Paul-Scherrer-Institut
«High risk, high gain» – Seine Arbeit ist Millionen wert

Der Aargauer Forscher und Physiker Christian Rüegg erhält 2,6 EU-Millionen, die ihm wegen der Einwanderungsdebatte fast entgangen wären.

Manuel Bühlmann
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Christian Rüegg an dem Ort, wo er am liebsten arbeitet: in der riesigen Experimentierhalle des PSI. Chris Iseli

Christian Rüegg an dem Ort, wo er am liebsten arbeitet: in der riesigen Experimentierhalle des PSI. Chris Iseli

Chris Iseli

Für Christian Rüegg ist es die Woche der guten Neuigkeiten: Erst unterzeichnet der Aargauer Physiker mit dem Europäischen Forschungsrat einen Vertrag, der ihm 2,6 Millionen Franken für seine Forschungsprojekte zusichert, kurz darauf verkündet das Nobelkomitee die Vergabe des Nobelpreises an ein Trio, das im gleichen Bereich wie Rüegg forscht: jenem der Quantenmaterialien. Rüegg sitzt in seinem Büro am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen und sagt: «Das ist ein schöner Hinweis, dass unsere Arbeit wichtig ist.» Die magnetischen Phasenübergänge seien zurzeit «ein heisses Thema».

Er steht auf, geht zu seinem Pult, kehrt mit drei Magneten zurück und erklärt, was für Laien schwer verständlich ist – seine Forschung. Wie bei Wasser, das den Zustand bei Erwärmung ändert, gibt es auch bei magnetischer Materie Veränderungen zu beobachten. Je nachdem, welchen Bedingungen sie ausgesetzt werden, richten sich die Grundbausteine anders aus und verändern dadurch die Eigenschaften. Bei 700 Grad beispielsweise werden Magnete aus Eisen unmagnetisch. Die Wechselwirkungen der einzelnen Bausteine in Magneten erforscht der 39-jährige Laborleiter am PSI und Professor an der Genfer Uni seit Jahren.

«Eine riesige Sache»

Wann seine Arbeiten direkte Auswirkungen auf unseren Alltag haben werden, lässt sich kaum abschätzen. In diesem Bereich der Physik stehen theoretische Grundsatzfragen im Vordergrund, nicht die unmittelbare Anwendung. «Mein Beruf ist es, komplexe physikalische Vorgänge in der Natur zu verstehen.» Ein Quantencomputer etwa, der die Arbeitswelt revolutionieren könnte, ist noch in ferner Zukunft. Näher am Durchbruch ist die Wissenschaft im Bereich der Verschlüsselung von Daten. Rüegg: «Quantentechnologien sind eine riesige Sache, weltweit werden Milliarden investiert. Da kommt sehr viel auf uns zu.»

Die Bedeutung von Rüeggs Arbeit hat man auch in Brüssel erkannt. Die 2,6 Millionen Franken EU-Fördergelder fliessen von dort nach Villigen, wo Rüegg sein Forscherteam um vier Mitarbeiter für die nächsten fünf Jahre aufstocken kann. Ein Teil der Summe wird er zudem in ein neues Magnetsystem investieren. Kostenpunkt: rund eine Million Franken. Wie viel es am Schluss sein wird, ist noch offen. Rüegg steht erneut auf, holt Mäppchen und zeigt Skizzen des Hightech-Instruments. Ein Einzelstück, entsprechend ist der Preis Verhandlungssache. Feilschen liege ihm, sagt Rüegg und lacht. «Zum Ärger meiner Lebenspartnerin mache ich das auch im Privatleben.» Zusammen mit ihr, einer Ärztin, und dem einjährigen Sohn lebt er in Aarau. Die Rückkehr nach zwanzig Jahren in seine alte Heimat, wo er die Alte Kantonsschule besucht und der er fürs Studium in Zürich den Rücken gekehrt hat, sei Zufall. Eine Forscherkarriere lasse sich nicht planen. Er, der sechs Jahre in London gelebt hat und von sich sagt, ein Grossstadttyp zu sein, fühlt sich wohl im beschaulichen Aarau und im ländlichen Villigen. Auf einem Rundgang zeigt er einen Teil der topmodernen Forschungsanlagen, die das PSI zu einem «einzigartigen Ort» machen, wie er es nennt. In der Experimentierhalle, die eher an eine Schiffswerft denn an eine Forschungsstätte erinnert, arbeitet er am liebsten. Heute ist alles ruhig, die Neutronenquelle wird zurzeit renoviert. «Wir sind alle wahnsinnig scharf darauf, dass es wieder losgeht», sagt Rüegg. Die Anlage läuft während acht Monaten im Jahr rund um die Uhr. Experiment-Zeit ist teuer, entsprechend umkämpft ist der Zugang zu den wertvollen Geräten.

Hohes Risiko, hoher Gewinn

An der Wand in Rüeggs Büro hängt ein Kalender mit farbigen Einträgen. «Der Stundenplan», wie er sagt. Im November sind er und sein Team wieder an der Reihe. Darauf freut er sich schon jetzt. «Die Experimente sind der schönste Teil meines Berufs – sie sind wie Detektivarbeit.» Gemein mit dem Detektiv hat der Forscher eines: Beide wissen nicht, wie ihre Missionen ausgehen. Dass die Versuche auch in die Hose gehen können, ist sich Rüegg bewusst. «Ich habe viele Vorschusslorbeeren erhalten, nun muss ich auch liefern.» «High risk, high gain» – hohes Risiko, hohe Gewinne – das erwartet die EU von den unterstützten Forschern.

Die Geldtöpfe in Brüssel seien deutlich grösser als jene in der Schweiz, sagt Rüegg. Doch beinahe hätte die politische Debatte verhindert, dass er davon profitieren kann. «Vor zwei Jahren hätte ich mein Projekt nicht einreichen können.» Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 habe viel verändert. «Die Unsicherheit beschäftigt uns sehr. Wir sind zu einem unzuverlässigen Partner geworden.» Ob er für andere Forschungsarbeiten in Zukunft werde Anträge einreichen können, sei zurzeit noch ungewiss.

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