Am Anfang war das Versprechen: Ehe alt Bundesrat Joseph Deiss 2012 den Posten des Alstom-Verwaltungsratspräsidenten übernahm, liess er sich vom französischen Industrieunternehmen versichern, dass Alstom den Standort Schweiz weiterentwickeln wolle. Das jedenfalls sagte der Freiburger Wirtschaftsprofessor und ehemalige Magistrat damals in einem Interview. Nicht, ohne auf seine Aargauer Herkunft und seine Verwandten hinzuweisen: Sie hatten einst für den Vorgängerkonzern BBC gearbeitet.

Johann Schneider-Ammann: Bundesrat überrascht von Alstom-Kahlschlag

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Doch die Alstom-Spartengeschäfte im Aargau standen unter Druck: Im Frühling 2014 zeichnete sich eine Übernahme ab. Im Rennen waren Siemens und General Electric (GE). Während die französische Alstom mit GE liebäugelte, favorisierte die französische Regierung den deutschen Siemens-Konzern. GE wollte daraufhin die französische Regierung auf ihre Seite ziehen. Denn die GE-Manager hatten einen Trumpf im Ärmel: Sie boten den Franzosen an, die Schweizer Alstom-Sparten nach Frankreich zu zügeln.

«Blind dem Markt vertraut»

So weit kam es zum Glück nicht. Das beruhigte VR-Präsident Deiss und den Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann. Die Panik war vorbei, der Industriekanton Aargau war wieder guten Mutes. «Ich bin zuversichtlich, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben», sagte auch der Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann im Juni 2014 in Bundesbern. Und noch im April 2015 ging der Badener Stadtammann Geri Müller davon aus, dass keine Arbeitsplätze gestrichen werden.

Blauäugig seien die Politiker gewesen, sagen diverse Gewerkschafter auf Anfrage der az. «Wer so blind dem Markt vertraut, muss sich nicht wundern. Es rächt sich jetzt, dass die Politik zwar Landwirtschaft, Tourismus und Finanzplatz aktiv unterstützt, die Industrie aber sich selber überlässt», kritisiert zum Beispiel der ehemalige SP-Nationalrat Max Chopard.

Alstom-Abbau: So reagieren Mitarbeiter, Politiker und Gewerkschafter

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Die Gewerkschafter gehen sogar noch weiter: Sie sehen tausende Jobs in Gefahr. «Es gibt rund 200 Schweizer KMUs, die spezifisch für Firmen wie Alstom und ABB arbeiten und keine anderen Kunden haben», sagt Christof Burkard vom Verband Angestellte Schweiz. Er kennt die Industrie bestens, war früher für den Arbeitgeberverband Swissmechanic tätig. Jede von GE gestrichene Stelle vernichte mindestens zwei Stellen bei Zuliefererbetrieben von Alstom, schätzt er.

Die Gewerkschafter haben Angst, dass die Industrie ganz aus der Schweiz verschwindet. Diese Sorgen landeten auch auf dem Pult von Wirtschaftsminister Schneider-Ammann. Im Parlament räumte er ein, dass sich die Wirtschaft in einer «ganz heiklen» Situation befinde. Doch hatte er ein Rezept gegen die schleichende Deindustrialisierung: Zentral sei die Stärkung der steuerlichen Wettbewerbsfähigkeit. Zu Deutsch: Steuern senken. Gleichzeitig versuchte er, Vertrauen zu schaffen, indem er auf seine Vergangenheit als Unternehmer der Maschinenbau-Branche hinwies: «Ich komme aus dieser Industrie und weiss, was ihr drohen könnte.»

Das nötige Wissen spricht ihm auch Burkard vom Verband Angestellte Schweiz nicht ab. Für ihn ist aber klar: «Wie schlecht es der Schweizer Industrie wirklich geht, kann Bundesrat Schneider-Ammann natürlich nicht zugeben. Denn dann stünde er in der Verantwortung.»

Alstom streicht 1300 Arbeitsplätze: Das sagt die Gewerkschaft

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Nach dem Logo die Entlassung

Im September 2015 erlaubten die Wettbewerbshüter der EU den Alstom-Deal. Auch die USA äusserten sich positiv zur Übernahme durch GE. Vor zwei Monaten wechselten Monteure das GE-Firmenlogo an der Fassade des Hauptsitzes in Baden. Eine neue Idylle, bis gestern kurz vor Mittag.

Da folgte der Kahlschlag. Die Gewerkschafter reagierten mit Entsetzen, als GE die Entlassung von 1300 Mitarbeitern ankündigte. «Kaum ist die Farbe an den Gebäuden trocken, kommt die Hiobsbotschaft», sagte gestern Thomas Amsler von der Gewerkschaft Syna Baden-Brugg.

Die Hiobsbotschaft kam aus Deutschland. Weder von einer Umstrukturierung, geschweige denn von Entlassungen ist darin die Rede. Konkret schreibt GE, man beginne nun mit den «Konsultationen über Vorschläge zur Integration von Alstom».

Vom Verwaltungsratspräsident Deiss war gestern keine Spur, auch auf seinem Handy antwortete er nicht. Vom Versprechen, den Standort weiterzuentwickeln, bleibt nicht mehr viel übrig.

Volkswirtschaftsminister Urs Hofmann und Unia-Gewerkschaftssekretär Pascal Pfister im Talk zum Stellenabbau von Alstom auf Tele M1.

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