Gesundheitswesen
«Ich gehe maximal dreimal pro Jahr zum Arzt»

Das Interview mit der Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli zur Befürchtung, der Aargau könnte Spitzenmedizin verlieren - und über den Strategieprozess der beiden Kantonsspitäler Baden und Aarau.

Philipp Mäder und Hans Lüthi
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Susanne Hochuli in Hottwil.dd

Susanne Hochuli in Hottwil.dd

Sie sind zwei Wochen durch den Aargau gewandert. Haben Sie dabei medizinische Hilfe gebraucht?

Susanne Hochuli: Einmal musste ich ein Blasenpflaster kaufen.

Einen Hitzeschlag hatten Sie nicht?

Nein. Ich limitiere meine Arztbesuche sowieso auf maximal drei pro Jahr, damit ich nicht zu oft zum Arzt gehe.

Wie oft waren Sie dieses Jahr schon?

Einmal. Vielleicht brauche ich den Rest dann für die Wahlen.

Was machen Sie als Gesundheitsdirektorin, damit die Spitzenmedizin nicht vom Aargau zu den Unispitälern abwandert?

Wir brauchen im Aargau die Grundvoraussetzungen, damit die hoch spezialisierte Medizin (HSM), die wir heute am Kantonsspital Aarau haben – wie etwa die Behandlung von Schwerstverletzten – im Kanton bleiben kann. Dafür muss auch die Spezialversorgung als Basis im Kanton gut organisiert sein.

Was heisst das konkret?

Wenn Ärzte im Kampf um die Spezial- und Spitzenversorgung nur ihr eigenes Gärtchen pflegen, stehen wir irgendwann in der Wüste. Das heisst: Der Aargau muss sich überlegen, wo er die hoch spezialisierte Medizin anbietet. Wenn man das in einem gesamtschweizerischen Kontext anschaut, ist klar, dass der Aargau einzelne Bereiche der HSM an jeweils einem Standort konzentrieren muss. Es macht keinen Sinn, wenn sich die Spitäler im Aargau gegenseitig konkurrenzieren. Koordination heisst das Zauberwort.

Wie Recherchen des «Sonntags» letztes Wochenende zeigten, droht der Aargau die hoch spezialisierten Bauchoperationen zu verlieren, weil es hier zu wenig Operationen gibt. Was machen Sie, dass das nicht passiert?

Ich weise immer wieder darauf hin: Ohne hervorragende Kooperation zwischen den Aargauer Spitälern können wir im Wettbewerb unter den Kantonen einfach nicht mithalten. Denn es geht um die Fallzahlen pro Spital, nicht pro Kanton. Und hier sind wir im Moment noch etwas verzettelt. Wie die Kooperationsvereinbarung zwischen KSA, KSB und Unispital Basel zeigt, haben die Spitäler erkannt, dass sie hier selber aktiv werden müssen. Und dass es nicht mehr geht, sich innerhalb des Kantons bei der Spitzenmedizin zu konkurrieren.

F ürchten Sie, dass der Aargau einen Teil der Bauchoperationen tatsächlich an andere Spitäler verliert?

Ja, wenn es nicht gelingt, die Mindestfallzahlen zu erreichen. Als Mitglied der entsprechenden Gremien bin ich eine vehemente Verfechterin des Grundsatzes, dass ein Spital eine Operation nur dann machen darf, wenn es auch genügend Fälle hat. Sonst sinkt die Qualität. Und als Gesundheitsdirektorin muss ich hier auch zum Wohl der Patienten schauen.

Ist den Spitälern bewusst, dass es in diese Richtung geht?

Ich habe sie zumindest immer wieder darauf hingewiesen, dass die hoch spezialisierte Medizin nur im Aargau bleiben kann, wenn sie nicht an mehreren Standorten angeboten wird.

Zurzeit läuft ein Strategieprozess zur Zukunft der beiden Kantonsspitäler Aarau und Baden. Was wird hier das Ergebnis sein?

Wenn ich das wüsste, müssten wir den Strategieprozess ja nicht durchführen.

Also gut: Wo stehen wir in diesem Prozess?

Wir diskutieren offen und sehr hart – lernen uns aber auch besser verstehen. Und ich kann vonseiten der Politik einbringen, dass wir über den Kanton Aargau hinausschauen müssen. Bei den Spitälern gibt es mir einfach noch zu viel Gärtchendenken – zum Beispiel beim Mangel an Fachkräften.

Gärtchendenken in den Spitälern?

Ja. Und wie überall gibt es auch in den Spitälern die Tendenz, dass jeder zuerst an seinen Bereich denkt.

Hoffen Sie immer noch, dass es am Ende ein Aargauer Zentralspital mit zwei Standorten in Aarau und Baden geben wird – wie Sie das dem Grossen Rat vorgeschlagen haben?

Es geht mir bei diesem Strategieprozess nicht darum, einfach ein Zentralspital durchzudrücken. Mit geht es um die Optimierung der Spezialversorgung im Aargau. Wie die Organisation dann genau aussieht, das ist offen.

Sie wollen im Strategieprozess vor allem die Gartenzäune aus dem Weg räumen.

Es braucht dazu ein Umdenken in den Köpfen. Sonst werden die Gartenzäune einfach durch Thujahecken ersetzt.

Der Strategieprozess soll im Herbst abgeschlossen sein. Das ist schon bald. Braucht es einfach noch Ihre Unterschrift?

In einem Strategieprozess braucht es nicht einfach eine Unterschrift. Es müssen alle drei einverstanden sein: Das Spital Baden, das Spital Aarau und der Kanton als Eigentümer, wie die Spezialversorgung künftig sichergestellt sein soll im Aargau. Haben Sie das Gefühl, dass die anderen um uns herum schlafen? Sicher nicht, da gibt es Konkurrenz!

Um welche Fragen geht es konkret?

Wir müssen im Aargau erstens so attraktiv sein, dass wir Ärzte und Pflegepersonal anziehen können. Denn in diesem Bereich wird es massive Engpässe geben. Und zweitens müssen wir schauen, dass wir die Gesundheitskosten im Zaum halten können.

Und wann genau wird das Ergebnis des Strategieprozesses vorliegen? Vor oder nach den Wahlen vom 21. Oktober?

Der Herbst beginnt bekanntlich nicht erst am 21. Oktober. Und er dauert bis zum 21. Dezember.

Das heisst, der Strategieprozess wird erst nach den Wahlen abgeschlossen sein.

Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil nicht nur ich beteiligt bin. Sie wollen darauf hinaus, ob ich Angst habe, das Ergebnis noch vor den Wahlen vorlegen zu müssen.

Genau.

Immerhin bin ich es, die noch vor den Wahlen mit einem so heiklen Thema wie den finanzierbaren Aargauer Gesundheitskosten in den Grossen Rat gehen wird. Sie können mir also nicht vorwerfen, dass ich mich vor den heiklen Themen drücke.

Kooperation auch mit dem Unispital Basel. Gibt es eine Lösung Nordwestschweiz wie bei der Fachhochschule?

Die Kantonsgrenzen sind bei der neuen Spitalfinanzierung nicht mehr wichtig, die Kantone müssen interkantonal koordinieren und finanzieren. Die Leute müssen selber entscheiden, wo sie die Leistung beziehen wollen. Kooperationen der Spitäler finde ich gut, die neue Finanzierung wird sie vermehrt dazu bringen.

Bekommt Baden ein Problem wegen der Nähe zu Zürich?

Baden bekommt dann kein Problem, wenn ich weiss, dass mir dort die beste Behandlung geboten wird. Nicht die Grossen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen und die Besseren die Schlechteren. Ein qualitativ hochstehendes Zentrum bei der Spezialversorgung zieht die Leute an. Die Grundversorgung muss sicher in den Regionen bleiben.

Aarau hat bereits den Zuspruch als Zentrum für Mehrfachverletzte, Hirnschläge, extreme Frühgeburten und Hirntumore. Was hat das KSB?

Die Zuschläge hat das entscheidende Beschlussorgan gemacht, weil Aarau in diesen Bereichen der hoch spezialisierten Medizin im Gegensatz zu Baden bereits tätig war und mehr Erfahrungen hatte.

Steht Aarau im Wettbewerb besser da?

Die Qualität der hoch spezialisierten Medizin kann man ja nicht vergleichen, weil nur Aarau sie anbietet. Aber die Spitäler Aarau und Baden trennen nur 25 Kilometer. Für mich ist es wichtig, dass die hoch spezialisierte Medizin im Aargau bleibt. Eine Konkurrenz in diesem Bereich zwischen Aarau und Baden bringt nichts.

Aber Aarau ist doch der Favorit?

Nicht für mich, das Beschlussorgan hat Aarau die erwähnten Bereiche zugesprochen. Der Aargau muss sich überlegen, was wo in welcher Qualität angeboten werden soll. Die Frage ist, in welchen medizinischen Bereichen Baden ein Kompetenzzentrum sein kann, damit die Patienten nicht nach Zürich abwandern.

Sie haben mit Spitälern, Asylanten und Militär ein undankbares Departement. Wollen Sie nach den anstehenden Wahlen wechseln?

Nein, auf keinen Fall. Das DGS ist und bleibt mein Wunschdepartement.