Viele können sich noch gut an den Sommer 1975 erinnern: Damals hielten bis zu 15 000 Protestierende das Gelände des geplanten Atomkraftwerks Kaiseraugst elf Wochen lang besetzt. Das AKW wurde nicht gebaut. Welche Auswirkungen hatte der Nichtbau auf die Energiepolitik und welche auf das gesellschaftliche Leben im Aargau? Wie war es überhaupt zur Besetzung gekommen?

Andere erinnern sich, wie stolz man doch war, als das ruhige Spreitenbach das grösste Shoppingcenter in der Schweiz erhielt und ringsum Hochhäuser in die Höhe schossen. Wie kam es dazu – und wann setzte das Umdenken ein?

«Fressbalken» macht glücklich

Wer schon etwas älter ist, spürt vielleicht noch die Freude, die damals den Aargau erfasste, als die Autobahn N 1 zwischen Lenzburg und Oensingen am 10. Mai 1967 eröffnet wurde; als der «Fressbalken» ein beliebtes Ausflugsziel am Sonntag war. Dort gab es vielerlei zu bestaunen und zu geniessen: Etwa den neuartigen «Brunch» oder die Läden, die auch am Sonntag offen hatten.

Warum gibt es im Aargau keine Universität? Wie war das Leben, als BBC, Kern und all die andern traditionsreichen Firmen noch ein Gefühl von Sicherheit vermittelten? Wer erinnert sich an die Einführung der Fünftagewoche oder des 13. Monatslohns?

Wie hat sich die politische Landschaft im Aargau verändert? Warum hatte die Autopartei im Aargau so grossen Erfolg? Und wer profitierte von den Gastarbeitern, die in den Aargau kamen? War beabsichtigt, dass viele von ihnen bleiben würden? Welche Stellung hatte der Aargau innerhalb der Schweiz? Und wie hat sich diese Stellung verändert? Schliesslich: Wie wurde der Kanton Aargau in den letzten 60 Jahren zu dem, was er heute ist?

«Kaiseraugst» nochmals erleben

Fragen über Fragen, für die es bisher kaum fundierte Antworten gibt. Das wird sich möglicherweise demnächst ändern. Eine Projektgruppe unter Regie der historischen Gesellschaft Aargau ist damit beschäftigt, ein Konzept für den 4. Band der Kantonsgeschichte zu erarbeiten. Arbeitstitel: «Zwischen den Zentren. Der Aargau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.» Drei Bände zur Kantonsgeschichte liegen bereits vor; allerdings endet Band drei im Jahr 1953.

AKW Kaiseraugst

Historiker Bruno Meier ist Präsident der historischen Gesellschaft Aargau und Mitglied der siebenköpfigen Projektgruppe. Das Team gehe davon aus, dass kein klassisches Geschichtsbuch entstehen werde. «Wir möchten neue Wege beschreiten und alle Möglichkeiten nutzen, die uns im digitalen Zeitalter zur Verfügung stehen», sagt Meier.

So sieht das Projekt vor, dass einzelne Teile des Buches ins Internet ausgelagert werden können, etwa auf Wikimedia oder Youtube, dass also Aktualisierung möglich ist und auch eine gewisse Interaktivität. Denkbar also, dass, wer sich für die Vorgänge in Kaiseraugst interessiert, im Internet dazu die Tagesschaubeiträge abrufen kann, weiter die Protestsongs von Franz Hohler und Aernschd Born oder auch Christoph Blocher, wie er den definitiven Verzicht auf Kaiseraugst bekannt gibt.

«Die Erinnerung ist trügerisch»

Weil das Geschehen im Kanton der letzten 60 Jahre aufgearbeitet wird, bietet sich die Chance, Zeitzeugen zu befragen und zu Wort kommen zu lassen, Involvierte, die selber betroffen waren oder für andere entschieden haben. Dass dabei regelmässig die gleiche Angelegenheit unterschiedlich erzählt und gewertet wird, nimmt Meier in Kauf. «Das liegt in der Natur der Sache. Die Erinnerung ist oft trügerisch.»

Wenn nötig, wirken die historischen Quellen da als Korrektiv. Zur angestrebten Partizipation gehört auch, dass interessierte Laien, die in einem Bereich aber über Expertenwissen verfügen, auch zum Mitschreiben eingeladen werden. «Diese Kombination von Buch, digitalem Raum und Partizipation von Zeitzeugen hat es so meines Wissens in der Schweiz noch nicht gegeben», sagt Meier. Mit den neuen publizistischen Möglichkeiten die neuen Erkenntnisse zum Leben im Aargau anregend zu vermitteln, sei eine attraktive Herausforderung.

Realisierung eine Frage des Geldes

Wozu brauchen wir überhaupt eine aktuelle Geschichte des Aargaus? «Im Zeitalter der Globalisierung ist es wichtig, möglichst viel über die eigene Herkunft im Lokalen erfahren zu können. Das schafft Identität», erklärt Meier. Zum Beispiel könnte man begreifen, dass es das Wesen des Aargau ist, dass er zwischen den Zentren liegt und deshalb ausserhalb des Aargaus lange kaum wahrgenommen worden ist. Der neue Band könnte allenfalls aufzeigen, wie viel Innovation aus dem Aargau stammt; wie wichtig der Kanton auch für das Funktionieren der Schweiz geworden ist.

Noch aber ist unklar, ob und wann das Buch überhaupt erscheinen wird. Das fertige Konzept geht an den Regierungsrat. Der entscheidet, ob und in welcher Art das Projekt weiterverfolgt wird. Auch hier geht es, wen wunderts, zuerst einmal ums Geld: Wie viel kostet es – und wer bezahlt.