Obergericht

Hells Angels vor Gericht: Ohne Zeugenbefragung fällen die Richter kein Urteil

Die Staatsanwaltschaft warf einem Hells Angels Mitglied vor, am 8. Dezember 2011 im Mr. Pickwick Pub in Baden zusammen mit anderen Hells Angels Mitglieder des verfeindeten Outlaw Motorrad-Clubs angegriffen und verletzt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft warf einem Hells Angels Mitglied vor, am 8. Dezember 2011 im Mr. Pickwick Pub in Baden zusammen mit anderen Hells Angels Mitglieder des verfeindeten Outlaw Motorrad-Clubs angegriffen und verletzt zu haben.

Es geht um Nötigung und 800'000 Dollar: Der Beschuldigte ist Mitglied bei den Hells Angels und führt eine Inkassofirma. Das Opfer ist ein Geschäftsmann, mit unbekanntem Wohnort.

Die Oberrichter hatten sich eine halbe Stunde für die Urteilsberatung zurückgezogen. Doch ein Urteil haben sie am Dienstagnachmittag nicht gefällt. Das Gericht habe beschlossen, dass die Zeugen angehört werden müssen, sagte Oberrichter Robert Fedier und schloss die Verhandlung.

Zwei Stunden früher. Auf der Anklagebank sitzt Markus Fischer (alle Namen geändert). Ein bulliger Mann mit Glatze, schwarzem Langarmshirt und silbrigen Ohrringen. Fischer ist Mitglied bei den Hells Angels. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, am 8. Dezember 2011 im Mr. Pickwick Pub in Baden zusammen mit anderen Hells Angels Mitglieder des verfeindeten Outlaw Motorrad-Clubs angegriffen und verletzt zu haben.

Er war ursprünglich wegen Angriffs, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs, Nötigung, Tätlichkeiten und übler Nachrede angeklagt. Doch bis auf die Nötigung sprach ihn das Bezirksgericht Baden von allen Vorwürfen frei oder stellte das Verfahren ein.

Vor Obergericht ging es um die Nötigung. Und auch da scheint vieles unklar. Angefangen beim Strafkläger Manuel Amsler, einem (ehemaligen) Geschäftsmann, der sich derzeit an einem unbekannten Wohnort aufhält und der im Amtsblatt publizierten Vorladung zur Verhandlung keine Folge leistete.

Gemäss Anklageschrift hat Fischer im August 2012, zusammen mit einer weiteren Person, Amsler in seinem Büro aufgesucht. Es ging um 800'000 US-Dollar aus einer angeblichen Forderung. Amsler sagte, er schulde Fischer kein Geld und forderte ihn auf, das Büro zu verlassen. Fischer blieb. Amsler wollte die Polizei anrufen, worauf Fischer seinen Arm wegdrückte und die Linie unterbrach.

Amsler versuchte es mit einem anderen Telefon im Grossraumbüro erneut. Erfolglos. Schliesslich soll die Sekretärin die Polizei alarmiert haben. Für die Staatsanwaltschaft und das Bezirksgericht erfüllt das Wegdrücken des Arms den Tatbestand der Nötigung. Nicht so für
Fischer. Er verlangte vor Obergericht einen Freispruch.

Regelmässige Rechtsberatung

In seinem Vortrag führte sein Anwalt zunächst aus, was für eine «besonders dreiste Person» Amsler sei. Im Gegensatz zu seinem Mandanten, Geschäftsführer einer Inkassofirma mit «hunderten zufriedenen Kunden». Das Vorgehen seines Mandanten sei legitim, er wisse genau, «wie weit er gehen dürfe», wenn er Forderungen einhole.

«Er weiss, dass er jemanden nicht physisch daran hindern darf zu telefonieren», führte der Anwalt aus. Fischer hole diesbezüglich Rat bei «unserem Büro», der Kanzlei von Milieu-Anwalt Valentin Landmann.

Bürobesuch nichts Besonderes

Auch Fischer führte vor Gericht aus, der Besuch im Büro von Amsler sei «nichts Besonderes» gewesen. Er habe ihn mit der Forderung konfrontiert. «Aber dieses Klientel, das sind Berufsleugner», erklärte er. Eine Behauptung, die der Anwalt stützte, indem er ausführte, Amsler soll die anwesenden Mitarbeitenden, Zeugen der mutmasslichen Nötigung, beeinflusst haben.

Einer habe in der Befragung oberflächlich ausgesagt, «als ob es nicht seine Erinnerung wäre», und auch Amsler selber habe «wenig glaubhafte und übertriebene Aussagen gemacht» und nicht einmal sagen können, wie lange der Vorfall gedauert haben soll. Sein Mandant hingegen habe den Vorfall «glaubhaft, realitätsnah und mit Details» geschildert.

Staatsanwaltschaft ist anderer Meinung

Die Staatsanwältin sieht das umgekehrt. Fischers Aussagen seien «nicht detailreich, sondern konstruiert», sagte sie. Er sei den Fragen ausgewichen, habe versucht, den Fokus auf die Umstände – seine Arbeit als Geschäftsführer einer Inkassofirma – zu lenken. Dass die Sekretärin schliesslich die Polizei gerufen habe, zeige, dass Aufregung herrschte.

Auch die Polizei habe rapportiert, dass «rege Betroffenheit herrschte», als sie in der Firma eintraf. Von einer Absprache der Zeugen könne keine Rede sein, schloss die Staatsanwältin.
Wie glaubwürdig die Zeugenaussagen sind, davon muss sich das Obergericht selber überzeugen, wenn die Verhandlung – inklusive Anhörung der Zeugen – fortgesetzt wird.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1