Porträt
Hans Zbinden: Ein rastloser Wanderer durch das Bildungswesen

Auf Ende Jahr gibt der ehemalige SP-Nationalrat Hans Zbinden sein letztes öffentliches Amt als Präsident der Eidgenössischen Fachhochschulkommission ab. Zbinden hat die Schweizer Bildungslandschaft entscheidend mitgestaltet.

Hans Fahrländer
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Ein halbes Jahrhundert Tätigkeit für die Öffentlichkeit: Hans Zbinden.

Ein halbes Jahrhundert Tätigkeit für die Öffentlichkeit: Hans Zbinden.

Alex Spichale

In diesen Tagen geht eine der spannendsten und vielseitigsten Aargauer Politkarrieren der letzten Jahrzehnte zu Ende: Der ehemalige Nationalrat Hans Zbinden wird Ende Jahr mit dem Präsidium der Eidgenössischen Fachhochschulkommission sein letztes öffentliches Amt abgeben. Mitte der Sechzigerjahre wählte das Badener Stimmvolk den frisch patentierten Lehrer als Nachfolger für den legendären SP-Politiker und Ehrenbürger Albert Räber an die Volksschule Baden. Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert Tätigkeit für die Öffentlichkeit, insbesondere für das schweizerische Schul- und Bildungswesen.

Beruflich war der Bäckerssohn aus Rheinfelden Lehrer auf allen Stufen, vom Kindergarten bis zur Hochschule; ebenso war er in der Schulaufsicht und in der Bildungsforschung tätig. Nach ein paar Jahren Berufstätigkeit studierte er Pädagogik und Soziologie an der Universität Zürich und dissertierte mit dem Thema «Innovationen in Bildungsorganisationen». Auch die Verwaltung hat er von innen kennen gelernt: Dem ehemaligen Baselbieter Bildungsdirektor Peter Schmid und der Zürcher Gesundheitsdirektorin Verena Diener diente er als persönlicher Mitarbeiter. Er war auch Gründungsdirektor des aargauischen Didaktikums für Bezirkslehrkräfte und Vizepräsident der Fachhochschule Aargau und ihrer Nachfolgerin, der Fachhochschule Nordwestschweiz. Daneben war er, für einen Sozialdemokraten eher untypisch, Offizier und Pilot.

Bekannter noch war der Politiker Zbinden. Er war 10 Jahre lang aargauischer Grossrat, SP-Fraktionspräsident und 1986/87 Grossratspräsident. Während 15 Jahren gehörte er dem Nationalrat an. Sein grösster Erfolg war die Annahme seiner parlamentarischen Initiative, aus welcher die neuen Bildungsartikel in der Bundesverfassung mit dem Harmonisierungsauftrag an die Kantone hervorging. Ein Auftrag, der allerdings zu seinem Leidwesen nur harzig vorankommt. Von einer «Schule Schweiz» sind wir noch weit entfernt.

Hans Zbinden war auch Vizepräsident der SP Schweiz. In dieser Funktion besuchte er regelmässig die Treffen der Sozialistischen Internationale und begegnete den linken Grössen Europas aus dem letzten Jahrhundertviertel persönlich, von Willy Brandt bis Helmut Schmidt, von Mitterrand bis Papandreou.

Hans Zbinden sieht sich selbst als «ganzheitlich denkenden Wanderer durch das Bildungswesen». «Spezialisten gibt es genug, aber kaum einer hat heute noch den Überblick», pflegt er zu sagen. Zbinden war, lange bevor der Begriff Karriere machte, ein begnadeter Netzwerker. Er kennt die meisten einflussreichen Leute des Bildungswesens persönlich und betätigt sich als «Go-between» zwischen Menschen, Institutionen und Interessengruppen.

Doch Hans Zbindens Netzwerke beschränken sich nicht nur auf Bildung und Politik. «Hinter meinen Beziehungen steht meistens eine persönliche Geschichte», sagt er. Da wäre zum Beispiel sein kulturelles Netzwerk. Er kannte und kennt viele Schriftsteller und Kunstschaffende persönlich. Günter Grass zum Beispiel, der in den 60er-Jahren zeitweise im Aargau lebte. Mit Klaus Merz pflegt er seit der gemeinsamen Seminarzeit regelmässigen Austausch, ebenso mit Peter Bichsel und Franz Hohler. Da kommt so eine Geschichte: «Ich habe als Junglehrer den Ablauf des Badener Jugendfestes kritisiert. Er erschien mir zu konventionell, bot den Jugendlichen zu wenig Anregung. Da hat es geheissen: ‹Zbinden, wenn du alles besser weisst, mach es doch das nächste Mal selber!› So geschah es. Ich bat namhafte Schweizer Autoren, Filmemacher, Schauspieler, Musiker und Politiker um ihre Mithilfe. Und alle kamen und halfen, das neue Jugendfestkonzept zu realisieren. Vielen von ihnen bin ich heute noch verbunden.»

Oder das Zbinden-Fussball-Netzwerk. Sein jüngerer Bruder Ruedi ist als ehemaliger Fussballprofi seit vielen Jahren Chiefscout beim FC Basel. Hans Zbinden gehörte zu den Gründern der ersten nationalen Fussball-Spielergewerkschaft «Profoot», zusammen mit Andy Egli und Heinz Hermann. Den Initialpunkt für seine Fussballleidenschaft kann er genau datieren. Da kommt die nächste Geschichte: 1954 war die Schweiz Gastgeber der Fussball-Weltmeisterschaft. Etliche Spiele fanden im St. Jakob Stadion in Basel statt. Die Nationalteams Italiens, Belgiens und Schottlands logierten deshalb in Rheinfelder Hotels. «Ich habe als Neunjähriger Brötli und Gipfeli aus der väterlichen Bäckerei in die Gaststätten ausgetragen. Neugierig, wie ich war, wagte ich mich an die bewunderten Fussballstars heran, sprach mit ihnen und bat sie um ein Autogramm. So avancierte ich für einige zu einer Art Maskottchen und der Brötli-Bub durfte gratis Spiele auf der Tribüne mitverfolgen.»

Der Bäckersbub betätigt sich übrigens bis heute selber in diesem Berufsfeld. So galt er während seiner Bundeshaus-Zeit als begnadeter «Confiseur du Parlement» und überraschte jeweils die neugewählten Mitglieder des Bundesrates mit einer hausgemachten Glarnerpastete.

Zbinden galt in jungen Jahren als unbequem-alternativ. So weigerte er sich, seine Grossratspräsidenten-Feier von 1986 im offiziellen Wettinger Tägerhardsaal abzuhalten. Er feierte lieber in einem Zirkuszelt – und als Attraktion servierte er dem distinguierten Aargauer Polit-Publikum statt Reden etliche Stücke und Nummern ihm bekannter Musiker und Artisten. Der Gemeinderat Wettingen akzeptierte knurrend diese Alternativfeier – doch bezahlen musste Zbinden sie selber.

Zurück in sein Hauptgebiet und in die Gegenwart. Wie beurteilt «Mister Fachhochschule», wie Zbinden respektvoll genannt wird, die noch junge Fachhochschullandschaft Schweiz? «Alle Lager, von links bis rechts, betonen heute die Erfolgsgeschichte dieser jungen Hochschulen. Grundsätzlich kann ich mich dem anschliessen. Aber wer von allen Seiten nur Lob erhält, dem droht Selbstgefälligkeit. Und wird blind gegenüber Verbesserungsmöglichkeiten. Ich wünsche mir deshalb selbstkritischere und innovative Fachhochschulen.»

Zur letzten Geschichte von Hans Zbinden: «Mein pädagogisches Vorbild war mein Grossvater. Er war ein Verdingkind. Ihm war kein Schulbesuch vergönnt. Umso aktiver und neugieriger hat er sich in seinem beschwerlichen Leben Klugheit und Weitsicht durch Alltagserfahrungen angeeignet. Er blieb zeitlebens offen für Neues und dirigierte noch als Hundertjähriger die Stadtmusik Burgdorf.» In diesem Sinne darf man sicher sein: Auch wenn Hans Zbinden sein letztes offizielles Amt abgibt – man wird weiterhin von ihm hören.

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