Religion
Händeschütteln: Im Aargau stellen Schulen nicht viele Regeln für Muslime auf

Baselbieter Schüler, die aus religiösen Gründen ihre Hand nicht der Lehrerin geben wollen. Wie gehen Aargauer Schulen mit solchen Fällen um? Toleriert werde das nicht, trotzdem verzichtet man im Kanton auf zuviele Regeln zum Thema.

Mario Fuchs
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Handschlag-Debatte

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Zwei Oberstufenschüler muslimischen Glaubens wollen in Therwil BL ihrer Lehrerin die Hand nicht geben.

Gemäss ihrer Auslegung des Korans lasse sich dies nicht mit ihren religiösen Überzeugungen vereinbaren – die Schulleitung willigte ein. Dies machte die «Schweiz am Sonntag» publik.

Im Aargau ist Problematik bislang nicht bekannt. Das Bildungsdepartement, der Aargauische Lehrerinnen- und Lehrerverband und der Verband Aargauer Muslime teilen übereinstimmend mit, sie hätten keine Kenntnisse von einem solchen Fall.

Lehrerverband: «Nicht toleriert»

«Es ist schwierig, ein Urteil abzugeben, wenn man den Fall nicht aus der Nähe kennt», sagt Lehrerpräsidentin Elisabeth Abbassi – und findet dann klare Worte: «Kämen zwei Schüler mit diesem Anliegen zu mir, würde ich ihnen sagen, dass das nicht toleriert wird.»

Der Händedruck sei eine Frage des Respekts der Lehrperson gegenüber. «Es kann nicht sein, dass minderjährige Buben das Gefühl haben, sie können im Schulzimmer im Alleingang neue Regeln einführen.»

Sie würde das Gespräch mit den Eltern suchen. Ihre Devise: Nicht alles mit neuen Regelungen regeln – sondern im Dialog individuelle Lösungen finden. Sei die Situation schwierig, könne man einen Kulturvermittler beiziehen.

Laut Simone Strub, Medienchefin des Bildungsdepartements, ist der Händedruck schlicht ein «Ritual, das vielerorts zum Schulalltag gehört».

So wie diese Rituale nirgends festgeschrieben seien, könne man auch den Umgang mit Verweigerern nicht festschreiben.

«Hier geht es um Kultur und Klima an einer Schule, darum, wie man miteinander umgeht», sagt Strub. Da bis jetzt die Frage von keiner Schule gestellt worden sei, sehe man aktuell keinen Anlass, eine Empfehlung abzugeben. «Wir sollten darauf verzichten, möglichst viele Regeln aufzustellen, sondern situativ auf den Dialog setzen.»

Halit Duran, Präsident des Verbands Aargauer Muslime, sieht das genauso: «Oft gibt es Missverständnisse. Meistens muss eine Lehrperson muslimischen Eltern nur kurz erklären, was Idee oder Ziel hinter eines Vorhabens oder eines Verhaltens ist, und schon sind die Vorbehalte aus dem Weg geräumt.»

Die Verweigerung des Händedrucks, betont Duran, sei jedoch nicht einmal etwas spezifisch Muslimisches: «Religiös ist das nur schwer begründbar. Womöglich ist es einfach eine pubertäre Abgrenzungsreaktion.»

Seine Tochter gehe auch an die Bezirksschule, beim Hinausgehen gäben sich Schüler und Lehrpersonen die Hand. «Das ist dort kein Thema.»

Er bedaure eine Reaktion wie in Therwil: «Das ist völlig unnötig.» Duran betont aber auch, man solle jetzt «aus einer Mücke keinen Elefanten machen».

Empfehlungen nicht aktualisiert

Wie an der Aargauer Volksschule mit religiösen Bedürfnissen umgegangen werden soll, hielt das BKS 2008 eigentlich in einer sogenannten «Handreichung für Schulleitungen, Schulpflegen und Lehrpersonen» fest.

Das 18-seitige Papier, das der az vorliegt, erklärt, welche Rechte wo tangiert werden und welche Prinzipien «in einem konkreten Fall, in dem zwischen widerstreitenden Interessen abgewogen werden muss», zu beachten sind.

Es gibt zudem Empfehlungen ab, wie in den häufigsten Fragen entschieden werden soll.
BKS-Sprecherin Simone Strub ist erstaunt, als sie auf die Handreichung angesprochen wird: «Diese stellen wir schon länger nicht mehr zur Verfügung.»

Begründung: Man hätte das Papier nach einigen Jahren überarbeiten und aktualisieren müssen – dies dann aber nicht weiterverfolgt.

Der Dialog habe sich bewährt. Mit zunehmender Erfahrung – etwa Präzedenzfällen in Sachen Schwimmunterricht oder Kopftuchtragen – hätten sich die Schulen zudem immer sicherer gefühlt.

Auch Lehrerpräsidentin Elisabeth Abbassi sagt: «Heute haben wir in diesem Zusammenhang viel weniger zu diskutieren als noch vor zehn Jahren.»

Grundsätzlich schwierige Leute, die sich gegen Regeln sträubten, werde es immer geben – «mit und ohne Migrationshintergrund.»

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