Nach Unwetter

Hochwasserschutz: Bei 133 Aargauer Gemeinden ist die Verschärfung noch im Gang

Gefahrenkarte und tatsächliche Überschwemmung am Beispiel der Gemeinde Uerkheim.

Gefahrenkarte und tatsächliche Überschwemmung am Beispiel der Gemeinde Uerkheim.

Die neuste Hochwassergefahrenkarte des Kantons stammt von 2011. Über die Hälfte der Aargauer Gemeinden haben sich ihr noch nicht angepasst. Nötig ist dafür die Revision der Nutzungsplanung – und die braucht Zeit.

100 Millimeter Regen gingen beim Unwetter in Zofingen innerhalb von nur zwei Stunden nieder – fast so viel wie normalerweise im ganzen Monat Juli. Laut der Klimafolgenforscherin Olivia Romppainen waren die Gewitter selbst nicht aussergewöhnlich. "Aussergewöhnlich war hingegen, dass mehrere Gewitter in rascher Folge über denselben Ort gezogen sind. Das führte zu derart grossen Regenmengen", sagt Romppainen. 

Den Klimawandel für ein solches Extremereignis verantwortlich zu machen, ist laut Romppainen generell nicht möglich. "Studien zeigen jedoch, dass in einem wärmeren Klima Gewitterregen im Sommer in der Schweiz stärker werden", sagt sie. Gemäss Simulationen sei in der Schweiz zukünftig häufiger mit Hagel zu rechnen.

Der Berner Universitätsprofessor Rolf Weingartner, der mit Romppainen zusammen das von der gleichnamigen Versicherung unterstützte Mobiliar Lab für Naturrisiken führt, ortet beim Hochwasserschutz in der Schweiz grosse Mängel, wie die "NZZ am Sonntag" berichtet. Beim Schweizer System mit den Gefahrenkarten werde zu stark auf die Naturgefahren fokussiert, das Schadenpotenzial in den Gefahrenzonen dagegen nicht erfasst.

Jahrhundert-Hochwasser zerstört Schätze

Jahrhundert-Hochwasser zerstört Schätze

Ein ganzes Quartier in Küngoldingen stand unter Wasser. Auch in anderen betroffenen Orten sind zahlreiche Habseligkeiten der Menschen kaputt gegangen.

Drei Massnahmen für mehr Hochwasserschutz gefordert

Weingartner teilt die Gefahrenzonen in rote, blaue und gelbe Zonen ein. Rot steht für eine hohe Gefährdung, blau für eine mittlere und gelb für eine eine tiefe. Weingartner fordert drei Massnahmen, um den Schweizer Hochwasserschutz zu verbessern. Erstens müsse bei der Raumplanung nebst den Naturgefahren auch das Schadenpotenzial berücksichtigt werden. Zweitens müssten in den gelben Zonen die Vorschriften generell verschärft und drittens die Auflagen für Bauherren konsequenter kontrolliert werden. 

Besteht beim Kanton Nachbesserungsbedarf? "Nein, denn ich unterschreibe alles, was Herr Weingartner fordert", sagt Martin Tschannen von der kantonalen Sektion Wasserbau. "Wir machen schon seit 2011, seit die neue Gefahrenkarte gilt, eine risikobasierte Raumplanung." Das beinhalte auch eine Risikoabschätzung des Schadenpotenzials für den ganzen Kanton.

Überschwemmung in Uerkheim

Überschwemmung in Uerkheim

Diese Bilder zeigen eindrücklich, wie Uerkheim beim Unwetter vom 8. Juli 2017 überschwemmt wurde. 

Schutzziel 100-jährliches Hochwasser

Der Aargau arbeitet nicht nur mit den roten, blauen und gelben Zonen, sondern vor allem mit Schutzzielen. "Beim Siedlungsgebiet gilt das Schutzziel, es vor einem 100-jährlichen Hochwasser zu schützen. Damit setzen wir seit 2011 in einem grossen Teil der gelben Gefahrenstufen Hochwasserschutz-Massnahmen bei Neubauten durch." Ob das Hochwasser in der Region Zofingen ein 100- oder gar ein 300-jährliches war, steht noch nicht definitiv fest. "Wir sind daran, das Ereignis zu analysieren."

Tschannen betont, dass die Bauvorschriften erst bei Neubauten eine Wirkung entfalten. "Bei bestehenden Gebäuden gibt es keine gesetzliche Grundlage, dies einzufordern. Jeder Grundeigentümer und Unternehmer muss im eigenen Interesse ein Risikomanagement machen und Extremereignisse berücksichtigen." Es sei denn, es kam schon zu einem Hochwasserschaden. Dann hat die Aargauische Gebäudeversicherung AGV eine Handhabe.

80 Gemeinden auf aktuellem Stand

Im Aargau läuft bereits die Verschärfung beim Hochwasserschutz. Die Änderungen in der Raumplanung entfalten ihre Wirkung aber nicht sofort, sondern dann, wenn die Aargauer Gemeinden ihre Nutzungsplanung revidieren und den Hochwasserschutz auf die neue Gefahrenkarte anpassen müssen. Ende 2016 waren 133 der 213 Aargauer Gemeinden noch nicht auf dem neuen Stand. In 96 Gemeinden läuft allerdings bereits eine Nutzungsplanungsrevision, die zwei bis fünf Jahre dauert. In 15 Gemeinden besteht höchstens bei unbedeutenden Flächen eine Gefahr. Die Gemeinden überarbeiten ihre Nutzungsplanung in der Regel alle 15 bis 25 Jahre.  

Die AGV kontrolliert auch heute schon die Bauherren konsequent, sagt Peter Schiller, Abteilungsleiter bei der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV). Bei der Anmeldung zur Bauzeitversicherung von Gebäuden überschwemmungsgefährdeten Gebieten, die bis zu einem 100-jährlichen Hochwasserereignis betroffen sein könnten, müssen Bauherren einen Hochwasserschutznachweis erbringen. In den übrigen überschwemmungsgefährdeten Gebieten müssen sie eine Selbstdeklaration unterschrieben, sprich dass sie Kenntnis genommen haben von der Gefahr und in eigener Verantwortung allfällige Massnahmen treffen. 

"Diese Regelung gilt für Neubauten und für Umbauten, wenn für diese eine Überschwemmungsgefahr besteht", sagt Schiller. Von sich aus werde die AGV im Schadenfall aktiv. "Steht ein Gebäude in einem Gefahrengebiet oder war schon mehrfach von Überschwemmungsschäden betroffen, können Schutzmassnahmen verlangt werden." Diese müssten verhältnismässig sein. Schiller fügt einen wichtigen Punkt an: "Werden sie nicht umgesetzt, muss der Eigentümer mit einer Leistungskürzung im Schadenfall rechnen."

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