Konzernverantwortung

Halsbonbons aus Lengnau würden teurer: Deswegen sagen diese Aargauer Unternehmer Nein zur Vorlage

Yannick Berner, Peter Gehler, Silvia Huber, Hans-Peter Zehnder und Beat Bechtold setzen sich für ein Nein zur Konzern- verantwortungs-Initiative ein.

Yannick Berner, Peter Gehler, Silvia Huber, Hans-Peter Zehnder und Beat Bechtold setzen sich für ein Nein zur Konzern- verantwortungs-Initiative ein.

Vier namhafte Aargauer Unternehmer sagen, was die Annahm der Konzernverantwortungs-Initiative für sie bedeuten würde – und kämpfen für ein Nein bei der Abstimmung vom 29. November.

«Als ich begann, mich mit dieser Initiative auseinanderzusetzen, dachte ich erst: Das betrifft uns gar nicht. Rasch habe ich aber gemerkt, dass fast jedes Unternehmen betroffen wäre», sagt Silvia Huber, CEO der Domaco AG in Lengnau. Huber berichtete mit Yannick Berner (Urma AG, Rupperswil), Peter Gehler (Siegfried AG, Zofingen) und Hans-Peter Zehnder (Zehnder Group, Gränichen) bei einer Medienkonferenz der Aargauischen Industrie- und Handelskammer von den negativen Folgen, die ein Ja zur Konzernverantwortungs-Initiative für ihre Firmen hätte.

Das heftig diskutierte Volksbegehren kommt am 29. November zur Abstimmung und verlangt, dass Schweizer Unternehmen für Tochterfirmen und wirtschaftlich abhängige Lieferanten haften, wenn diese im Ausland gegen Menschenrechte verstossen oder Umweltauflagen verletzen.

Die Domaco AG und produziert Nahrungsergänzungsmittel und Pharmaprodukte. Silvia Huber sagt, sie fühle sich als Unternehmerin infrage gestellt und angegriffen: «Weil vielleicht 0,1 Prozent der Schweizer Firmen sich falsch verhalten, stehen mit der Initiative nun alle Unternehmen unter Generalverdacht, sie würden Verstösse gegen Menschenrechte und Umweltauflagen dulden.»

In der Schweiz übernehme jeder für sein eigenes Handeln die Verantwortung und hafte dafür. «Wir halten uns schon heute an strenge Vorschriften und sind in der Schweiz auf einem sehr guten Level», sagt Huber. Sie führt die Domaco AG seit 1993, rund 80 Prozent der Produktion gehen in den Export. «Wir haben diverse Zertifikate, bei allen Audits müssen wir Fragen zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards beantworten», sagt sie.

Akaziengummi aus Sudan für Bonbons aus Lengnau

Domaco verarbeitet im Jahr 500 Tonnen Akaziengummi – die beste Qualität kommt aus dem Sudan. Der Gummi wird aus Akazienbäumen gewonnen, die geritzt werden. Der Saft läuft aus und wird zu Knollen, der später in Spezialfirmen in Frankreich gereinigt und aufbereitet wird. Dabei werden Rückstände von Pestiziden oder Verunreinigungen entfernt, der gereinigte Gummi wird schliesslich der Domaco geliefert. Daraus stellt die Firma in Lengnau dann Halsbonbons und Weichpastillen her. «Wenn die Initiative angenommen wird, müsste die Firma, die uns den Akaziengummi liefert, weitere Abklä- rungen treffen und Dokumentationen erstellen», sagte Huber. Sie könne nicht in den Sudan reisen und kontrollieren, wie es den Farmern dort gehe. Das würde der französische Zulieferer wohl tun, die Kosten dafür aber der Domaco verrechnen. «Und wir könnten den Akaziengummi nicht mehr bei verschiedenen Lieferanten beziehen und so bessere Preise erzielen, sondern wären auf die eine Firme angewiesen», hält sie fest. Dies würde zu massiven Preissteigerungen führen, befürchtet sie.

Haftung für das lecke Ventil eines Lieferanten in China?

Hans-Peter Zehnder, Verwaltungsratspräsident der Zehnder Group aus Gränichen, warnte mit einem anderen Fallbeispiel vor möglichen Folgen der Initiative. Zehnders Firma, die Heizungs- und Lüftungstechnik herstellt, hat eine Tochterfirma in China. Diese kaufe Stahlrohre bei einem zertifizierten Lieferanten, führte Zehnder aus. Für die Herstellung der Stahlrohre würden Bleche benötigt. Diese werden vor der Verarbeitung entfettet, dafür braucht es eine Lauge. Das Schmutzwasser von der Entfettung wird laut Zehnder in einem Tank gelagert und fachmännisch entsorgt.

Wenn nun ein Tankventil defekt sei, verschmutztes Wasser austrete und das Erdreich verunreinige, hafte bei einem Ja zur Initiative seine Firma in der Schweiz für Fehler eines Unterlieferanten in China, sagte Zehnder. GLP- Nationalrat Beat Flach, Befürworter der Initiative, bestreitet dies (siehe Artikel unten). Doch für Hans-Peter Zehnder ist klar: «Die Initiative führt dazu, dass wir künftig Verantwortung für fremdes Handeln übernehmen müssen, und dagegen wehre ich mich entschieden.» Zehnder hat in China 500 Lieferanten, 100 davon sind strategisch wichtig. «50 Lieferanten werden jährlich von uns auditiert, eine lückenlose Überwachung aller Lieferanten wäre unrealistisch», hielt der Firmenpräsident fest.

Siegfried: «Nicht das Urteil, die Klage wäre ein Problem»

Peter Gehler, Leiter Pharmapark der Siegfried AG in Zofingen, hält fest: «Die Lieferkette kann nicht umfassend kontrolliert werden, eine Haftung können wir nicht übernehmen.» Siegfried habe seit Jahren die beste Bewertung durch die amerikanische Heilmittelbehörde FDA und vier Mitarbeiter seien einzig dafür im Einsatz, Lieferanten zu qualifizieren und zu kontrollieren, betonte Gehler. Er befürchtet bei einem Ja zur Initiative eine Welle unberechtigter Klagen gegen international tätige Schweizer Unternehmen.

«Für uns wäre nicht das Urteil das Problem, denn wir sind sicher, dass wir alles tun, um die Vorgaben zu Menschenrechten und Umweltschutz einzuhalten», hielt Gehler fest. Das Problem wäre vielmehr die Klage an sich, die für das Unternehmen einen massiven Reputationsschaden bringen würde. Zudem würde eine Annahme der Initiative bedeuten, dass die Kosten für die Beschaffung von Rohstoffen steigen würden. Siegfried müsste sich überlegen, wo sie noch selber einkaufen wolle, und wo sie auf Zwischenhändler aus der EU ausweichen müsse. «Damit käme der ohnehin schon teure und zunehmend unflexible Standort Schweiz zusätzlich unter Druck», warnt Gehler.

Überwachung heikler Branchen als Lösung?

Yannick Berner, Digital- und Marketingchef bei der Urma AG aus Rupperswil, die im Werkzeug- und Maschinenbau tätig ist, weist ebenfalls auf die internationale Konkurrenz hin. Und er hält fest, die Initiative schiesse weit über das Ziel hinaus, sie schade auch den KMU im Aargau und dem Werkplatz. Bei einem Nein zur Initiative, das er sich wünscht, trete ein Gegenvorschlag in Kraft, der Firmen verpflichte, detailliert Rechenschaft über ihre Bemühungen abzulegen. Zudem würden scharfe Überwachungspflichten bei den Themen Kinderarbeit und Konfliktmineralien – also beispielsweise Diamanten aus Krisengebieten – eingeführt. Den Gegenvorschlag unterstützt auch die AIHK, wie Direktor Beat Bechtold erklärte.

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