Es klingelt. Sie öffnen die Haustüre und vor Ihnen steht ein Handwerker. Er sagt, dass Ihre Fensterläden einen frischen Anstrich benötigen, und unterbreitet ein Angebot. Die meisten Menschen würden den Mann wohl freundlich wegweisen oder ihm gar die Türe vor der Nase zuknallen. Deswegen suchen diese selbst ernannten Handwerker oft alleinstehende und betagte Senioren auf, die leichter zu überzeugen sind. Der Arbeitsaufwand ist gering, dafür fällt die Entschädigung umso höher aus. Im Kanton Aargau kam es letztmals im Sommer 2015 zu mehreren solchen Fällen. Damals warnte die Kantonspolizei Aargau die Bevölkerung explizit vor den Abzocker-Handwerkern.

Am Dienstag mussten sich zwei Männer vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten: Luca und Markus (alle Namen geändert) sollen 2015 mit Wucherpreisen je einen Senior beziehungsweise eine Seniorin abgezockt haben. Die beiden sind in Bern an der gleichen Adresse registriert, reisen aber als Fahrende getrennt durch die Schweiz. Ihre Taten haben miteinander nichts zu tun, ihre Gerichtsverhandlung wurde jedoch aus «administrativen Gründen» zusammengelegt, wie das Bezirksgericht Aarau auf Anfrage erklärt.

Entschädigung war kein Wucher

Dem 26-jährigen Luca wirft die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vor, gemeinsam mit seinen zwei Cousins Leon und Armin – die nicht im Gerichtssaal anwesend waren – einen alleinstehenden Senior ausgebeutet zu haben. Es sei unter den Fahrenden bekannt gewesen, dass der Mann aufgrund seines Alters, seiner Vergesslichkeit und seiner leichtgläubigen Art einfach zu täuschen sei.

Die Staatsanwaltschaft schreibt im Strafbefehl, dass sich Leon als Mitarbeiter des erfundenen «Moser Malerteams» ausgab und den 87-Jährigen überzeugte, seine 29 Fensterläden für 6000 Franken neu zu streichen. Er demontierte sämtliche Fensterläden und transportierte sie mit dem mitgebrachten Lieferwagen nach Bern. Dort strichen Luca und seine Cousins die Fensterläden und brachten sie wenig später wieder zurück. Nachdem alles wieder montiert war, sollen sie die erhaltene Entschädigung von 6000 Franken gleichmässig untereinander aufgeteilt haben.

Luca stritt vor Gericht jedoch ab, 2000 Franken erhalten zu haben. Er habe seine Cousins auf deren Bitte hin nach Aarau gefahren. Dafür sei er mit 300 bis 400 Franken entschädigt worden. An den betagten Senior könne er sich nicht mehr erinnern. Der Verteidiger von Luca strich in seinem Schlussplädoyer heraus, dass im vorliegenden Fall das Delikt «Wucher» sowieso nicht erfüllt sei. Das Bundesgericht habe in einem früheren Urteil festgehalten, dass die geforderte Entschädigung 35 Prozent höher sein müsste als der marktübliche Preis. Der Verteidiger reichte bereits vor Verhandlungsbeginn mehrere Offerten beim Gericht ein, die belegen, das Handwerker für dieselbe Arbeit zwischen 1600 bis 5000 Franken verlangen.

Gerichtspräsidentin Karin von der Weid kam zum selben Schluss und sprach Luca frei. Die Entschädigung sei strafrechtlich nicht relevant, weil sie den marktüblichen Preis nicht um 35 Prozent überschreite, erklärte sie. Bei den Cousins von Luca sieht es anders aus: Armin wird im Herbst vor dem Bezirksgericht Aarau erscheinen müssen und Leon hat den Strafbefehl
akzeptiert.

Seniorin war verängstigt

Auch der zweite Fall des Tages endete in einem Freispruch. Markus wurde von der Staatsanwaltschaft ebenfalls Wucher vorgeworfen. Er soll sich einer Seniorin als Geschäftsmann vorgestellt und ihr angeboten haben, die Risse in ihrem Haus für 3500 Franken zu sanieren. Wie aus dem Strafbefehl hervorgeht, soll die damals 89-jährige Frau «leicht beeinflussbar» gewesen sein und deswegen zugestimmt haben. Nach nur zweieinhalb Stunden soll Markus die Sanierungsarbeiten abgeschlossen haben. Die Seniorin sei von seinem Verhalten so verängstigt gewesen, dass sie sich nicht getraute, die Arbeit zu kontrollieren, schreibt die Staatsanwaltschaft im Strafbefehl.

Markus wurde verdächtigt, weil das Fahrzeug vor dem Haus der Frau ihm zugeordnet werden konnte. Er bewies jedoch, dass er sein Auto am fragwürdigen Tag an einem anderen Fahrenden ausgelehnt hatte, der die Sanierungsarbeiten wohl ausführte.