Prozess in Zofingen
«Hätte sie beinahe erwürgt»: Das hässliche Ende einer «Amour fou»

Ein Deutscher würgte seine Freundin, bedrohte sie mit einem Messer und stach sich selber in den Oberschenkel – nun erhält er eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Marina Stalder
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Im September 2014 würgte der Beschuldigte seine damalige Freundin und bedrohte sie mit einem Messer. Shutterstock

Im September 2014 würgte der Beschuldigte seine damalige Freundin und bedrohte sie mit einem Messer. Shutterstock

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«Hätte sie beinahe erwürgt», steht am 10. September 2014 um 21:29 im What’s-App-Chat von Christian Leimer* und seiner damaligen Exfreundin Heike Maier*. Nur Sekunden vorher hat der Deutsche seine Freundin Juliette Werner* mit beiden Händen auf der Terrasse seiner Wohnung gewürgt. Danach soll er ihr ein Messer an den Hals gehalten haben, um sie zu verängstigen. Als er merkte, dass die Frau am Hals blutete, habe er es weggezogen und sich selber in den Oberschenkel gestochen. Der 33-jährige Beschuldigte musste sich nun vor dem Bezirksgericht Zofingen wegen mehrfacher versuchter Tötung, sowie der mehrfachen Körperverletzung, Drohung und Nötigung verantworten. Seine heutige Exfreundin Juliette Werner erschien als Zivilklägerin und Auskunftsperson vor Gericht.

Naive Liebe

«Wir führen seit Mitte März keine Beziehung mehr», gibt Juliette Werner zu Protokoll. Die beiden hätten sich nach dem Vorfall getrennt, im September 2015 ihre Beziehung jedoch wieder aufgenommen. Grund für die erneute Trennung sei ein weiterer Würgevorfall gewesen. «Ich liebe ihn heute nicht mehr», so Werner, die während der Befragung fortwährend weinen musste.

Auslöser für die Tätlichkeiten am Abend des 10. Septembers 2014 sei eine Auseinandersetzung gewesen. «Wir hatten wöchentlich Streit wegen Meinungsverschiedenheiten», erklärt die 31-Jährige. «Dieses Mal wollte er aber seine Macht ausspielen, mich aus der Wohnung haben und die Beziehung beenden.» Der Streit sei «schrittweise eskaliert», bis Christian Leimer begann, seine damalige Freundin auf der Terrasse seiner Wohnung mit beiden Händen zu würgen. «Ich weiss nicht mehr genau wie lange, aber ich erinnere mich daran, dass ich später im Wohnzimmer wieder zu mir kam.» Sie habe Todesangst gehabt. Dass er sie umbringen wollte, glaubte sie aber nicht.

Juliette Werner kroch dann ins Badezimmer, um sich zu übergeben. Als sie merkte, dass ihr Freund mit seinem Bruder telefonierte, habe sie sich ins Schlafzimmer zurückgezogen. Dort übergab sie sich, bevor sie die Türe abschloss. «Er drohte mir, zuerst meinen Hund und dann mich abzustechen, weil ich die Türe nicht aufmachte.» Als sie ihn doch hereinliess, wollte er sich zuerst selber mit einem Messer umbringen. Sie habe ihn zu beruhigen versucht und ihm gesagt, dass ihr Leben weniger Wert habe. «Dann hielt er mir das Messer an den Hals. Er drückte wohl zu fest zu, deshalb begann ich zu bluten», so Juliette Werner. Schnell nahm er das Messer wieder weg und weinte. Danach stach er mit dem Messer in seinen eigenen Oberschenkel.

What’s App statt Hilfe

«Die Diskussion mit ihr hat mich so wütend gemacht», erzählt Christian Leimer. «Wäre sie ein Mann gewesen, dann hätte ich ihr den Schädel eingeschlagen.» Bewusst habe er sie aber nicht würgen wollen. «Ich wusste nicht wohin mit meinen Händen, da begann ich sie zu würgen.» Er habe schnell realisiert, was er tat und liess sie los. In seiner Verzweiflung schrieb er seinerdamaligen Exfreundin Heike Maier eine Mitteilung über die Nachrichtenapp What’s App. Er habe mit jemandem über das Geschehene sprechen müssen. «Wieso haben Sie keinen Notarzt gerufen?», wollte Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober wissen. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie in Lebensgefahr war. Sie konnte noch schreien und mich beleidigen», erklärte Leimer.

Auch den Vorfall mit dem Messer im Schlafzimmer bestritt der Beschuldigte nicht. «Sie sagte mir, ich solle mein Leben nicht wegschmeissen. Da wollte ich ihr Angst machen und zeigen, wie schnell es mit dem Leben vorbei sein kann», sagt Christian Leimer. Das Messer wollte er mit der stumpfen Seite an den Hals halten. Dabei habe er aber die scharfe Kante erwischt und sie geschnitten. «Ich erschrak wegen meiner Dummheit», so der Beschuldigte. Dann sei Juliette Werner panisch geworden und er habe sie auf das Bett geworfen. «Ich habe nicht mehr daran gedacht, dass ich das Messer in der Hand hatte und wollte mir aus Verzweiflung auf den Oberschenkel schlagen, dabei habe ich mich selber gestochen», erzählt Leimer zu Ende. «Es tut mir alles leid und ich wünschte, dass das nicht passiert wäre.»

«Drakonische Strafe»

Die Staatsanwaltschaft beantragte aufgrund der hohen Flucht- und Risikogefahr des Beschuldigten eine unbedingte Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. «Das ist eine drakonische Strafe», entgegnete der Verteidiger in seinem Plädoyer. So habe der Beschuldigte stets gearbeitet und für seinen Unterhalt gesorgt. Ebenso habe er die Schulden, die seit dem Vorfall angefallen seien, zu grossen Teilen zurückgezahlt. «Auch an das Kontaktverbot hat sich Christian Leimer gehalten. Es war Juliette Werner, die mit ihm Kontakt aufgenommen hat.» Die beiden hätten aus ihrer «Amour fou» nicht ausbrechen können.

Das Bezirksgericht Zofingen verurteilte Christian Leimer wegen einfacher, versuchter vorsätzlicher Tötung und wegen einfacher, fahrlässiger Körperverletzung. «Mit der Intensität, mit welcher der Beschuldigte würgte, nahm er den Tod in Kauf», erklärt Kathrin Jacober. Von der Anklage der Drohung und Nötigung wurde er aufgrund der zu ungenauen Anklageschrift freigesprochen. Als Strafe erwartet Leimer eine unbedingte Freiheitsstrafe von 39 Monaten in Sicherheitshaft, wobei die 98 Tage der Untersuchungshaft angerechnet werden. Zudem muss er 90 Tagessätze à 30 Franken leisten. Ein Schadenersatz wurde gutgeheissen und eine Genugtuung an Juliette Werner in der Höhe von 3000 Franken gesprochen. Ebenfalls werden dem Beschuldigten sämtliche Verfahrenskosten auferlegt.

*Namen von der Redaktion geändert.

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