Die Männer lachen und witzeln, obwohl sie sich gar nicht richtig verstehen. Ein Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch, Arabisch und Tigrynia tönt durch die Halle in Oftringen. Trotzdem wissen alle, was sie zu tun haben. Europaletten und noch nicht gespaltenes Brennholz stehen fein säuberlich geordnet in der Halle. In der Mitte türmen sich Säcke aus der Kleidersammlung. Vier Asylsuchende aus Syrien und Eritrea arbeiten heute im Beschäftigungsprogramm der Stiftung Wendepunkt. «Schnell, schnell», sagt Samuel* auf Deutsch, als das Förderband stillsteht.

Die Arbeit ist simpel, aber anstrengend. Für die Firma Texaid, die für Hilfswerke alte Kleider sammelt, laden sie Säcke um. Die Altkleider aus der Sammlung werden angeliefert, in grössere Säcke verpackt und mithilfe eines Förderbands umgeladen in Seecontainer und Lastwagenanhänger. Handtaschen, Kleiderbügel und der gröbste Abfall werden aussortiert. Ist ein Seecontainer voll, wird er in die Welt verschickt, in ein Werk, wo die Kleider sortiert und weiterverteilt werden.

Lange Schulkarriere, keine Zukunft

Samuel ist 25 Jahre alt und in Asmara aufgewachsen, der Hauptstadt Eritreas. Er ist gebildet, hat eine lange Schulkarriere hinter sich. In seiner Heimat hat er für die Regierung gearbeitet. Vor dieser Regierung ist er auch geflüchtet. Warum genau, sagt er nicht, aber er sagt, das Leben in Eritrea sei sehr, sehr schwierig. Er floh in den Sudan, von dort nach Libyen und mit dem Boot über das Mittelmeer nach Italien. Mit dem Zug kam er in die Schweiz. Sein Kollege Johannes* ist 22 und hat die gleiche Flucht hinter sich, kam aber einige Monate nach Samuel in die Schweiz. Beide sind allein hier, ohne Verwandte. Johannes spricht wenig Englisch und ein paar Brocken Deutsch. Er ist Handwerker. Samuel übersetzt für ihn.

Randvoll: Mit dem Förderband und Muskelkraft wird der Hochseecontainer aufgefüllt.

Randvoll: Mit dem Förderband und Muskelkraft wird der Hochseecontainer aufgefüllt.

Die beiden sprechen Tigrinya, die semitische Sprache, die man auch in Äthiopien spricht. Samuel will unbedingt Deutsch lernen und strahlt, wenn er über seine Zukunft nachdenkt: «Ich will eure Sprache lernen, auch wenn das hier schwierig ist. Und ich möchte arbeiten. Ich mache jede Arbeit gern, Hauptsache, ich kann arbeiten.» Er erzählt, dass er früher nebenbei als Maler gearbeitet hat, um überleben zu können. «Attaccapanni. Wie heisst das auf Deutsch?», fragt Samuel, als er einen Kleiderbügel aus einem Plastiksack voller Kostüme und Perücken zieht. Attaccapanni ist italienisch, Eritrea war von 1890 bis zum Zweiten Weltkrieg eine Kolonie Italiens. Es gibt viele italienische Lehnwörter im Tigrinya. Samuel lebt in der kantonalen Asylunterkunft Murgenthal. Er hat es nicht weit nach Oftringen. Johannes wohnt in der Unterkunft in Birr. Die Stiftung Wendepunkt holt die Asylsuchenden wie alle Teilnehmenden, die in Oftringen arbeiten, am Bahnhof Aarau ab.

Eine angemessene Beschäftigung

Beide haben den dunkelblauen Ausweis N für Asylsuchende. Der N-Ausweis ist keine Aufenthaltsbewilligung, sondern eine Bestätigung, dass die Person in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hat und auf einen Entscheid des Staatssekretariats für Migration wartet. Das neue Asylgesetz sieht vor, dass Asylsuchende während der Wartezeit ein Recht auf eine angemessene Beschäftigung haben. Früher mussten sie einfach warten, ohne etwas zu tun.

Daniel Lerch, Betriebsleiter der Stiftung Wendepunkt Oftringen.

«Sie merken, dass sie gebraucht werden. Und wir merken, das sind Leute wie du und ich.»

Daniel Lerch, Betriebsleiter der Stiftung Wendepunkt Oftringen.

Daniel Lerch, Betriebsleiter der Stiftung in Oftringen und Rothrist, sagt: «Es sind verschiedene Kulturen, die sich hier begegnen. Es sind sehr gute Begegnungen.» 55 Plätze hat die Stiftung Wendepunkt insgesamt für Asylsuchende, die vom Kantonalen Sozialdienst zugeteilt werden. Die Asylbewerber dürfen montags, dienstags, donnerstags und freitags beschäftigt werden – mittwochs müssen sie in ihren Unterkünften mithelfen. Die Einsätze in gemeinnützigen Organisationen sind keine Erwerbsarbeit, sondern «sinnvolle Beschäftigung». Das sei sehr wertvoll für die Leute, sagt Lerch. «Sie merken, dass sie gebraucht werden. Und wir merken, das sind Leute wie du und ich.»

Es sei nicht immer einfach, aber die meisten Asylbewerber seien sehr motiviert und würden gern wiederkommen. Der Seecontainer ist fast voll. Das Förderband stoppt, jetzt ist es nur noch Handarbeit. Samuel lacht und sagt: «Passt so.»

*Namen geändert