Argus

«Halt, Polizei, Messer weg!» – So probt Aargauer Sondereinheit den Ernstfall

Die Sondereinheit «Argus» der Kantonspolizei Aargau feiert den 40. Geburtstag. Wenn Argus zum Einsatz kommt, gibt es nichts mehr zu diskutieren. Stossen normale Polizisten an ihre Grenzen, greift die Sondereinheit ein. Die az war beim Training dabei.

Sie rücken die Schusswesten zurecht, ziehen Masken übers Gesicht, setzen ihre Helme auf. In den Augen funkelt Entschlossenheit. Die Sondereinheit «Argus» der Kantonspolizei Aargau rüstet sich zum Einsatz in Triesen, Liechtenstein.

Sieben Mann bringen sich im Parterre eines alten Gasthauses in Stellung, der Einsatzleiter gibt letzte Anweisungen. Draussen plätschert ein Brunnen, die Sonne drückt aufs Gebälk, und während auf den Bergspitzen die letzten wie hingetupfte Schneeflecken schmelzen, deutet nichts darauf hin, was sich im Hausinnern gleich abspielen wird.

«Halt Polizei, Taser, Taser!» Die Sondereinheit «Argus» probt den Ernstfall.

«Halt Polizei, Taser, Taser!» Die Sondereinheit «Argus» probt den Ernstfall.

Der Auftrag: Festnahme eines alkoholisierten, mit einem Messer bewaffneten Mannes – egal wie, aber immer verhältnismässig, sagt der Einsatzleiter. Die Ausgangslage: Der Mann bedrohte und würgte seine Ehefrau. Diese konnte sich befreien, aus dem Fenster flüchten und die Polizei rufen. Doch als die Patrouille den Täter festnehmen wollte, ging dieser mit einem Messer auf die Polizisten los.

«Häusliche Gewalt – ein typisches Szenario», sagt Michael Leupold, Aargauer Polizeikommandant. Ernstfälle gäbe es im Durchschnitt etwa monatlich. Genaue Zahlen möchte er jedoch nicht nennen. Die Mitglieder benutzen Decknamen. Die Truppe operiert für gewöhnlich im Stillen, an die Öffentlichkeit drängen sie nicht.

Rund 30 ausgewählte und physisch und psychisch ausgebildete Polizisten gehören dazu. Auf der Website der Kantonspolizei steht: «Wenn es nichts mehr zu diskutieren gibt, kommt die Sondereinheit ‹Argus› zum Einsatz.»

Ein Riese, der alles sieht

Argus, der Name stammt von einer Figur der griechischen Mythologie, ein Riese mit hundert Augen, verteilt über den gesamten Leib. Ein stets wachsames Wesen, das alles sieht, zu jeder Zeit. Dies soll auch für die Sondereinheit gelten. «Sie ist immer bereit, bei Tag und Nacht», sagt Leupold.

Das Handy sei immer auf Empfang. Obwohl die Mitglieder ansonsten in den regulären Polizeikorps arbeiten – innerhalb von dreissig Minuten sei jeweils ein erstes Einsatzteam vor Ort. Mitten in der Nacht bereit zu sein, beispielsweise mehrere bewaffnete Drogendealer festzunehmen, das verlangt einiges ab. Und so schulen die Mitglieder ihre Fähigkeiten neben den monatlichen Trainingseinheiten einmal jährlich in einer Spezialwoche – vergangene Woche in der Bündner Kaserne St. Luzisteig.

Für die letzte Übung, Festnahmen in Gebäuden, organisierten die Liechtensteiner Behörden das leere, abbruchreife Gasthaus. Im oberen Stockwerk stellen sich nun die Vorgesetzten hinter ein Absperrband. Sie werden beobachten und später beurteilen. Rechts der Hausflur, links ein verschlossenes und ein leicht geöffnetes Zimmer, gegenüber ein Bad. An den Wänden erscheinen zwei Laserpunkte.

Gespenstische Stille. Dann eine flüsternde Funkstimme, leise knistern schwere Schuhe. Die Laserpunkte bewegen sich schneller, und plötzlich zeichnet sich rechts ein Schatten ab. Dann stehen sie da: Der Vorderste verdeckt von einem Schutzschild, darüber eine 9mm mit aufgeschraubtem Laserzielmodul, dicht dahinter hält einer seine MP5 über den Schutzschild.

Kleiner Roboter geht voraus

Lässt man seine Gedanken schweifen, wähnt man sich mitten in einen Actionfilm. Doch es gibt Unterschiede: Die Aargauer Polizisten stürmen nicht unbedacht das verschlossene Zimmer, sie brechen nicht an Seilen durch Fenster und sie haben erst recht nicht vor, einen Kugelhagel zu entfachen. Stattdessen schicken sie einen kleinen Roboter voraus, der die Räume erkundet. Geduldig, aber doch schussbereit, warten die Polizisten aufgereiht hinter dem Schutzschild.

Das Ziel sei immer, eine Festnahme möglichst ohne Schusswaffengebrauch, sagt Leupold. Und dies gelinge oft. Werde jedoch eine normale Polizeipatrouille mit einem Messer angegriffen, wäre die Pistole das verhältnismässige Verteidigungsmittel. Weil aber die Sondereinheit speziell geschult und ausgerüstet sei und taktisch auf hohem Niveau vorginge, könnten sie einen Täter oft festnehmen, ohne zu schiessen. Meist reiche allein die Androhung.

Und so rammen die gepanzerten Polizisten nicht einfach die Türe ein, hinter der sie den Täter vermuten. Nachdem sie alle Räume gesichert haben, bewegen sie sich leise vor das Zimmer. Mit einer Hydraulikpresse öffnen sie die Tür – und richten sofort die Pistole auf den Mann. «Messer weg, Messer weg!», ruft einer. Und wieder: «Halt, Polizei, Messer weg!» Doch der Mann widersetzt sich. «Messer weg oder wir setzen den Taser ein!»

Zu sechst stehen die Polizisten vor der Tür und reden auf den Mann ein. Bei einem Ernstfall würden zusätzlich Sicherungsschützen um das Gebäude stehen, falls ein Täter aus dem Haus flüchten könnte. Um ein «Argus»-Mitglied zu werden, absolvieren Anwärter eine Aufnahmeprüfung. Getestet werden nicht nur die physische, sondern auch die mentale Stärke. Nach einer dreiwöchigen Grundausbildung werden sie integriert ins Team, auf Probe für ein Jahr.

Der Zugriff erfolgt schnell: das Surren des Tasers, ein dumpfer Schlag. Zwei Polizisten in Kettenhemden stürzen auf den am Boden liegenden Mann. Handschellen klicken, die Übung ist erfolgreich gemeistert.

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