An diesem Aprilmorgen stehen wir auf dem Hungerberg ob Aarau, die Frühlingssonne begrüsst die Osterwoche, zu unseren Füssen duftet der Bärlauch. Hamid Jasfari, 26, und Mohammed Rasuli, 26, tragen afghanische Fussballtrikots, Rucksäcke vom Hallwilerseelauf.

Sie bestaunen den Alpenzeiger, blicken auf Altstadt, Aare, Lenzburg weiter hinten im Dunst. «Die Schweiz ist ein schönes Land», sagt Hamid.

Seit anderthalb Jahren leben die beiden hier. Hamid, gelernter Bauarbeiter, mit seiner Frau und drei Kindern in einer Asylunterkunft in Safenwil. Mohammed, Mathematiklehrer, in einer Asylunterkunft in Brittnau.

Nicht sitzen und warten

Die Idee, sein Land zu umwandern, hatte Mohammed schon in Afghanistan. «Aber da wäre es viel zu gefährlich gewesen.» Wären sie 2015 nicht geflohen, würden sie vielleicht heute nicht mehr leben.

Im Aargau traf Mohammed auf Hamid, beim Sport. Mehrmals in der Woche spielen sie zusammen Fussball. Schnell merkten sie, dass sie mehr Energie haben als man auf dem Rasen verbrauchen kann. Arbeiten dürften sie theoretisch, praktisch aber ist es kaum möglich, eine Stelle zu finden. Es gilt der Inländervorrang.

Beide haben den N-Ausweis. Heisst: Ihr Asylgesuch ist noch nicht entschieden. Nebst Deutschkursen haben sie wenig Kontakt zu Schweizern. Doch Hamid und Mohammed haben sich davon nicht lähmen lassen. Hamid sagt: «Wir glauben, wir Flüchtlinge müssen unser Leben selber in die Hand nehmen. Nicht in der Unterkunft sitzen und warten.»

Youtube-Video öffnet Türen

Also dachten sie sich: «Wir machen es hier. Wir wandern rund um die Schweiz.» Als sie Landsleuten von der Idee erzählten, lachten diese: Ihr seid doch verrückt. Die Schweizer haben Angst vor euch.

Als sie Schweizern von ihrer Idee erzählten, lachten diese auch, aber anders: ermutigend. Jan Götschi ist Projektleiter des «Drehpunkts» in Aarau, einem Treff des Netzwerks Asyl Aargau mit Beschäftigung, Sprachkursen, Sportangeboten. Götschi half dem Duo, eine Website aufzusetzen: www.aufgehen.ch. «Auf die Schweiz zugehen», heisst es im Titel. Darunter steht: «Während eines Monats wollen wir durch die Schweiz wandern. Jede Nacht schlafen wir bei anderen Schweizern. Wir starten am 1. Mai in Aarau.»

Die Wanderroute von Hamid und Mohammed.

Als die Website und ein Youtube-Video anfang Monat online gehen, merken Hamid und Mohammed, dass die Schweizer tatsächlich keine Angst haben vor ihnen. Jetzt, nach nur einer Woche sind schon 14 von 34 Übernachtungsplätzen gefunden. Viele Gastgeber wollen zudem mitlaufen, die schönsten Ecken ihrer Region zeigen. Ausrüstung wie Wanderschuhe und Rucksäcke sind zugesagt.

Noch etwas schwierig sei es im Wallis. Aber wenn man mal für eine Nacht kein Bett finde, sei das nicht so schlimm, auf der Flucht habe man auch draussen geschlafen.

Sie würden schon andere Flüchtlinge in der Schweiz kennen. Aber sie wollten bewusst bei Schweizern übernachten. «Wir wollen euch kennenlernen», sagt Mohammed. Götschi sagt, es sei wahnsinnig schön, wie viele Reaktionen man bereits erhalten habe.

Hamid stellt das Projekt vor.

Hamid stellt das Projekt vor.

 

Sackgeld gestrichen

Bloss: Dürfen Asylsuchende von ihrer Unterkunft fernbleiben, frei durchs Land ziehen? Sie dürfen, haben die zuständigen Behörden entschieden, aber das tägliche Taschengeld von 10 Franken wird solange ausgesetzt.

Deshalb sind Hamid und Mohammed darauf angewiesen, Kost und Logis gespendet zu erhalten. Umgekehrt bieten sie ihren Gastgebern an, afghanisch zu kochen, wenn gewünscht. Boulani etwa, ein traditionelles gefülltes Fladenbrot. «Die Schweizerinnen und Schweizer sollen sehen, dass wir aktiv sind», sagt Hamid. Vertrauen werde einem nicht geschenkt. Man müsse sich erst kennenlernen, erst dann könne es entstehen.

Einen Monat lang unterwegs

Hamid hat drei Kinder, das jüngste ist wenige Monate alt. Hat er kein schlechtes Gewissen, die Familie einen Monat alleine zu lassen? «Weisst du», sagt Hamid: «Ich möchte schon bei ihnen sein. Aber wenn wir mit unserer Idee viele Flüchtlinge motivieren können, haben wir nicht nur meiner Familie geholfen, sondern allen.»

Von Aarau aus geht es via Fricktal und Delémont Richtung Bern und Genfersee. Dann durch das Wallis, über den Nufenen nach Biasca, über den Lukmanier nach Disentis. Das Rheintal hinauf bis zum Bodensee, über Zürich, Luzern und das Freiamt zurück nach Aarau. Einen Monat später, am 2. Juni, wollen sie ankommen.

Ja, das sei sportlich. Aber sie seien es sich gewohnt, weit zu laufen, sie hätten auch den Grossteil ihrer Flucht zu Fuss zurückgelegt. Sie hätten sich gefragt, ob sie Velos nehmen sollten. «Aber dann dachten wir: Nein, Wandern ist typisch schweizerisch.»

Einen Fussball packen sie übrigens nicht ein. «Dafür werden wir wohl keine Energie mehr haben», sagt Hamid. «Aber das ist in Ordnung.»

Offene Gastorte und weitere Informationen unter www.aufgehen.ch