Zum Gedenken
Hans Rusterholz war ein Skizzierer grosser Würfe und kleiner Netze

Hans Rusterholz, der vor 50 Jahren die Metron AG gegründet hatte, war nicht nur Architekt und Planer, Visionär und liberaler Kopf, er war auch Familien- und Kulturmensch. Ende Mai ist der Niederlenzer 84-jährig gestorben.

Hans-Peter Widmer
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Hans Rusterholz, 1931–2015.

Hans Rusterholz, 1931–2015.

Hans Rusterholz war eine unverwechselbare Persönlichkeit, innovativ, unkonventionell – und unbequem. Entbehrungen und Erfolge prägten sein Leben. Im Mittelpunkt standen zwei besonders nachhaltige Leistungen. Zunächst die Vormundschaft und Ersatzvaterrolle, die er als Ältester der sieben Kinder einer Baumeisterfamilie nach dem frühen Tod der Eltern für die jüngsten vier minderjährigen Geschwister übernahm. Dann, vor 50 Jahren, die Gründung der Metron AG zusammen mit dem Studienfreund Alexander Henz und zwei weiteren Partnern. Die Firma entwickelte sich mit Tiefen und Höhen zu einem bedeutenden Architektur-, Planungs- und Dienstleistungsunternehmen, mit Aufträgen im In- und Ausland und 140 Mitarbeitenden aus über 30 Berufen in Brugg, Bern und Zürich.

Rusterholz steuerte den kleinen Konzern einige Jahre als Mitglied und Delegierter des Verwaltungsrates. Zwischendurch trat er aus der Firma aus und später wieder ein. Der charismatische Pionier gab der Architektur neue Impulse durch sein konzeptionelles Denken und die Überzeugung, dass ganzheitliche Lösungsansätze eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Architekten, Ingenieuren, Raumplanern, Umwelt- und Verkehrsfachleuten sowie Sozialwissenschaftern erforderten. Die Nutzungsanwendung interessierte ihn mehr als die Form. Im Vordergrund stand für ihn die Frage: «Was bringt es, wie wirkt es sich aus?»

Dabei blieben ihm Skepsis und Missdeutungen nicht erspart. In seinen visionären Ideen zur Siedlungs-, Verkehrs- und Landschaftsplanung sowie zum Bau von Wohnhäusern mit flexiblen Grundrissen und kostensparenden Konstruktionen – die als typische «alternative» Metron-Bauten galten und da und dort behäbige ländliche Dorfstrukturen mit einer neuen Zuzügergeneration aufmischten – glaubten Kritiker eine ideologische Tönung aus einem «soziologisch-grün-linken Gemisch» zu erkennen. Ganz falsch lagen sie nicht, denn Hans Rusterholz war auch ein politischer Mensch; allerdings verschoben sich seine weltanschaulichen Bezugspunkte mit der Zeit.

Er wurde als Freisinniger 1962 in den Gemeinderat Niederlenz gewählt, trat jedoch vorzeitig zurück, weil die Gemeindeversammlung einen von ihm konzipierten Strassenrichtplan mit Autobahnzufahrt ablehnte – «zum Glück», wie er später eingestand. 1967 half er das Team 67 gründen, das jüngere liberale Köpfe, darunter Söhne einiger bekannter freisinniger Väter, versammelte und mit nonkonformistischen Methoden politische Verkrustungen aufzubrechen versprach. Bei den Grossratswahlen 1969 kandidierte Rusterholz für das Team gleichzeitig in mehreren Bezirken. Er wurde auf Anhieb in Aarau und Baden gewählt, nahm das Mandat für Baden an, aber hielt es im Kantonsparlament nur zwei Jahre lang aus. Erfolglos blieb er als Nationalrats- und Regierungsratskandidat. Den späteren Schwenker des Teams nach links machte er mit und fühlte sich schliesslich in der SP aufgehoben.

Hans Rusterholz war ein gut informierter Zeitgenosse. Er setzte sich mit allen Fragen der Gesellschaft auseinander, pflegte gute Beziehungen zu Literaten und Aargauer Künstlern, schrieb selber Kolumnen und entwarf auch philosophische Skizzen wie «Die kleinen Netze». Darin schlug er vor, Wohnungen mit ihrer Umgebung und Sozialstruktur so zu organisieren, dass Solidarität und Hilfsbereitschaft gefördert sowie das Leben der Bewohner erleichtert würden. In ein solches «kleines Netz», nämlich in das vertraute Familienrefugium in Niederlenz, mit einem Kinderspielplatz vor seiner Sitzecke, der ihm das Fernsehen ersetzte, zog er sich zurück, als ihm das Wohnen in der von ihm umgebauten ehemaligen «Täfelifabrik» in Aarau zu beschwerlich wurde.

Er wünschte sich, dass sich auf eben diesem Terrain Angehörige, Freunde und ehemalige Weggefährten nach seinem Ableben zu einer fröhlichen Abschiedsfeier versammeln sollten. Sie bot Gelegenheit, den Verstorbenen und sein Wirken zu würdigen. Dies taten, umrahmt von den Klängen einer Band, seine Schwester Katharina und der Bruder Willi sowie der ehemalige Metron-Mitbegründer Alexander Henz, der neue Aarauer Stadtbaumeister Jan Hlavica und der Schriftsteller Klaus Merz.