Oftringen
Hochulis letzter «Land-Amme-Stammtisch»: Verreckte Kühe und Caramelchöpfli

Die abtretenden Regierungsrätin Susanne Hochuli lud zum letzten Mal als Frau Landammann zur Stammtischrunde ein. Ein Heimspiel, bei dem es um Scholle, Asyl und das Sich-selber-sein ging.

Patrick Furrer
Merken
Drucken
Teilen
Dokumentiert von der Kinokamera diskutiert Susanne Hochuli mit der kleinen Runde. Eine volksnahe Politikerin, die Schwielen an den Händen nicht scheut.

Dokumentiert von der Kinokamera diskutiert Susanne Hochuli mit der kleinen Runde. Eine volksnahe Politikerin, die Schwielen an den Händen nicht scheut.

Patrick Furrer

Als Regierungsrätin hat die Reitnauerin Susanne Hochuli manchen Politiker vor den Kopf gestossen. Ungekünstelt, ehrlich, manchmal barfuss unterwegs. So war sie, die grüne Gesundheits- und Sozialdirektorin. Ein letztes Mal lud die abtretende Frau Landammann zur vom Verband GastroAargau organisierten Stammtischrunde ein – im Restaurant Eggenscheide in Oftringen. Nachdem sie in Aarburg ein Asylzentrum durchsetzen konnte und in Safenwil mit gleicher Absicht scheiterte, spürte die 51-Jährige zuletzt oft heftigen Gegenwind.

Kühe und Pragmatismus

Mittwochabend: Erst sind nur vier Besucher da, später stossen drei weitere dazu. Hochuli ist geschwächt, hüstelt, hat Halsspray und Vitamine dabei. «Ich selbst zu bleiben, die Privatperson Susanne Hochuli, war mir immer wichtig», erklärt sie, nachdem Geri Keller von GastroAargau das Gespräch eröffnet hat.

Und wiederholt: Dass sie aufhört, weil sie wieder selber über ihren Kalender bestimmen wolle, «und ich wieder sagen können will, was ich denke». Die Besucher sind Frau Landammann zugetan, keine Kritiker. Keller nennt es eine «Caramelchöpli-Runde». Die Regierungsrätin bleibt souverän, charismatisch, sachlich.

Sie sei echt geblieben, sei «geerdet». Die zumeist Gastgewerbe- und Landwirtschaftsvertreter sind zufrieden mit «ihrer» Regierungsrätin. Die Kritik gilt heute anderen. Es geht um Gesundheitspolitik, das Asylwesen, Integration und Profilierungsneurosen. «In der Politik steht zu oft die Person im Mittelpunkt, nicht die Sache», meint die Grüne

Im Publikum – Privatpersonen, Gastronomen und ein Landwirt – sitzt auch Bruno Lustenberger vom Hotel Krone Aarburg, Präsident von GastroAargau (ganz rechts)

Im Publikum – Privatpersonen, Gastronomen und ein Landwirt – sitzt auch Bruno Lustenberger vom Hotel Krone Aarburg, Präsident von GastroAargau (ganz rechts)

Partrick Furrer

«Es fehlt an Lösungsorientiertheit», pflichtet der Tischnachbar aus Brugg bei. Und der regierungsrätliche Chauffeur, der ebenfalls an der Runde teilnimmt, scheint zu wissen, dass Susanne Hochuli als Bauerntochter viel pragmatischer sei. Sie selbst sagt: «Auf dem Bauernhof muss ich zupacken, damit einem nicht noch eine Kuh verreckt.» Gelächter folgt. Nicht das einzige an diesem Abend. Auch wenn es Momente gibt, wo sich die Regierungsrätin weniger wohl fühlt. Etwa, wenn derbe Witze über Deutsche gemacht werden.

«Was wollen wir uns leisten?

Dokumentiert wird die Diskussion mit Videokamera. Das Filmteam der bekannten Doku-Regisseurin Sabine Gisiger («Do it») hat Susanne Hochuli als Tritagonistin im Kinowerk «Willkommen in der Schweiz» ausgewählt. Im Film, der 2017 erscheint, geht es um die Asylpolitik und die Flüchtlingsströme in die Schweiz.

Beim Thema Asyl und Integration will Hochuli von den anwesenden Gastronomen wissen, welche Erfahrungen sie machen. «Ausländische Arbeitskräfte haben Potenzial, wir können die brauchen», sagt Bruno Lustenberger vom Hotel Krone Aarburg. Wichtig sei, die Leute zu begleiten, vielleicht auch nach Feierabend. Der «Kronen»-Küchenchef etwa sagt, er sei mit einem Mitarbeiter schon Fussball spielen gegangen. «Wir dürfen die Leute nicht der Isolation überlassen.» Ein Rezept für gute Integration haben aber auch die Wirte freilich nicht. Man spricht fehlende Ausbildung und andere Kulturen an. «Zu arbeiten wie in der Schweiz sind sich nicht alle gewöhnt», heisst es etwa. Im Witz, aber derb: Nicht jeder habe einen Chronografen, manche würden noch «nach dem Sonnenstand» gehen oder danach, «wie hoch das Gras wächst».

Insgesamt bleibt die Diskussion konstruktiv. Regisseurin Gisiger nuckelt friedensbeschwörend an ihrer E-Zigarette. Kritisiert werden hingegen die steigenden Gesundheitskosten, wobei Hochuli bedenkt, «dass alle nur das Gefühl haben, der Staat werfe das Geld weg, aber vergessen, wie wir alle profitieren. Die Frage ist: Was wollen wir uns leisten?» Sollten Spitalstandorte oder Berufsschulen nicht besser konzentriert werden?

Am Ende ist die Regierungsrätin happy und dank Schinkli mit Erdäpfelsalat satt und gestärkt. Es sei schön, so aufzuhören, bedankt sie sich. Besser so, als im Kreuzfeuer. Früher, da war der Stammtischrunde nach vieles besser. Sachlichere Politik, weniger Gesundheits- und Sozialkosten, weniger Umweltverschmutzung, mehr Anstand. «Früher»: Zu dieser Kategorie wird bald auch schon Susanne Hochuli gehören.

2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.
16 Bilder
Susanne Hochuli mit Pferd und Hund in ihrer Heimat an der Suhre.
2010: in ihrem zweiten Jahr als Chefin des Departementes Gesundheit und Soziales
2010: Truppenbesuch im Panzer. Ungewohnt für eine Grüne, aber selbstverständlich für eine Regierungsrätin mit Zuständigkeit Militär.
2011: Gruppenbild mit Dame. Der Gesamtregierungsrat posiert.
2011: Asyl-Aufstand in Bettwil. Ein Traktor blockiert Hochulis Fahrzeug aus Protest.
2012: Die Aargauer Gesundheitsministerin empfängt Bundesrat Alain Berset.
2012: Von Grün zu Grün: Mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf Schloss Lenzburg
2012: Susanne Hochuli ist zum ersten Mal Frau Landammann.
Alt Nationalrat Ulrich Siegrist gratuliert Frau Landammann Susanne Hochuli beim Apéro
2013: Susanne Hochuli bei sich auf dem Bauernhof mit Flüchtlingen.
2013: Hochuli wurde bald zur national bekannten Politikerin. Hier im Talk mit Roger Schawinski.
2014: Susanne Hochuli ist national bekannt. Hier am Swiss Award.
Susanne Hochuli beim grossen Interview als Landammann 2016.
2016: Hier muss sie den Safenwilern erklären, warum bei ihnen ein Asylheim eröffnet wird. Sie scheiterte schliesslich am Widerstand im Dorf.
2016: Ihr Dossier Asyl wurde von Jahr zu Jahr dominanter. Hier im TalkTäglich gegen Intimgegner Andreas Glarner.

2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.

Aargauer Zeitung