Sibylle Lichtensteiger erlebt strenge Zeiten. Wir treffen die Leiterin des Stapferhauses frühmorgens im Rohbau des neuen «Hauses der Gegenwart» in Lenzburg. Tagsüber fand sich kein passender Termin. Während die Bauarbeiter nach und nach ihre Arbeit aufnehmen, erklärt sie den funktionalen Neubau, der hinter den Gerüsten am Entstehen ist; sie erzählt begeistert von der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Architekten und Planern, die sich in den Dienst der Sache stellten und nicht Architektur als Selbstzweck realisieren wollten. Sie zeigt die Farbmuster der Holzfassaden; je nach Lichteinfall und Tageszeit wird das neue Haus in unterschiedlichen Blautönen wirken.

Im Innern lässt der Rohbau bereits erkennen, wie das Prinzip des neuen Hauses, das künftig den Wechselausstellungen des Stapferhauses eine Heimat bietet, funktionieren wird: Die unterteilbaren Ausstellungsflächen verteilen sich auf zwei Geschosse und geben den Ausstellungsmacherinnen und -machern viel Flexibilität, weil sie den Bedürfnissen der Ausstellungen angepasst werden können. So ermöglichen die hohen Räume, dass vorübergehende Zwischengeschosse eingezogen werden können; zusätzliche Türen und Fenster können bei Bedarf eingefügt und aktiviert werden, ja selbst die beiden Geschosse können durch zusätzliche Treppen erschlossen werden, wenn es das Ausstellungskonzept verlangt.

Auch der Eingangsbereich, bestehend aus Foyer, Café und einem grossen, unterteilbaren Saal, lässt sich multifunktional nutzen, auch unter Einbezug des Aussenraums.
Das «Haus der Gegenwart» ist vorwiegend aus Holz gebaut, es ist energieeffizient, barrierefrei und veränderbar. Das neue Haus wirke inspirierend auch beim Entwickeln von neuen Ausstellungen. «Innovation entsteht durch Machen», sagt Lichtensteiger. Dieser Ort biete die idealen Voraussetzungen dazu. Im zweiten Obergeschoss werden die Büros des Stapferhauses untergebracht, das Pendeln zwischen Schloss und Stadt entfällt künftig.

Das ganze Projekt «Haus der Gegenwart» kostet 24,8 Millionen Franken. Die Finanzierung ist fast gesichert: «Es fehlt noch gut eine Million Franken», sagt Lichtensteiger. Die Stapferhaus-Crew hat bereits Ideen entwickelt, wie dieser Betrag generiert werden könnte. Heute lädt das Stapferhaus ab 18 Uhr zur Baustellenbesichtigung mit Musik und Marroni. Dabei wird auch bekannt gegeben, wie das «Haus der Gegenwart» tatsächlich heissen soll und wie das fehlende Geld gefunden werden könnte.

Über Wahrheit und Lüge

Eröffnet wird die neue Heimat des Stapferhauses im Oktober 2018; intensiv laufen bereits die Vorbereitungen zur neuen Ausstellung. Sie trägt den Arbeitstitel «Fake – über Wahrheit und Lüge» und thematisiert den alltäglichen Umgang mit Wahrheit, Realität und Lüge. Wird dann temporär auch ein alltagstauglicher Lügendetektor im neuen Haus installiert sein? «Auch darüber denken wir nach», sagt Sibylle Lichtensteiger.

Neben der intensiven Beschäftigung mit dem Neubau, der Geldsuche, der Planung der neuen Ausstellung und der Vorbereitung des Umzugs vom Schloss in die Stadt, betreut das Stapferhaus-Team auch weiterhin die aktuelle und erfolgreiche Ausstellung «Heimat» auf dem Zeughausareal in Lenzburg. Sie wird nicht verlängert und geht am 25. März unwiederbringlich zu Ende. Noch nicht geklärt ist, ob die ganze Ausstellung, allenfalls mit Riesenrad, auch in der Romandie gezeigt werden soll.

Und genau wegen des Erfolgs der Ausstellung «Heimat» muss Sibylle Lichtensteiger nun den Rundgang durch den Rohbau beenden. Der nächste Termin steht an. Zwei Delegationen aus Deutschland werden auf dem Zeughausareal erwartet. Sie wollen Auskunft über die Ausstellung «Heimat». Lichtensteiger wird auch ihnen gerne Red und Antwort
stehen.