Der Aargau gilt als der Energiekanton der Schweiz. Kein Wunder, wird hier doch jede vierte Kilowattstunde Schweizer Strom produziert. Doch mit jedem AKW, das dereinst eins nach dem anderen vom Netz gehen wird, schrumpft die Bedeutung als Stromkanton.

Wie unsere Grafik zeigt, rechnet man damit, dass 2050 im Aargau wohl noch etwas mehr als ein Drittel der heutigen Menge produziert wird: 

Dieses Ziel bedarf allerdings noch grosser Anstrengungen, wie am gestrigen 19. Energiegipfel in Aarau klar wurde. Das lässt sich an einem von Hubert Zimmermann, CEO der AEW Energie AG, dargelegten Beispiel erläutern.

Energie aus dem Aargau

Energie aus dem Aargau

Die sehr stattliche Photovoltaikanlage auf einem Gebäude der Jura-Cement-Fabriken (JCF) in Wildegg produziert jährlich einen Zehntausendstel des geschätzten Solarpotenzials im Kanton Aargau.

Anders gesagt, müssen bis dann alle «Erneuerbaren» Solar, Wind, Biomasse und Geothermie (wobei mit Letzterer kaum noch gerechnet wird) zusammen etwa zehntausendmal so viel Strom liefern wie das JCF-Gebäude in unserem Bild.

Nicht mehr selbstverständlich

Der Stromkanton Aargau werde dereinst keine Selbstverständlichkeit mehr sein, sagt Zimmermann. Für ihn ist klar, dass «die Wasserkraft als zentrale Stütze der Versorgungssicherheit gestärkt werden muss».

Aber auch, dass das Solarpotenzial integral zu nutzen ist, ebenso Windkraft- und Biomassepotenzial. Natürlich könne man auch mehr importieren: «Dann ist aber auch die Wertschöpfung nicht mehr hier, und wir müssen uns mit den Nachbarn vertraglich absichern», so Zimmermann mit Blick auf mögliche künftige Strom-Knappheitslagen.

Gespannt darf man vor diesem Hintergrund auf die Energiegesetzrevision sein, die der Regierungsrat in den nächsten Wochen in die Vernehmlassung schicken wird. Darin werden die neuen Mustervorschriften der Kantone umgesetzt.

Energiedirektor Stephan Attiger liess sich in seinem Referat allerdings nicht in die Karten blicken. Er zeigte aber diverse offene Fragestellungen für den künftigen Energiemarkt in der Schweiz auf. Man sei sich einig, dass die Subventionen sinken und dass der Markt spielen solle, so Attiger, doch: «Wie wird künftig die Versorgungssicherheit garantiert?»

Zu klären sei im Weiteren, wie viel Stromeigenversorgung die Schweiz künftig wolle und wie die Versorgungslücke im Winter geschlossen werden soll. Schliesslich fragte er ins wie immer am Energiegipfel zahlreiche Publikum, ob die Wasserkraft angesichts enorm tiefer Strompreise unterstützt werden soll.

Eine offene Frage bleibt die Schaffung der Voraussetzungen, damit sich langfristige Investitionen in die Strominfrastruktur lohnen. Offen bleibt auch, ob die Schweiz das seit Jahrzehnten angestrebte Strommarktabkommen mit der EU bekommt. Auf dieses sei man angewiesen, so Attiger, «damit wir im- und exportieren können». Sehr viel hänge zudem davon ab, wie der Strommarkt künftig organisiert werde. Die Bundesrats-Botschaft erwartet er noch in diesem Jahr.

«Solange wir nicht wissen ...»

Viele Fragen stellen sich auch für den Basler Unidozenten für Energieökonomie, Hannes Weigt. Er stellte seinem Referat zum künftigen Strommarktdesign den Merksatz voran: «Solange wir nicht wissen, wohin wir wollen, werden wir auch nicht hinkommen.» Klar ist für ihn, dass die künftige Stromversorgung durch «Erneuerbare» dominiert sein wird. Die bisherige Stromwelt sei eine regulierte Welt gewesen.

Während es heute in der Schweiz Hunderte Stromversorger gibt, werden es künftig angesichts der Entwicklung (neue Häuser etwa sind künftig auch kleine Kraftwerke) x-tausende sein. Für Weigt ist deshalb klar: Der daraus folgende hohe Koordinationsaufwand kann faktisch nur über marktliche Strukturen geleistet werden.