«Lokalbericht»
Hermann Burger: 27 Jahre nach seinem Tod erscheint sein erster Roman

Im Nachlass des Aargauer Schriftstellers Hermann Burger wurde ein bisher unveröffentlichtes Manuskript entdeckt. Es handelt sich um Burgers ersten Roman «Lokalbericht». Das Geschehen führt an den Maienzug nach Aarau.

Jörg Meier
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Burger in Calascino sopra Brissago

Burger in Calascino sopra Brissago

Nachlass Hermann Burger, Schweizerisches Literaturarchiv, Bern; Typoskript: © Hermann und Matthias Burger.

Der Schriftsteller Hermann Burger gehört zu den festen kulturellen Grössen im Kanton. Man ist stolz auf ihn, er wird verehrt – und niemand weiss, wie weit er es als Dichter noch gebracht hätte, wenn er nicht 1989 im Alter von 57 Jahren seinem Leben ein Ende gesetzt hätte.

Burger, der Exzentriker, der Zigarren rauchende Ferrarifahrer, der geniale Wortkünstler. Man erinnert sich an seine Werke, «Schilten» etwa, das Schiltwald einen festen Platz in der deutschen Literatur sicherte, an den Erzählband «Diabelli» oder an seinen letzten Roman «Brenner» aus dem Jahre 1989. In der Nacht vor der Buchpremiere starb Burger an einer Überdosis Schlafmittel.

Dennoch werden Burgers Werke heute kaum mehr gelesen. Zum einen sind sie teilweise nur noch schwer erhältlich, zum andern braucht es leserischen Mut und ebenso Kühnheit und Beharrlichkeit, um in den burgerschen Kosmos einzutauchen.

Hilfslehrer an der Kanti

Und nun ist der Magier zurück. 27 Jahre nach seinem Tod überrascht Hermann Burger wieder. Im umfangreichen Nachlass haben Germanisten ein Romanmanuskript entdeckt, das man bisher schlicht übersehen hat. Mehr noch. Es ist nicht irgendein Manuskript, sondern es handelt sich um Burgers ersten grösseren Text.

Der Germanist Simon Zumsteg, der sich im Rahmen eines Nationalfondsprojektes mit dem Roman befasst, spricht von einer kleinen literarischen Sensation. Der Roman mit dem Titel «Lokalbericht» entstand in den Jahren 1970 bis 1972 und spielt in Aarau.

Es war die Zeit, als Hermann Burger als freier Mitarbeiter für das «Aargauer Tagblatt» tätig war und als Hilfslehrer an der Alten Kantonsschule unterrichtete. Daneben arbeitete er an seinem Lizentiat in Germanistik und schrieb an seinem ersten Roman.

Ein Aarauer Sittengemälde

Im «Lokalbericht» sitzt der Ich-Erzähler Günter Frischknecht im hochsommerlichen Tessin und schreibt gleichzeitig eine Dissertation über Günter Grass und einen Roman, der rund um den Aarauer Obertorturm spielt, und das zur Zeit des Maienzugs.

Die meisten Figuren im «Lokalbericht» haben eine Entsprechung in der damaligen Aarauer Realität. So erscheint etwa im Roman der fortschrittliche Literaturkritiker Felix Neidthammer, der stark an Anton Krättli erinnert, der Förderer und Mentor des jungen Hermann Burger war.

Es konnte vorkommen, dass der von einer Formulierung getriebene Burger spätabends an die Tür von Krättlis Wohnung in der Hinteren Altstadt in Aarau klopfte und Krättlis Meinung wissen wollte, und zwar sofort. Im Lokalredaktor Barzel, den Frischknecht bewundert, lässt sich unschwer Ulrich Weber erkennen, der damals als Lokalredaktor des Aargauer Tagblatts über Aarau berichtete. «Lokalbericht» entwerfe auch ein satirisches Sittengemälde Aaraus um 1970, erklärte Simon Zumsteg.

«Der Roman ist von der Komposition her einer Lokalzeitung nachempfunden», sagte Simon Zumsteg. «Er besteht aus einem Mosaik verschiedener Einzeltexte, die Burger wiederholt überarbeitet und schliesslich zu einem Puzzle zusammengesetzt hat.»

Der Text erweise sich zudem als Experimentierfeld des jungen Autors Burger. Zugleich sehen die Germanisten, die sich in einem dreijährigen Forschungsprojekt mit dem Text beschäftigt haben, darin auch eine Vorwegnahme von Burgers späterer Poetik.

Kommentierte Fassung gratis

Der Roman «Lokalbericht» erscheint am 21. Oktober in der Edition Voldemeer, Zürich. Gleichzeitig wird eine kommentierte Fassung ins Netz gestellt. Sie zeichnet die Entstehungsgeschichte des Textes nach, verweist auf frühere Fassungen einzelner Passagen.

So stammt die Urfassung einer Liebesgeschichte aus dem Jahre 1960, Burger hatte sie bereits als Kantischüler verfasst, dann im Laufe der Jahre immer wieder überarbeitet; schliesslich wurde die fünfte Fassung in den «Lokalbericht» eingefügt.

So umfassend und faszinierend diese textgenetische Edition, die gratis im Internet aufgerufen werden kann, für den Experten auch ist; die gedruckte Textausgabe kommt als schlichtes Bändchen daher, auf germanistische Anmerkungen wird verzichtet. Lediglich ein Nachwort stellt Zusammenhänge her. Das freut den eher einfach gestrickten Leser, der Burgers Text lesen möchte, ohne sich durch Hunderte von klugen Fussnoten durchkämpfen zu müssen.

Burger-Festival im Herbst

Die bevorstehende Publikation, verantwortet vom Schweizerischen Literaturarchiv und dem Cologne Center for Humanities ist auch Anlass und Thema für die Herbstausstellung im Forum Schlossplatz in Aarau.

Die biografischen und historischen Hintergründe des «Lokalberichts» werden ausgeleuchtet, Zeitzeugen und Fachleute disputieren; es gibt Führungen zu den Schauplätzen, und Schauspieler Robert Hunger-Bühler wird in der Tuchlaube den «Lokalbericht» auf die Bühne bringen.

Man darf also davon ausgehen, dass das bewegte Aarau der frühen 70er-Jahre im kommenden Herbst eine kurze, aber heftige Renaissance erleben wird. Und wer weiss, vielleicht sorgt der Text sogar für eine kleine Erschütterung.

Man kann sich gut vorstellen, dass dies dem wortgewaltigen Schriftsteller mit Hang zur Selbstinszenierung gut gefallen täte: Dass er 27 Jahre nach seinem Tod plötzlich wieder da ist und wieder für Schlagzeilen sorgt. Dass sein erster Roman nun auch zu seinem letzten wird.

Burgers böse Sätze

Noch bis zum 21. Oktober bleibt der Inhalt des Romans geheim. Als kleiner Vorgeschmack hier drei Zitate aus dem «Lokalbericht», wie sie eben nur Hermann Burger schreiben konnte.

«Wieso publik machen, werden Sie fragen, was man geheim halten möchte? Weil sich für das, was in der Tageszeitung steht, niemand interessiert, weil es niemand glaubt. Oder weil man es leugnet. Man ist bei uns sehr empfindlich auf Publizität. Es gibt kein sichereres Versteck als die Tageszeitung.»

«Kantonsschulprofessoren, insbesondere Deutschlehrer, haben besonders schlechte Zähne, da sie dauernd unverdaute Literatur wiederkäuen und in sogenannten Potenzträumen von ausgefallenen Zähnen träumen.»

«Mein Freund, der Kritiker Neidthammer, wird mit feiner Nase ein Talent wittern – ein Talent in einer stumpfen, insgesamt talentlosen Kleinstadt macht sich immer gut – und einen Fliegenfänger über seinem Schreibtisch aufhängen.»