Aargauer Untergrund
Hier ist Aarau so richtig geheimnisvoll: Ein Blick in die Katakomben der Kantonshauptstadt

Sie sind 1,7 Kilometer lang, wurden vor über 200 Jahren von Arbeitern mühsam in den Fels gehauen: die Meyerschen Stollen von Aarau. Heute sind sie ernsthaft bedroht.

Ueli Wild
Drucken
Teilen
Die eindrückliche Dreierkreuzung zwischen Querspange zum östlichen Stollenarm (links), mittlerer Stollenarm und westlicher Stollenarm (rechts).

Die eindrückliche Dreierkreuzung zwischen Querspange zum östlichen Stollenarm (links), mittlerer Stollenarm und westlicher Stollenarm (rechts).

Kurt Schatzmann, Foto Schatzmann Aarau

Sie gehören untrennbar zu Aarau, zur Geschichte der Stadt. Die Meyerschen Stollen sind ein einzigartiges unterirdisches Baudenkmal aus der Frühzeit der Industrialisierung. Entstanden ist die Anlage in mehreren Etappen zwischen 1791 und 1810. Die heute bekannten Stollen weisen eine Länge von rund 1,7 Kilometern auf. Sie verlaufen zwischen der Bleichematt südlich des Bahnhofs und der Austrittsstelle in den Stadtbach beim Tellirain. Sie weisen zahlreiche Verästelungen auf und wurden stellenweise auf drei übereinander liegenden Ebenen angelegt. Die Stollen wurden, vermutlich von Arbeitern aus dem Eisenbergwerk Küttigen, von Hand in den Fels gehauen – mit einem Vortrieb von 20 bis 40 cm pro Tag. Der durchschnittliche Stollenquerschnitt weist eine Breite von rund 60 cm Breite und etwa 180 cm Höhe auf.

Am Anfang war die Drainage

Bauherr war der Aarauer Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825). Dessen gleichnamiger Vater (1739–1813) hatte seit 1787 schon eine Seidenbandfabrik betrieben – an der Golattenmattgasse, im einstigen Kloster und heutigen Altersheim. Bis zum Vorliegen der Forschungsergebnisse von Peter Genner (Aarauer Neujahrsblätter 2011/2012) wurde das Stollensystem ausschliesslich im Kontext der industriellen Nutzung gesehen, und es war nicht bekannt, dass Samuel von Gruner (1766–1824), der Leiter des Bergwerks Küttigen und Freund von Johann Rudolf Meyer Sohn, auch bei den Meyerschen Stollen als Bergbaufachmann fungierte.

Die Nutzung des Wassers als Antrieb eines Wasserrades sei aber erst der letzte Schritt gewesen, sagt Andreas Zimmerli, der 13 Jahre lang die 1999 gegründete Interessengemeinschaft (IG) Meyersche Stollen präsidiert hat. Dank der Heirat mit Margarete Saxer konnte Johann Rudolf Meyer Sohn von deren Geschwistern 1792 ein grosses Stück Land vor der Stadt günstig kaufen. Freilich war dieses, da im südlichen Teil stark versumpft, ziemlich nutzlos. In der Bleichematt staute sich nicht nur Grund- und Sickerwasser, sondern auch solches aus dem undichten Bett des Stadtbaches. Das Stollensystem diente daher in einer ersten Phase der Drainage.

Das Netz der Meyerschen Stollen. Gross sind die Zerstörungen im Bereich der Post (Mitte), bedroht ist der Bereich südlich des Bahnhofs (Bild links, «Metro»-Gebäude (2)). Rechts im Bild das heutige katholische Pfarrhaus (7 bis 9).

Das Netz der Meyerschen Stollen. Gross sind die Zerstörungen im Bereich der Post (Mitte), bedroht ist der Bereich südlich des Bahnhofs (Bild links, «Metro»-Gebäude (2)). Rechts im Bild das heutige katholische Pfarrhaus (7 bis 9).

Zur Verfügung gestellt

Zwei Jahre nach dem Landkauf beauftragten Johann Rudolf Meyer Sohn und sein jüngerer Bruder Hieronymus den renommierten Architekten Johann Daniel Osterrieth mit dem Bau eines Landsitzes oberhalb des Tellirains. Die zwischen 1794 und 1797 errichtete Meyervilla (später Feervilla, heute römisch-katholisches Pfarrhaus) leitete eine zweite Etappe ein. Die Villa diente den Brüdern Meyer nämlich nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Produktionsstätte: Im Keller wurden Textilien gefärbt – Seidenbänder und Rohseide. Die Seidenfärberei setzte grosse Mengen sauberen Wassers voraus. Und diese vermochte das Stollensystem zu liefern.

Neue Serie: Unterirdisch

Hier ist es garantiert nicht heiss: im Aargauer Untergrund. Die AZ blickt diese Woche unter die Oberfläche des Kantons. Den Anfang machen die Meyerschen Stollen in Aarau, morgen geht es in die Grotte der Klosterkirche Muri.

Fabrik mit riesigem Wasserrad

Eine dritte Etappe wurde wahrscheinlich um 1808 eingeleitet – im Zusammenhang mit einem Fabrikneubau südlich der Villa. Dieser war notwendig, weil Vater Meyers Seidenbandfabrikation 1802 von der Golattenmattgasse nach Bayern verlagert worden, dort inzwischen aber eingegangen war. Für den Betrieb der Fabrik wurde nun das Wasser in einer komplexen Anlage aufgestaut. Im Keller der Fabrik befand sich ein Radschacht mit einem Wasserrad von 9,5 m Durchmesser. Doch um 1811 begann die Seidenindustrie zu kriseln. Verschiedene weitere Faktoren trugen dazu bei, dass der Bauherr der Stollen zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Auf der Suche nach einem Ausweg begann er, Münzen süddeutscher Fürstentümer zu fälschen. Mit fatalen Folgen: 1822 wurde er, wie Peter Genner nachweisen konnte, in Karlsruhe zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1825, noch im Strafvollzug, ist er – vermutlich an Tuberkulose – gestorben.

Die Industriellenfamilie Feer, an welche die Fabrik nach dem Tod von Johann Rudolf Meyers Sohn Gottlieb (1829), gelangt war, ersetzte das Wasserrad um 1860 durch eine Turbine. Eine Krise der Textilindustrie führte zwei Jahrzehnte später zum Konkurs der Firma. Die Fabrik diente im 20. Jahrhundert noch als Kosthaus für Kantonsschüler und als Polizeikaserne, bis sie Mitte der 80er-Jahre dem Erweiterungsbau der Hauptpost weichen musste.

Zerstört wurde dabei auch die Stollenanlage im Bereich der Post – samt dem spektakulären Radschacht. Als «Ausdruck einer gewissen Gleichgültigkeit» bezeichnet der Architekt Gian Battista Castellani das, was damals passierte. Das langjährige Vorstandsmitglied der IG Meyersche Stollen hat die Meyervilla umgebaut und den Aufschluss unter dem Bahnhof realisiert. In seinen Worten liegt einiges an Bitterkeit, wenn er sagt: «Tatsache ist, dass sich die Post zwischenzeitlich von diesem Standort schon fast wieder verabschiedet hat. Die Post war hier weniger lange aktiv, als es die Meyerschen Stollen waren.»

Das Rad, so gross wie die heutige Bahnhofsuhr, oder doch wenigstens der Radschacht, wäre eine Attraktion gewesen. Eine solche könnte noch der verschüttete «Mammut-Keller» sein. Das abschliessende Quergewölbe des unterirdischen Raumes, der an die Meyervilla angrenzt, ist stellenweise eingebrochen, weil sich der Mammutbaum darüber mit seinen Wurzeln Platz verschafft hat. «Wenn man den Schutt herausholen würde, könnte man auch die Seidenfärberei da unten fassbarer machen», ist Andreas Zimmerli überzeugt.

Ziel der IG ist es, die Meyerschen Stollen integral so zu erhalten, wie sie heute sind. «Ihr Denkmalwert», sagt Zimmerli, «liegt im Stollensystem und kann nicht durch den Erhalt und die Pflege einiger zerstückelter Abschnitte kompensiert werden.» Den möglichen Einwand, dass nach der Zerstörung der Fabrik eh schon ein wichtiger Teil fehle, lässt Zimmerli nicht gelten. Ein römischer Tempel werde auch nicht bodeneben gemacht, bloss weil ein wichtiger Teil davon fehle. Aktuell droht den Stollen Gefahr vom Bauprojekt «Bahnhof Süd».

In der neuen BNO erwähnt

Etwas mehr hat sich die IG von der Revision der Aarauer Bau- und Nutzungsordnung (BNO) erhofft. Dieser steht die Beratung durch den Einwohnerrat bevor. Immerhin haben die Meyerschen Stollen Eingang ins Planwerk gefunden. Diese, heisst es dort, seien «nach Möglichkeit zu erhalten». Jedenfalls sei deren Wasserführung sicherzustellen. Die Formulierung «nach Möglichkeit» ist der IG zu wenig verbindlich. «So», sagt Andreas Zimmerli, «ist man auf Gedeih und Verderb vom Goodwill anderer abhängig.» Verbindlicher formuliert könnte die BNO eine Art kommunale Unterschutzstellung bedeuten.

Aktuelle Nachrichten