Bibel
Hans Widmer hilft, das Buch der Bücher neu zu entdecken

Mit einer schlichten Sprache, mit eingefügten Erklärungen, erleichtert Hans Widmer den Lesern den Einstieg in die Bibel. Er möchte den Menschen das uralte Buch wieder näher bringen und dessen ursprüngliche Seite wiederfinden

Peter Siegrist
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Hans Widmer lässt in seinem Buch Geschichten und Erklärungen zusammenfliessen. Peter Siegrist

Hans Widmer lässt in seinem Buch Geschichten und Erklärungen zusammenfliessen. Peter Siegrist

Den Sinn selber suchen

Hans Widmer, geb 1923, erlebte in den 68er-Jahren als Religionslehrer an der Kantonsschule Aarau, womit junge Menschen ringen, wenn sie ihren Kindheitsglauben abstreifen und alles Religiöse kritisch hinterfragen. Als Hebräischlehrer an der Kantonsschule Baden begann er, biblische Texte zu übersetzen. Als Pfarrer von Küttigen liess er seine Schüler den Sinn der biblischen Geschichten selber suchen und entdecken. Oft wurden dann die Geschichten in einem Gemeindegottesdienst als jeux dramatiques gespielt.

Widmers Bestreben, die Bibel vor allem auch jungen Leuten zugänglich zu machen, ist bereits vom Basler Theologieprofessor Reinhold Bernhardt in einem Brief an den Verfasser gewürdigt worden. «Ich beobachte immer wieder, dass sich nicht nur Jugendliche schwertun, wenn sie erstmals mit der Bibel in Berührung kommen (wollen). Viele Texte sind über den ‹garstigen Graben der Geschichte› nur mit Mühe verstehbar.» Genau hier helfe Widmer mit seinem Buch mit, diesen Graben zu überwinden und die Bibel «lesbarer» zu machen, dafür gebühre ihm Dank, schreibt Bernhardt.

Und Mario Etzensberger, der frühere Direktor der Psychiatrischen Klinik Königsfelden, fügt als einer der ersten Leser an: «Ich habe die Geschichten und Schriften des Alten und des Neuen Testamentes - von Hans Widmer aus dem Hebräischen und Griechischen zum Teil neu übersetzt - fast in einem Zuge gelesen. Wer miterleben möchte, wie im Negev und im Sinaigebiet der Glaube an Jahwe entsteht, wer wissen will, wie man im Orient Geschichten erzählt und was Gleichnisse bedeuten, wer verstehen möchte, wie Jesus und die ersten Christen die Botschaft vom Reiche Gottes gelebt haben, sollte zu diesem Buche greifen.»

«Der Hebräer kennt nur zwei Zeitformen, das Perfektum und das Imperfektum», erklärt Widmer. Im Perfektum werde berichtet, was vergangen sei, im Imperfektum consecutivum alles, was im Gange sei. Das könne in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft sein. Das Passah, das sich vor Generationen ereignet habe, werde in Israel gefeiert, wie wenn sich alles heute ereignen würde. Mit Brot und Wein erlebe man die Bedrückung durch den Pharao und die Befreiung durch Gott – jetzt.

Etwas von der Dynamik und Offenheit der Sprache Jesu bringt der Verfasser zum Ausdruck. «Ämät» in unsern Bibeln mit «Wahrheit» übersetzt, heisst im Hebräischen «Treue», «Festigkeit», «Beständigkeit» und «Wahrheit». So drücke «schalom» den Zustand von «ganz sein», «wiederhergestellt sein», «Frieden haben» und «im Frieden leben» aus.

Was die Reihenfolge der biblischen Bücher betrifft, folgt Widmer den Erkenntnissen der theologischen Wissenschaft, welche nachgewiesen hat, dass zum Beispiel die Urgeschichten von Adam und Eva, von Kain und Abel, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel zur Zeit des Königs Salomo niedergeschrieben worden sind, dass die Schöpfungsgeschichte während der babylonischen Gefangenschaft verkündet wurde.

Direkt in den Text eingefügte Erklärungen dienen dem besseren Verständnis und zeigen, dass mit den Geschichten von Adam und Eva, von Kain und Abel nicht historische Ereignisse übermittelt werden sollen, sondern menschliche Urerfahrungen über Liebe und Eifersucht, über Hochmut und Unglaube.

Die Schöpfungsgeschichte – im Exil entstanden – setzt sich mit dem babylonischen Götterglauben auseinander und entmythologisiert Sonne, Mond und Sterne, welche in Babylon als Götter verehrt werden. Das hebräische Wort «herrschen» in Mose 1, 26 bedeutet nicht (über die Natur) herrschen, sondern sie «in die Hand nehmen», «Verantwortung tragen».

Hans Widmer, «Die Bibel wieder entdecken». Buchvernissage am Sonntag, 21.Oktober, 15 Uhr, im ref. Kirchgemeindehaus, Kirchbergstrasse 16, 5000 Aarau. Das Buch ist im Buchhandel oder beim Autor in Aarau erhältlich.