Ambulanz

Herznotfall und Glatteis: eine Nachtschicht mit Rettungssanitäter

Riesenquetschwunde oder aufgeschürftes Knie? Der Alltag in der Ambulanz ist nicht immer «Action mit Blaulicht». Die AZ war 12 Stunden mit den Rettungssanitätern des Kantonsspitals Baden auf der Piste. Der Erfahrungsbericht einer Nachtschicht.

19.00 Uhr, Samstag: Das Team der Nachtschicht trifft ein - und trinkt erst mal zusammen Kaffee. Der erfahrene Rettungssanitäter Marco Bandelli und seine junge Kollegin Ursina Schumacher stehen heute im Einsatz. Eine Expertin für Anästhesiepflege hat ebenfalls Dienst: Falls das Leben eines Patienten bedroht ist, folgt sie der Ambulanz mit einem kleineren Auto zum Einsatzort. Es ist Fasnacht in der Region Baden - ob es heute wohl viele «Alkoholleichen» geben wird, fragt die Journalistin. «Das würde mich wundern», sagt Marco. Zwar hätten Einsätze mit sturzbetrunkenen Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen, «aber so krass, wie die Medien es darstellen, ist es nicht».

20.05 Uhr: Plötzlich piepsen drei Pager auf einmal: «Ein D2», sagt Ursina und fügt erklärend hinzu: «Ein dringender Einsatz, aber ohne Blaulicht.» Dieses werde nur bei einem D1 eingeschaltet, ein D3 hingegen bedeute einen nicht dringenden Einsatz, zum Beispiel die Verlegung eines Patienten in ein anderes Spital.

20.09 Uhr: Die Ambulanz fährt auf der Autobahn Richtung Spreitenbach. Per Fax hat die Leitstelle durchgegeben, dass eine Frau auf dem Shoppi-Parkplatz gestürzt sei und nicht mehr aufstehen könne. Kein Wunder - es ist die kälteste Nacht des Jahres, die Strassen sind spiegelglatt. Ursina macht das nichts aus. Souverän lenkt sie das Ambulanzfahrzeug durch das Parkplatzlabyrinth. Als das Team am Unfallort eintrifft, steht die Frau zwar wieder, hat aber starke Schmerzen in der Hüfte. Marco, heute für die Patientenbetreuung zuständig, untersucht sie - «Eine Fraktur ist nicht auszuschliessen», sagt er. Das Team bringt die Patientin ins KSB, wo sie 40 Minuten nach der Alarmierung von der Notfallabteilung in Empfang genommen wird. Fahrerin Ursina macht den Rettungswagen bereit für den nächsten Einsatz.

21.03 Uhr: Es geht Schlag auf Schlag - kaum hat Marco den Einsatzrapport fertiggestellt, kommt der nächste Notruf: «Wettingen, Frau gestürzt, RQW Kopf», steht auf dem Fax. Als Marco die Frau untersucht, sieht er ein bisschen Blut in den Haaren, von der besagten Rissquetschwunde ist aber nichts zu erkennen. Dafür sind die Knie nach dem Sturz auf dem Eis aufgeschürft. «Das ist höchstens Ihrer Schönheit ein bisschen abträglich», beruhigt Marco die Dame. Da sie aber etwas verwirrt scheint, muss sie mit ins Spital - eine Hirnverletzung ist möglich.

Zurück auf der Notfallstation, trifft das Team die erste Patientin des Abends wieder. Entwarnung: Sie hat sich nichts gebrochen. «Wir fragen meistens nach, was aus den Patienten geworden ist», sagt Marco. «Aber ich mag es, dass wir mit den einzelnen Patienten nur kurzen Kontakt haben. Ein Job in der Langzeitpflege wäre nichts für mich.» Es gebe aber auch bei ihnen Stammkunden, mit denen sie mittlerweile per du seien, fügt er schmunzelnd an.

22.30 Uhr: Das Team ist auf dem Weg zur Wettinger Eisbahn. Eine Hockeyspielerin ist kopfvoran in die Bande geknallt und klagt über Nackenschmerzen. Eine Wirbelsäulenverletzung? Marco befragt die Frau eingehend und entscheidet: Bergung und Transport mit der Vakuum-Matratze. Alle müssen mithelfen. Ganz vorsichtig wird die Sportlerin auf die Spezialmatratze gehoben - ein heikler Moment, denn die junge Frau soll möglichst wenig bewegt werden. Auch sie kommt auf die Notfallstation zum Röntgen. Dort ist viel los. Ärzte und Pflegerinnen, alle reden über die Hockeyspielerin. Ihr Kopf ist fixiert, sie sieht kaum etwas. Nur Marco spricht direkt mit ihr, erklärt mit ruhiger Stimme, was um sie herum passiert. Später sagt Ursina: «Es ist wichtig, dass die Retter sich bewusst sind, wie man sich als Patient fühlt - hilflos, ausgeliefert. Unser Job ist es, ihnen die Angst zu nehmen.»

23.35 Uhr: Zurück im Gemeinschaftsraum der Rettungssanität. Langsam müssten die Fasnachtsopfer mal kommen, denkt sich die Journalistin. «Es dümpelt heute etwas dahin», meint auch Ursina. Zeit für Kaffee und Kuchen. Und Zeit für Gespräche. Marco, der gelernte Zimmermann, erzählt von seinem Einsatz als Rettungssanitäter in Namibia. Davon, dass er keine Angst hatte, sich bei der Arbeit dort mit Aids anzustecken - «in einem Land, in dem Tuberkulose und Tollwut an der Tagesordnung sind, war Aids meine kleinste Sorge».

Die Probleme der Rettungssanitäter in der Schweiz sind vergleichsweise klein: renitente Patienten. Mässige Entlöhnung. Das Warten zwischen den Einsätzen in ruhigen Zeiten, «wo man manchmal nicht mehr weiss, wonach man noch googeln soll», so Marco. Auch die fehlende Anerkennung stört ihn: «Wenn in den Medien über Unfälle berichtet wird, dann kommt die Polizei vor, oder die Feuerwehr», sagt er. «Wenn alle für Interviews vor die Kamera treten, dann sind wir mit dem Patienten schon wieder weg. Die Rettungssanitäter wirken meist unerkannt im Hintergrund.» - «Ja, und die Leute wissen oft gar nicht, was wir eigentlich machen», sagt Ursina. «Nicht selten werde ich bei einem Einsatz gefragt, ob ich die Ärztin sei.»

01.43 Uhr: Seit drei Stunden bleiben die Pager stumm. Das Team legt sich einen Moment hin - da geht es los. Ein D1 diesmal, ein Blaulichteinsatz. Als Ursina für die Fahrt über den Schlossbergplatz das Horn einschaltet, beschleunigt sich auch der Puls der Journalistin - es scheint um Leben und Tod zu gehen. Eine Frau, fast 100 Jahre alt, klagt über Brustschmerzen. Ursina und Marco zeigen eindrücklich, wie gut ihre Zusammenarbeit funktioniert. Marco kümmert sich um die Patientin und legt ihr das mobile EKG-Gerät an, Ursina assistiert ihm und bereitet eine Spritze vor - ein medizinischer «Pas de deux». Der Zustand der Frau stabilisiert sich. Zurück geht es ohne Blaulicht.

04.47 Uhr: Eine knappe Stunde können sich Ursina und Marco ausruhen, bevor der letzte Einsatz ihrer Schicht hereinkommt. Es geht nach Wettingen, eine ältere Frau fühlt sich unwohl. Alles geht schnell, die Frau hat ihr Köfferchen schon gepackt und kann selber in den Rettungswagen steigen. «Bin ich froh, dass ihr gekommen seid», sagt sie und bedankt sich. «Eigentlich hätte es uns hier nicht unbedingt gebraucht», meint Ursina auf der Rückfahrt. Auch solche Einsätze, bei denen keine akute Notsituation besteht und ein Taxi zweckmässiger gewesen wäre, gehörten zu ihrem Job, sagt die gelernte Medizinische Praxisassistentin. «Die Nummer 144 ist mittlerweile so bekannt, dass die Leute schnell einmal anrufen, wenn sie mit einer Situation überfordert sind.»

05:30 Uhr: Noch eineinhalb Stunden bis zum Feierabend. Langsam macht sich die Müdigkeit breit. Und immer noch keine betrunkenen Fasnächtler weit und breit. Ob sie zufrieden seien mit ihrem Job, will die Journalistin von den Rettungssanitätern wissen. Beide bejahen ohne Umschweife: «Der Beruf ist abwechslungsreich, kein Tag ist wie der andere», sagt Ursina, die ihre Ausbildung erst vor einem halben Jahr beendet hat. Marco ergänzt: «Wir können selbstständig arbeiten und tragen viel Verantwortung.» Die Arbeitszeiten seien zwar unregelmässig, hätten aber auch Vorteile: «Durch die 12-Stunden-Schichten haben wir weniger Arbeitstage als andere.» Er betont: « Dieser Job ist Weltklasse.»

07.00 Uhr, Sonntag: Das Team der Tagschicht übernimmt. «Normalerweise gehts bei so einer Nachtschicht ein ‹Spürli› dramatischer zu und her», sagt Marco beim Abschied fast entschuldigend. «Aber im Grossen und Ganzen war das eine typische Rettungssanitäter-Schicht.»

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