Ehrendingen war ein eher beschaulicher Ort, als dort am Samstag, 12. Juni 2010, ein Krieg ausbrach. Auf dem Industrieareal wollten die «Outlaws» abends die Einweihung ihres neuen Klubhauses feiern. Zehn «Outlaws» und vier Gäste waren anwesend, als gegen 15.30 Uhr 200 Mitglieder verschiedener Motorradclubs, vorwiegend aber «Hells Angels», eintrafen. Mit Werkzeugstielen, Dachlatten, Schlagstöcken beschädigten sie Fahrzeuge, wobei ein Schaden von 55 000 Franken entstand. In der folgenden gewalttätigen Auseinandersetzung fielen gar Schüsse; einer der «Outlaws» wurde verletzt.

Die Polizei hatte gegen 50 Angreifer ermittelt. 36 davon wurden 2013 wegen Landfriedensbruch sowie teilweise auch Verstössen gegen das Waffengesetz per Strafbefehl zu bedingten Geldstrafen und Bussen verurteilt. 19 von ihnen haben das Urteil nicht akzeptiert. Bis zum 13. Juli stehen sie nun in Etappen vor Gericht. Sämtliche Urteile werden den Beteiligten erst danach und schriftlich mitgeteilt werden.

Gestern sass eine erste Gruppe von fünf Beschuldigten dem Einzelrichter Peter Rüegg gegenüber. Sie alle leben im Kanton St. Gallen und sind mit einem dortigen Anwalt erschienen. Im kleinen Gerichtssaal roch es nach abgestandenem Rauch, der sich in den Kleidern der Beschuldigten festgesetzt hat.

Ein Koch war darunter, ein Metzger, ein Konditor, ein Bauschreiner und ein Zimmermann. Sie sind zwischen 48 und 53 Jahre alt, verheiratet, einer geschieden. Ihr Anwalt sagte im Plädoyer, «es sind unbescholtene Männer, Berufsleute, Familienväter.» Zwei von ihnen waren unauffällig gekleidet – Jeans, schwarzes Hemd oder Pulli. Der Konditor und Vizepräsident der St. Galler «Höllenengel» trug mit geschwellter Brust ein braunes T-Shirt mit dem Aufdruck «Hells Angels Brazil» und einen «Hells Angels»-Gürtel. Der Metzger und der Zimmermann sind Mitglieder der «Tombstone Rats». Neben dem Namen ziert ein Lilienkreuz mit Ratten- und Totenkopf den Rücken ihrer Lederjacken.

Hells Angels vor Gericht

Hells Angels vor Gericht

Vor sechs Jahren gingen die Hells Angels auf die Mitglieder eines anderen Motoradclubs los. Heute kam es in Baden zum Prozess.

Alle folgten einem Kollegen

Dies weckte einen Moment lang die Assoziation vom Rattenfänger von Hameln. Dann nämlich, als es darum ging, dass die gegen 200 Fahrer auf ihren heissen Öfen im Konvoi einem einzelnen Kollegen blindlings hinterhergefahren waren. Tags zuvor hatte der Bauschreiner in seiner Eigenschaft als Sekretär der örtlichen «Hells Angels» ein SMS an alle Grosspatch-Clubs verschickt: «Morgen Samstag um 14.30 Uhr beim Klubhaus Zürich ALLE! Mit Auto genügt». Ob sie sich, wollte der Richter wissen, immer so kurzfristig treffen? «Mal länger, mal kürzer, man kann doch auch spontan sein», antwortete der Bauschreiner. Einig wie beim Rütlischwur war das Quintett sich, dass das Wort Ehrendingen nie gefallen, vielmehr die Rede vom Besuch eines befreundeten Klubs in Basel gewesen sei. Ganz und gar nicht sei besprochen worden, dass den «Outlaws» ein Denkzettel verpasst werden solle.

Wie lange, so Richter Rüegg, es gedauert habe, bis auch der Letzte auf dem Areal in Ehrendingen eingetroffen war? «Zwischen 20 und 30 Minuten.» Und was sie dort angetroffen haben? «Von Weitem habe ich Lärm gehört und dann sind mir auch schon Typen mit Stöcken entgegengekommen», so der Metzger. Ob er auch Schüsse gehört habe? «Möglich.» Unisono versicherten alle fünf, dass sie bei ihren Motorrädern stehen geblieben und überhaupt nicht an den Zerstörungen und der Auseinandersetzung beteiligt gewesen seien.

Der Anwalt plädierte natürlich für Freisprüche. Seine Mandanten hätten bloss im neuen Klublokal etwas trinken wollen. «Es gibt keine Indizien, geschweige denn Beweise, dass sie den ihnen zur Last gelegten Landfriedensbruch begangen haben.» Im Schlusswort beklagte sich der Bauschreiner, es sei «schlimm, dass man in einem freien Rechtsstaat von gewissen Leuten so diskriminiert wird, ‹wie wir Hells Angels›».