Zum Nationalfeiertag
Hochuli: «Wir sollten das Gefühl der Fremdheit als Chance sehen»

Die Aargauer Regierung war am Nationalfeiertag fleissig am Rednerpult – und beschwor alte Stärken. Susanne Hochuli warb dafür, «das Fremde» als Chance zu sehen.

Fabian Hägler und Mario Fuchs
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Die Aargauer Regierung lieferte ein Feuerwerk aus Reden.

Die Aargauer Regierung lieferte ein Feuerwerk aus Reden.

Hanspeter Baertschi

Insgesamt zehnmal sind die Regierungsräte als Bundesfeier-Redner aufgetreten – und dies nicht nur am 1. August. Schon zwei Tage vor dem Nationalfeiertag sprach Landammann Urs Hofmann in der Schweizer Botschaft in Madrid. Mit seinen vier Auftritten war Hofmann auch der fleissigste Redner aller Regierungsräte, so trat er am 31. Juli noch in Dottikon und am 1. August in Oberentfelden und Sarmenstorf auf. Susanne Hochuli (Suhr und Dürrenäsch) und Alex Hürzeler (Rupperswil und Bremgarten) hielten zwei Ansprachen, während Stephan Attiger (Kaiseraugst) und Roland Brogli (Wiliberg) jeweils einmal ans Rednerpult schritten.

Nicht nur jammern

Urs Hofmann ging in Madrid und Dottikon auf das Gedenkjahr 1415–2015 ein, das an die Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen vor 600 Jahren erinnert. Die Geschichte bilde die Basis der gemeinsamen Erinnerungen und sei wichtig für den Zusammenhalt, hielt er fest. «Genauso wichtig ist aber, dass wir trotz Vielfalt und unterschiedlichen Lebensweisen von einer gemeinsamen Zukunft überzeugt sind», sagte Hofmann mit Blick auf die multikulturelle Schweiz.

Urs Hofmann.

Urs Hofmann.

Sandra Ardizzone

Zudem müssten die Schweizer bereit sein, Vorstellungen für die Zukunft zu entwickeln. «Wer Verantwortung für unser Land tragen will, muss gestalten wollen, muss Visionen haben und – ebenso wichtig – praktikable Vorschläge für ihre Umsetzung unterbreiten. Der darf nicht nur jammern und kritisieren, sondern muss den Willen haben, Wege und konkrete Lösungen aufzuzeigen.»

Der Schweiz gehe es dann gut, wenn in Europa Frieden herrsche und in einem demokratischen Europa möglichst viele Menschen gute Lebensbedingungen hätten. Unabhängig von der Diskussion über das Verhältnis Schweiz-EU sei vor allem etwas entscheidend: «Wir bekennen uns heute in Europa zu Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit und sozialem Ausgleich.» Die Schweiz müsse sich auch künftig für die zentralen Demokratie, Menschenrechte und Frieden in Europa und darüber hinaus einsetzen.

Susanne Hochuli warb dafür, «das Fremde» als Chance zu sehen. Oft höre man Sätze wie «das Fremde macht halt Angst». Hochuli gab zu bedenken: «Wenn mir etwas fremd ist, bedeutet das zuerst einmal ja nur, dass ich es nicht kenne. Statt sich zu fürchten, sollten wir das Gefühl der Fremdheit als Chance sehen. Als Chance, um Neues zu entdecken und über neu Gelerntes zu staunen; als Chance, um sich selber besser kennen zu lernen und sich weiterzuentwickeln.»

Susanne Hochuli.

Susanne Hochuli.

Alex Spichale

Hochuli wünscht sich eine Schweiz, die Weltoffenheit und Toleranz lebt, sich nicht von Angst in die Abschottung treiben lässt. Ein Land, das für seine Überzeugungen einsteht, dessen Bevölkerung sich selbst als Teil einer vielfältigen und solidarischen Gemeinschaft sieht. «Wir sollten selbstbewusst mit dem umgehen, was uns ausmacht und was uns wichtig ist – aber auch mit dem, was uns tatsächlich oder scheinbar bedroht», so die Grünen-Politikerin. Und: «Wir sollten uns selbstbewusst auf Neues und Unbekanntes einlassen.»

Alex Hürzeler befasste sich mit dem Begriff der Identität – «einerseits das, was ein Individuum oder eine Gesellschaft kennzeichnet und andererseits, was sie von anderen unterscheidet.» Die Schweizer Identität sei also sowohl das, «was uns Schweizerinnen und Schweizer miteinander verbindet als auch das, was den Unterschied zu anderen Nationalitäten ausmacht».

Alex Hürzeler.

Alex Hürzeler.

Alex Spichale

Er stelle fest, dass trotz oder gerade wegen der schier unendlichen Möglichkeiten, welche die globale «Multioptionsgesellschaft» biete, die Suche nach Identität wieder an Bedeutung gewinne. Das zeige sich zum Beispiel darin, «dass das Schweizer Kulturgut und traditionelle Veranstaltungen wie Jodler- und Schwingfeste starken Zuspruch erleben» – für Hürzeler ein Zeichen, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit keine Modeerscheinung ist.

Lob an die Gemeinschaft

Stephan Attiger prophezeite Kaiseraugst eine «blühende Zukunft». Das Fricktal habe sich «zu einer der Perlen unseres Kantons gemausert». Im Standortwettbewerb habe es gute Karten, etwa dank seiner Lage. Die Nähe zur EU-Aussengrenze stelle die Region aber vor grosse Herausforderungen. Attiger nannte zwei Beispiele. Erstens: die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative.

«Diese sieht Kontingente für Grenzgänger vor, die aber für das Funktionieren und die Weiterentwicklung der Region unverzichtbar sind.»

Stephan Attiger

Stephan Attiger

Sandra Ardizzone

Mit der Globalisierung einher gehe die Rückbesinnung auf Tradition und Herkunft. «Diese Trends widersprechen sich nicht», sagte Attiger. Veränderung und Entwicklung seien nur auf der Basis des Bestehenden möglich. «Aus diesem Grund ist es wichtig, dass das Fricktal seine starke Identität bewahrt hat.»

Roland Brogli erklärte in Williberg, warum die Gemeinde «der perfekte Ort» sei, um die Schweiz zu feiern: «Genauso wie Ihr Dorf präsentiert sich auch unser Land als ein eigenständiges, gut vernetztes und modernes Land mit einem Schuss Heidi-Idyll.» Das Geheimnis des Erfolgs sei «der Wille zum Zusammenleben». Der Schweizer habe gelernt, genau einzuschätzen, was möglich sei und was nicht.

Roland Brogli.

Roland Brogli.

Emanuel Per Freudiger

Darum sei er nie empfänglich gewesen für Ideologien und Radikallösungen. Seine Sorge sei jedoch, dass die Schweiz keine langfristigen Strategien mehr verfolge. Die wesentlichen Themen würden «überschwemmt von einer Flut von Initiativen und Vorstössen». Den massgeblichen Kräften fehle das Bewusstsein, «wie wichtig dieser Wille zum Zusammenhalt ist». Brogli schloss mit einem Appell: «Nehmen wir Anlauf! Gehen wir wieder vermehrt aufeinander zu, und gehen wir gemeinsam in Richtung Zukunft.»