Villigen

«Hesch na Bäum?» – «Nume na dürri»: Mit dem Förster durch den leidenden Aargauer Wald

Förster Oliver Frey führt die AZ durch sein Revier in Villigen. Dem Wald macht die Trockenheit im Aargau besonders zu schaffen. Die Konsequenzen: Dürre Bäume, braune Blätter und vom Borkenkäfer durchlöcherte Rinden.

Förster Oliver Frey stapft durchs Unterholz im Wald bei Villigen. Es ist ein schöner Tag, nicht zu heiss, nicht zu kalt. Der Boden ist noch feucht vom Regen, der am vorherigen Tag fiel. Frey bleibt stehen, legt den Kopf in den Nacken und schaut in die Baumkronen über ihm. Was er sieht, gefällt ihm nicht. «Wir haben ein Problem. Ein Problem, das wir nicht länger ignorieren können», sagt er. «Bei einer gesunden Buche sollte man den Himmel durch die dichte, hellgrüne Krone nicht sehen können», sagt er. Die Buchen, die er anschaut, haben gar keine Blätter mehr. «Die sind ausgetrocknet», sagt er. «Die erholen sich nicht mehr.» Er stapft weiter durch den Wald, setzt sich ins Auto, fährt ein Stück, läuft weiter. Und immer wieder hebt er den Arm, um auf eine Buche und noch eine und noch eine weitere zu zeigen, die entweder schon dürr oder am Kriseln ist.

Es sind die Hitze und die Trockenheit der letzten Jahre, die den Buchen so zusetzen. Den Hitzesommer 2003 steckten die Bäume noch weg. In den Jahren danach fiel dann zu wenig Regen. Dann kam der Sommer 2018. Dann der Sommer 2019. Im letzten Jahr warfen viele Buchen wegen des fehlenden Wassers die Blätter zu früh ab und lagerten Nährstoffe ein. Im Frühling dieses Jahres schlugen sie, als wäre alles normal, nochmals aus. «Da dachte ich, es hat die Buchen vielleicht gar nicht so schlimm erwischt», sagt Frey. «Aber bereits einen Monat später wurden bei vielen Buchen die Blätter braun. Die eingelagerten Reserven waren aufgebraucht.» Dann kam der Sommer 2019, wieder wurde es zu heiss. «Wäre diese Hitzewelle nicht gekommen, dann hätten es einige Buchen vielleicht noch geschafft.»

Noch jetzt, Ende August, zeigen immer mehr Buchen Anzeichen vom Hitzestress: die Blätter verfärben sich, die Krone lichtet sich – der Baum mit der hellen Rinde bekommt sogar Sonnenbrand. Der Bestand könne sich in den nächsten Jahren erholen, sagt Frey, würde das Wetter mitspielen. Doch damit rechnet er nicht. «Die Buche ist unsere Hauptbaumart», sagt Frey. Fünf Prozent, schätzt er, sind bereits abgestorben. 10 bis 20 Prozent des Bestands stehen auf der Kippe. Der Regen vom Vortag mache da keinen grossen Unterschied.

Villigen sei aber auch ein extremer, exponierter Standort. «Der Boden ist steinig, bietet wenig Wasserspeicher. Wir sitzen hier quasi auf einem grossen Steinhaufen.» Der Förster sagt: «Aber auf der ganzen Jurakette gibt es ähnliche Bilder wie hier.»

Nach «Burglind» nur noch Schadenbegrenzung

Der 52-jährige Oliver Frey arbeitet seit 25 Jahren als Förster in Villigen. Er ist auch Präsident des Aargauischen Försterverbands. Solche Schäden wie jetzt in seinem Revier, aber auch in anderen Wäldern hat er noch nie gesehen. Vor allem das Tempo, mit dem die Bäume sterben, erschreckt ihn. Seit Sturm Burglind sei er nur noch damit beschäftigt gewesen, die Schäden zu begrenzen. Gezielten Holzschlag, sprich Frischholz ernten, macht er nicht mehr. Frey fällt dürre Buchen, die in der Nähe von Strassen oder Wegen stehen. In Villigen fällt deswegen bald das Waldstück im Gebiet Tüelimatt. Verdorrte Bäume sind ein Sicherheitsrisiko. Im Baselbiet musste gar ein Waldstück gesperrt werden. «Das wäre ein Horrorszenario, ich hoffe, dass es hier nicht auch so weit kommt», sagt Frey.

Der Förster setzt sich wieder ins Auto. Er will in ein Gebiet mit jungen, ausgetrockneten Weisstannen fahren. Auf dem Weg kommt ihm ein anderer Wagen entgegen. Darin sitzt Jakob Baumann, der während 15 Jahren Gemeindeammann von Villigen war und selbst ein Stück Wald besitzt. «Hesch na Bäum?», ruft er Frey zu. Frey antwortet: «Nume na dürri». Die beiden sprechen über den Förster im Nachbardorf Würenlingen, der auch Probleme hat. Dann fährt Frey weiter und sagt: «Ich will nicht schwarzmalen. Aber es muss sich etwas ändern.» Die Waldbesitzer, Förster und die Politik müssten reagieren, sich anpassen, Konsequenzen ziehen. «Der Wald muss klimafit werden», so Frey.

Dem Borkenkäfer gefällt das warme Wetter

Oliver Frey stoppt den Wagen in einem anderen Teil des rund 1250 Hektaren grossen Reviers. Hier stehen Weisstannen, die vor rund 30 Jahren gesetzt wurden. «Sie kämen jetzt in das Alter, in dem sie wirtschaftlich rentiert hätten», sagt er. Frey zeigt in die Wipfel, die, anstatt dunkelgrün, die Farbe kupferrot angenommen haben. «Ausgetrocknet. Obwohl angenommen wurde, dass die Weisstanne eine klimaresistente Baumart ist», sagt Frey. «Das tut weh.»

«Sobald es Bohrmehl gibt, ist es für den Baum zu spät»

«Sobald es Bohrmehl gibt, ist es für den Baum zu spät»: Oliver Frey zeigt, wie es aussieht, wenn sich Borkenkäfer in die Baumrinden fressen.

Er fährt weiter auf den Geissberg. Frey steigt aus, geht zu einer Fichte, bückt sich und greift an den untersten Teil des Stamms. Zwischen seinen Fingern verreibt er braune Krümel: «Bohrmehl vom Borkenkäfer.» Er zeigt auf die Rinde, in der Löcher zu sehen sind, und schneidet mit einem Gertel ein Stück der Rinde vom Baum. Darin sind die Gänge der Käfer zu erkennen, weisse Maden und die grösseren braunen Insekten. Frey nennt den Borkenkäfer «Borki». Tönt herzig, ist es aber nicht. «Der Käfer befällt die Fichte, nistet sich unter der Rinde ein, wo er dem Baum quasi die Versorgung mit dem Wasser abschnürt.» Nach fünf bis sechs Wochen sei die Fichte trocken, sprich tot. «In dieser Zeit hat sich der Käfer vermehrt und fliegt zum nächsten Baum.» In heissen Sommern schafft der «Borki» so fast vier Generationen. Und die Winter sind zu warm, dass es dem Käfer etwas ausmachen könnte. «Der Borkenkäfer ist kein neues Phänomen im Wald», sagt Frey. Fehlt aber der Regen, sind die Bäume zu schwach, sich mit der Produktion von Harz gegen den Eindringling zu wehren. Natürliche Feinde wie die Waldameise oder der Specht kommen nicht mehr hinterher. «Als ich noch in der Lehre war, haben wir die Käferbäume gefällt und sie auf Leinentüchern entrindet. Die Rinde haben wir verbrannt. Das ist heute zu teuer und zu aufwendig.» Im Privatwald fällt er die Käferbäume nur dann, wenn es der Inhaber der Waldparzelle zulässt. Hilfreich sei das bei der Bekämpfung des «Borkis» nicht.

Der Markt ist gesättigt: Förster werden Holz kaum noch los

Er spricht ein weiteres Problem an: «Der Holzmarkt ist voll, weil in ganz Mitteleuropa grosse Mengen Schadholz anfallen. Wir kriegen das dürre Holz und das Käferholz kaum weg.» Förster Oliver Frey macht nicht den Eindruck eines Mannes, der aufgegeben hat. Er ist kein Pessimist, aber Realist. Momentan macht Frey Überstunden: Rund 300 Lastwagen dürres Holz und Käferholz wird er nächste Jahr aus dem Wald holen. «Ich behandle den Wald so, als wäre es meiner, obwohl ich nur angestellt bin», sagt er. «Und nach 25 Jahren den Wald in so einem Zustand zu sehen, das ‹verrisst mi fascht›».

Oliver Frey sitzt wieder im Auto, fährt zurück zum Werkhof Villigen. Er könne Klimaleugner nicht verstehen. Das Tempo, in dem die Hauptbaumarten des Waldes absterben, sei nicht mehr natürlich. Er will die Menschen sensibilisieren: «Der Wald hat so viele Vorteile. Im Sommer ist es hier schön frisch, man kann sich erholen, der Wald bietet Lebensraum, Bäume produzieren Sauerstoff.» Er hofft, dass das den Leuten etwas wert ist. Um den Wald zu erhalten, müsse man investieren – beispielsweise in die Wiederbewaldung und in resistentere Bäume. «Dazu gehören Ahorn, Linde, Eiche, Kirsche, Elsbeere, Nussbaum, Douglasie, Föhre oder Lärche.» Er schweigt einen Moment und sagt dann: «Der Wald, so wie wir ihn kennen, wird sich gehörig verändern. Daran müssen wir uns gewöhnen.»

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