Jahrestag
Heute vor 800 Jahren: Der spätere König Rudolf I. kam zur Welt – der erste Habsburger mit Krone

König Rudolf I. (1218-1291) machte die Habsburger zu Herrschern. Er gilt als Begründer einer europäischen Grossmacht mit aargauischen Wurzeln. Er trug ab 1273 als erster Spross des Hauses Habsburg die Krone des römisch-deutschen Reichs.

Hans-Peter Widmer
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Büste von König Rudolf I. am Heldenberg in Österreich.
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Die Statue von König Rudolf im Dom zu Speyer.
Die Aarauer Stadtrechtsurkunde mit dem Siegel von König Rudolf von Habsburg aus dem Jahre 1283.
Der Graf wurde 1273 als erster Habsburger - eine Weltmacht mit Wurzeln im Aargau – zum König des römisch-deutschen Reiches gewählt.
König Rudolf hat den Aargau geprägt

Büste von König Rudolf I. am Heldenberg in Österreich.

Imago

Die Wiege der mächtigsten Dynastie Europas stand im Aargau. Der erste Habsburger, der die Königskrone trug, war Rudolf I. (1218–1291). Er gilt als Begründer einer europäischen Grossmacht mit aargauischen Wurzeln. Er trug ab 1273 als erster Spross des Hauses Habsburg die Krone des römisch-deutschen Reichs. Nach ihm regierten die Habsburger sieben Jahrhunderte lang ein Völkergemisch, das komplexer als die heutige EU war.

Zur Person

Hans-Peter Widmer war AZ-Redaktor und Koordinator des Habsburger Gedenkjahres 2008.

Zeitweise beherrschten sie ein Imperium, in dem die Sonne nie unterging. Ihr letzter Thronanwärter ohne Krone, Otto von Habsburg (1912–2011), schrieb zum Habsburger Gedenkjahr 2008, mit dem an die erste Erwähnung des Geschlechts vor 900 Jahren und an die Ermordung König Albrechts I. vor 700 Jahren bei Windisch erinnert wurde: «Wir sind ja eigentlich Aargauer.»

Den ersten markanten Fussabdruck hinterliessen die Habsburger nicht in der glanzvollen Kaiserstadt Wien, sondern eben im Aargau mit dem Schloss Habsburg, das ihnen den Namen verlieh, sowie den Klöstern Muri und Königsfelden, die zu den ältesten Stiftungen der Adelsfamilie gehörten. Aus dem Herrschergeschlecht gingen 21 Könige und 16 Kaiser sowie eine Heerschar Grafen, Herzöge und Erzherzöge hervor.

Nicht auf der Habsburg geboren

Rudolf stammte in siebter Generation vom Frühhabsburger Radbot ab. Dieser soll nach den Überlieferungen der Acta Murensia – der um 1160 verfassten frühesten habsburgischen Hauschronik – mit seiner Gattin Ita von Lothringen 1027 das Kloster Muri gestiftet und fast gleichzeitig mit dem Bau der Habsburg begonnen haben. Das Grafengeschlecht kam aus dem Elsass und verstand es, seinen Besitz am Oberrhein, im südlichen Schwarzwald und im Aargau bis in den Zürcher Raum sowie Richtung Innerschweiz zielstrebig zu erweitern.

Der spätere König wurde am 1. Mai 1218 nicht auf der Habsburg, sondern auf der Limburg bei Breisach am Kaiserstuhl geboren. Er wuchs mit zwei Brüdern und zwei Schwestern zusammen auf. Längere Aufenthalte von ihm auf der Habsburg sind nicht bekannt. Er war viel unterwegs. Aber seiner Wurzeln war er sich bewusst. Wenn er in die Gegend kam, stieg er wegen der warmen Quellen meistens in Baden oder in Brugg ab, dem er 1284 das Stadtrecht verlieh. Den Stammsitz hatten die Habsburger bereits um 1230 ihren Dienstleuten überlassen.

Mit 22 schon Familienoberhaupt

Früh, mit 22 Jahren, fiel Rudolf die Rolle des Familienoberhauptes zu, weil der Vater bei den Kreuzzügen starb. Schon als Graf bewies er strategisches Geschick, das er den Nachfahren vormachte. Er vergrösserte den Machtbereich durch kluge Heiratspolitik, Erbverträge und Verhandlungstalent – oft aber auch mit Gewalt. Lesen und schreiben konnte er nicht wirklich, das besorgten seine Notabeln.

Im Wettstreit der Königsgeschlechter setzte er auf Gefolgschaft bei den papstkritischen Staufern, was ihm vorübergehend den Kirchenbann der römischen Kurie eintrug. Aber die Nähe zum Herrscher bot die Chance, Reichslehen zu übernehmen.

Sodann bereinigte Rudolf familiäre Differenzen mit seinen Vettern aus der Linie Habsburg-Laufenburg. Ein Coup gelang ihm mit der Übernahme des Erbes der aussterbenden Grafen von Kyburg. Dabei fielen ihm neue Gebiete östlich Zürichs mit Winterthur und im Aargau die Städte Aarau, Baden, Lenzburg und Mellingen zu.

Schliesslich vermehrte er den Elsässer Besitz durch die Heirat im fortgeschrittenen Alter von 36 Jahren mit Gertrud von Hohenberg. Sie gebar zehn Kinder, das letzte mit fast 50 Jahren, und starb bald darauf. Darauf heiratete Rudolf die 14-jährige Elisabeth von Burgund. Als am Ende eines mehrjährigen Machtvakuums ein neuer König gesucht wurde, setzte sich der vermeintlich schwache Habsburger Rudolf am 1. Oktober 1273 gegen den mächtigen böhmischen Herrscher Ottokar durch.

Vom Aargau in den Osten

Sofort nahm Rudolf die Zügel in die Hand, verfügte einen allgemeinen Landfrieden, liess Gefangene frei und reorganisierte die Verwaltung. Ottokar musste in einer demütigenden Zeremonie Verzicht leisten. Das vergass er nie. Seine Provokationen endeten 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut. Rudolf schlug mit einer Finte, einem unkonventionellen Angriff durch flinke Reiter in Ottokars Heeresflanke, den Kontrahenten, der ums Leben kam.

Die Schlacht war von europäischer Bedeutung. Dadurch dehnte König Rudolf den Herrschaftsbereich der Habsburger auf die Herzogtümer Österreich und Steiermark aus. Der Machtschwerpunkt verlagerte sich vom Oberelsass, Aargau und Zürichgau in den Osten und bildete die Grundlage für das spätere Donaureich, das die Dynastie bis ins 20. Jahrhundert beherrschte. Aber Rudolf bemühte sich vergeblich um die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches, die ihm vor allem dazu gedient hätte, einen seiner Söhne selber als Nachfolger zu bestimmen. Zweimal stand er der Ernennung durch Päpste nahe, doch die Pontifexe starben jeweils vor der Krönung.

Volkstümlich und gerecht

Über Rudolf von Habsburg sind viele teilweise propagandistisch instrumentalisierte Erzählungen und Anekdoten überliefert. Er wurde als «volkstümlich, humorvoll, gerecht, gewitzt, bisweilen listig, manchmal sogar verwegen» charakterisiert. Entgegen der in der Geschichtsschreibung verfestigten Erzfeindschaft zwischen Eidgenossen und Habsburgern scheint Rudolf mit seinen Untertanen in der Urschweiz nicht so übel ausgekommen zu sein. Der Bund der Eidgenossen wurde jedenfalls erst nach seinem Tod gegründet.

Im Juli 1291 fühlte der 73-jährige Rudolf, dass es dem Ende zuging. In Baden hatte er nochmals Linderung von den Gichtschmerzen gesucht. Dann machte er sich auf dem Pferd zum Kaiserdom nach Speyer auf, an den Begräbnisort des römisch-deutschen Königtums, wo er seine letzte Ruhestätte haben und damit den Rang der Habsburger als Königsgeschlecht verdeutlichen wollte.

Am 15. Juli, einen Tag nach der Ankunft, starb er. Aber sieben Jahre lang mussten die Habsburger die Königskrone abgeben. Sein Sohn Albrecht setzte 1298 die Herrschaft des Hauses fort – aber nicht für lang: 10 Jahre später fiel er in Königsfelden der Mörderhand seines Neffen Johannes von Schwaben und einiger Mitverschwörer zum Opfer.

Geschichtlicher Abriss: Spuren der Habsburger im Aargau

Die Frühhabsburger Guntram der Reiche und sein Sohn Kanzelin von Altenburg
erwerben vor dem Jahr 1000 Besitz im Eigenamt zwischen Aare, Reuss und Kestenberg sowie im Gebiet Bremgarten-Muri. Kanzelins Sohn Radbot und seine Gattin Ita von Lothringen gründen 1027 das Kloster Muri. Radbot baut um 1020/30 auch die Habsburg. Sie wird gegen 1100 zur Doppelburg erweitert.

1108 erscheint der Name der Habsburger erstmals in einer Urkunde. 1218 wird Graf Rudolf IV. geboren. Er übernimmt 1240 die Nachfolge seines Vaters Albrecht IV. und wird 1273 als Rudolf I. erster habsburgischer König des Römisch-deutschen Reichs. 1284 verleiht er Brugg das Stadtrecht. Er stirbt 1291. Sein Sohn Albrecht I. wird nicht unmittelbar, sondern erst 1298 zum König erkoren, 1308 vom Neffen Johann von Schwaben ermordet, im Kloster Wettingen bestattet und später wie sein Vater König Rudolf I. im Kaiserdom in Speyer beigesetzt.

1310 legt Königinwitwe Elisabeth den Grundstein zum Kloster Königsfelden; der Bau dauert Jahre und wird mit Glasfenstern geschmückt. Nach Elisabeths Tod 1313 residiert ihre Tochter Agnes, die Witwe des früh verstorbenen Ungarnkönigs Andreas III., in Königsfelden. Hier wird sie 1364 vorerst beigesetzt, wie die in der Schlacht bei Sempach 1386 gefallenen habsburgischen Ritter.

1415 erobern die Eidgenossen den Aargau mit Ausnahme des Fricktals, das unter Kaiserin Maria Theresia bis 1798 habsburgisch bleibt. 1918 verlässt das Kaiserpaar Karl V. und Zita Österreich; das Regiment der Habsburger ist vorbei. 1922 stirbt der Kaiser Karl und 1989 seine Gattin Zita. Ihre Herzen ruhen im Kloster Muri, wo seither auch ihre Söhne Rudolf und Felix bestattet wurden.

Im Habsburger Gedenkjahr 2008 wurden durch rund 80 Veranstaltungen das Geschichtsbewusstsein gefördert, die aargauische Identität gestärkt und das habsburgische Kulturerbe durch das Museum Aargau für die touristische Nutzung in ein besseres Licht gerückt. (H.P.W)