Berufsnachwuchs

Hunderte Lehrstellen noch frei im Aargau – krasse Situation in Baubranche

Laut dem kantonalen Lehrstellennachweis Lena sind aktuell 14 Maler-Lehrstellen frei und erst 13 besetzt. In der Baubranche fehlt auch anderen Berufen der Nachwuchs.

Laut dem kantonalen Lehrstellennachweis Lena sind aktuell 14 Maler-Lehrstellen frei und erst 13 besetzt. In der Baubranche fehlt auch anderen Berufen der Nachwuchs.

Vor allem die unbeliebten Branchen spüren, dass es weniger Schulabgänger gibt. Auf dem Bau sind gemäss Lehrstellennachweis Lena noch fast die Hälfte der Stellen frei, obwohl weniger ausgeschrieben wurden.

Drei Maurer- und zwei Strassenbauerlehrstellen hatte die Firma Ernst Frey AG aus Kaiseraugst am Montag im kantonalen Lehrstellennachweis Lena ausgeschrieben. Beide Berufe gehören heute nicht mehr zu den beliebtesten. Dazu kommt, dass die Jahrgänge in den letzten Jahren kleiner geworden sind. Die Schulabgänger spüren nichts mehr von einem Lehrstellenmangel. Dafür macht den Betrieben, je nach Branche, der Lehrlingsmangel zu schaffen.

«Die Stellen sind unterdessen nicht mehr ausgeschrieben», sagt Andrea Handschin von der Ernst Frey AG. Sind sie also vergeben? «Nein, sie wären noch offen. Aber wir haben entschieden, dass wir jetzt – sechs Wochen vor Lehrbeginn – aktiv keine neuen Bewerber mehr suchen.» Handschin betont, dass man eingehende Spontan-Bewerbungen aber weiterhin entgegennehme und prüfe.

Viele wollen Kaufmann werden

Die freien Lehrstellen bei der Ernst Frey AG stehen exemplarisch für mehrere hundert weitere im Kanton. Am Montag waren laut Lena von 4864 Lehrstellen noch 683 nicht besetzt. Das entspricht 16,2 Prozent. Vor einem Monat waren noch fast 20 Prozent der Lehrstellen nicht besetzt. Wie viele Betriebe bei der Nachwuchssuche auf die kantonale Plattform setzen, ist unklar: «Wir gehen davon aus, dass die Lehrstellen im Aargau grossmehrheitlich im Lena ausgeschrieben werden», sagt Sascha Giger-Dubach, Mediensprecherin im Departement für Bildung, Kultur und Sport.

In Bezug auf die Branchen gibt es Unterschiede. Beliebt ist etwa eine Ausbildung zum Kaufmann, Fachmann Gesundheit oder Informatiker. In diesen Bereichen gibt es praktisch keine freien Stellen mehr. Anders in der Baubranche: Bei den Malern, Gipsern oder Gleisbauern sind noch mehr als die Hälfte der Stellen frei. Obwohl Bau-Firmen im Lena dieses Jahr nur 138 Stellen ausgeschrieben haben. Letztes Jahr waren es 456 Stellen.

Ausschreiben im Lena reicht nicht

Haben die Betriebe resigniert oder nutzen sie andere Kanäle? Judith Fasler vom Maler- und Gipserunternehmer-Verband Aargau kann keine eindeutige Antwort geben. «Ich weiss aber von Betrieben, dass sie vermehrt darauf schauen, dass sie Lernende haben, die den Job auch wirklich wollen und nicht in der Mitte der Ausbildung abbrechen.» Ausserdem gebe es heute zahlreiche Möglichkeiten, Lehrlinge anzuwerben. So etwa über die Internetplattform yousty.ch, wo es mehr Möglichkeiten gebe, den Betrieb vorzustellen.

Auch Pascal Johner, Geschäftsführer des Aargauer Baumeisterverbandes, sagt, dass das Baugewerbe gemerkt habe, dass es «bei weitem nicht mehr genüge, die Lehrstelle ‹nur› im Lena auszuschreiben». Firmen würden deshalb vermehrt versuchen, das regionale Beziehungsnetz zu aktivieren. Sowohl der Baumeisterverband als auch der Maler- und Gipserunternehmerverband suchen den Kontakt zu Schulen, um dort die Berufe vorzustellen. «Das ist immens wichtig», sagt Fasler. «Denn leider ist es weiterhin so, dass die Lehrkräfte die handwerklichen Berufe oft vernachlässigen und nicht genügend über die Möglichkeiten informieren, welche nach der Grundausbildung geboten werden.» Auch an der Aargauischen Berufsschau des Gewerbeverbandes, die dieses Jahr vom 5. bis 10. September stattfindet, weibeln Vertreter der Baubranche um Nachwuchs.

Soziale Defizite verbauen Zukunft

Den potenziellen Lehrlingen fehle aber nicht nur das Interesse an den Berufen: «Im Hoch- und Tiefbau sind zu wenig Schulabgänger vorhanden, welche die schulischen Anforderungen erfüllen», sagt Johner. «Und immer öfter stehen auch die sozialen Defizite einer erfolgreichen Lehre im Weg», sagt er. «Wir beobachten, dass Lehrbetriebe beim sozialen Verhalten eines zukünftigen Lernenden keine Kompromisse mehr eingehen.»

Denn kurzfristig spüren es Firmen nicht, wenn sie Lehrstellen nicht besetzen können. «Sie geraten nicht in eine finanzielle Notlage», sagt Peter Fröhlich, Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbandes. «Lehrlinge auszubilden, ist für sie vielmehr eine Tradition und Verpflichtung, für den beruflichen Nachwuchs zu sorgen.»

Langfristig wird der fehlende Nachwuchs aber zum Problem: «Wenn Betrieben die Lernenden fehlen, gehen uns die Berufsleute aus», sagt Fasler. «Ohne Nachwuchs ist das Fachpersonal auf dem externen Arbeitsmarkt zu rekrutieren, was oft sehr teuer ist», ergänzt Johner.

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