat mir enorm geholfen. Ich bin gesperrt, die Möglichkeit, dort zu spielen, gibt es für mich nicht mehr.»

Ist er denn jetzt weg vom Spielen oder einfach auf Angebote ausserhalb der Casinos ausgewichen? Er spiele fast nicht mehr, antwortet Pedro, räumt aber ein: «Ganz davon wegzukommen, ist wirklich schwierig.» Das heisst? Online-Casinos seien leider jederzeit und überall zugänglich, tönt es seufzend zurück.

Bezug zum Geld verloren

Hat er über die Sperre hinaus etwas unternommen, um von der Krankheit loszukommen? Ja, sagt Pedro, er sei seit gut fünf Jahren in einer Therapie. Das Wichtigste, damit es gelingen kann, sei ein stabiles Umfeld sowie ein geregeltes Leben und Einkommen, sagt er. Bei ihm war «in der schwierigsten Zeit der Bezug zu Geld, zum Wert von Geld, total verloren gegangen».

Als er finanziell langsam wieder auf Kurs war, habe sich diese Einstellung aber wieder geändert. Pedro: «Vor ein paar Jahren habe ich bis zum letzten Franken alles verspielt. Dies passiert mir nicht mehr, sicherlich auch dank der Therapie.»

«Kopf denkt ans nächste Spiel»

Doch was heisst eine Krankheit für sein Leben, seinen (finanziellen) Alltag, seine Familie? Wenn man wirklich drin sei, bestimme das Spielen die Gedanken, sagt Pedro. Das nehme viel Geld, viel Zeit und viele Emotionen in Beschlag. Menschen, die einem nahe sind, nahe sein sollten, bekommen nicht mehr die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Pedro selbst fühlte sich oft isoliert und abgestumpft. Es sei in so einer Situation schwierig, sich über natürliche, alltägliche Situationen zu freuen: «Der Kopf ist ständig rastlos und denkt ans nächste Spiel», analysiert er ungeschminkt sein eigenes Verhalten.

Pedro geht nicht mehr ins Casino, seit er gesperrt ist. Mit dem neuen Geldspielgesetz sollen jetzt auch online Spielsperren verhängt werden können. Würde er sich denn daran halten? Es wäre ja sehr einfach, diese zu umgehen. Er hoffe, antwortet Pedro, dass das Gesetz beim Spielerschutz im Netz «so gut greift wie in den Casinos». Der Staat sollte die Möglichkeit haben, Transaktionen von und zu ausländischen Anbietern zu kontrollieren beziehungsweise zu verbieten, ist er überzeugt. Spielerschutz online einfacher?

Es gebe bereits heute ausländische Anbieter, die Spieler aus der Schweiz nicht zulassen. Er fordert deshalb: «Das Gesetz müsste meiner Meinung nach so weit gehen, dass es trotz der Umgehung einer Netzsperre nicht möglich ist, sich aus der Schweiz dort zu registrieren.» Deshalb begrüsst er den Vorschlag, die Onlinecasinos zu kontrollieren. Hier könne der Spielerschutz wohl sogar viel einfacher umgesetzt werden als in den Casinos, glaubt Pedro.

Wie kommt er darauf? Im Netz fühlten sich viele praktisch anonym. Neben dem offensichtlichen, nämlich den Verlusten und Einzahlungen, könne im Netz auch die Zeitdauer überprüft werden, die jemand spielt, wendet Pedro ein. Und warnt: «Diese Sucht isoliert Spieler. Auch hier hat man eine grosse Chance, etwas Neues umzusetzen.»

Aber die «Hardcore-Spielsüchtigen» würden doch die Regeln im Netz schlicht umgehen und dann einfach bei nicht konzessionierten ausländischen Anbietern spielen? Dass das so einfach wäre, glaubt Pedro nicht. Er ist überzeugt, dass die seriösen ausländischen Anbieter künftig Schweizer Kunden wohl nicht mehr zulassen werden, auch nicht via eine umgangene Netzsperren.

Pedro erklärt, wie er zu dieser Ansicht kommt: «Dann würde ich mich schon fragen, wohin ich Geld überweise und ob wieder etwas zurückkommen würde, falls ich gewinne. Und wenn etwas verkompliziert wird, werden sicher einige – ich denke, ich selber auch – abspringen.»

«Jeder hat klare Momente»

Pedro ist vor zehn Jahren selber fast unmerklich in den Suchttunnel hineingeraten. Wie könnte man gefährdete Menschen vor einem ähnlichen Schicksal bewahren? Pedro plädiert dafür, noch mehr in die Prävention zu investieren. Auch die Anlaufstellen für Spielsüchtige seien sehr gut besucht und brauchten mehr Mittel.

Das Wichtigste aber für ihn ist: «Jeder Süchtige, egal ob kaufsüchtig, Raucher oder Social Media Junkie, hat klare Momente in denen er realisiert, dass diese Sucht ein Problem ist. Wenn er in diesem Moment zum Selbstschutz einen Knopf drücken kann und sofort gesperrt ist, dann finde ich das grossartig.»