Pendler am Bahnhof Aarau

Hallo, wie ist das Pendeln mit den SBB in Coronavirus-Zeiten? Vier Aargauer erzählen ihre Geschichten

Wer reist, hat etwas zu erzählen. Das gilt ganz besonders in aussergewöhnlichen Zeiten. Auf dem Bahnhof Aarau haben wir vier Pendler getroffen, die von ihrem Arbeitsplatz kamen oder unterwegs zu ihrem Job waren.

«Ich sitze länger am Bahnhof»: Hannah Kirchner aus Neuenhof hat einen langen Arbeitsweg

Hannah Kirchner (25), Ingenieurin, aus Neuenhof.

Hannah Kirchner (25), Ingenieurin, aus Neuenhof.

«Wegen der aktuellen Fahrplanumstellung sitze ich jeden Morgen und jeden Abend lange am Bahnhof und warte auf meinen Anschluss. Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen und arbeite nun in Hirschthal als Prüf-Ingenieurin bei einem Unternehmen für Hochspannungstechnik. Wir produzieren für Umspannwerke, die Bahn und weitere Kunden.

Studiert habe ich in der deutschen Stadt Dresden. Weil es in meinem Beruf nur wenig Stellen gibt, war für uns alle im Studiengang von Anfang an klar, dass wir für den Einstieg ins Arbeitsleben umziehen werden. So war für mich der Entscheid, in die Schweiz zu ziehen, auch schnell gefasst – auf hundert Kilometer mehr oder weniger kommt es schliesslich auch nicht mehr an. Wohnen tu ich in Neuenhof. Dort gefällt es mir ganz gut, den Arbeitsweg nehme ich deshalb gerne in Kauf.

Bei uns in Neuenhof merkt man wenig von der aktuellen Situation, es geht entspannter zu und her als in der Grossstadt. Für mich hat sich so weit eigentlich gar nichts geändert in dieser Zeit – bis auf die lange Wartezeit auf den Anschluss natürlich. Normalerweise muss ich nur fünfzehn Minuten warten. Aber die lange Umsteigezeit macht mir soweit gar nicht viel aus.

Die Zeit vertreibe ich mir mit Musikhören und gelegentlichem Auf- und Abgehen auf dem Perron. Ich habe relativ früh Feierabend, weil ich gerne früh auf der Arbeit bin. Dennoch bleibt aktuell nicht mehr viel Zeit für anderes, wenn ich einmal zuhause bin. Ein Auto habe ich nicht, das kommt für mich auch nicht in Frage. Ich bin glücklich so.»

«Die Leere ist beeindruckend»: Giuseppe Boscarelli aus Suhr arbeitet auf einem RAV

Giuseppe Boscarelli (49), RAV-Mitarbeiter, aus Suhr.

Giuseppe Boscarelli (49), RAV-Mitarbeiter, aus Suhr.

«Ich arbeite in Zürich im Backoffice eines Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums und bin jetzt vormittags auf dem Weg zur Arbeit. Der Zeitpunkt ist der speziellen Situation geschuldet, normalerweise fahre ich morgens nach Zürich. Von dort komme ich auch. Heute lebe ich dank meiner Frau in Suhr – von der Gemeinde wusste ich vorher nicht einmal, dass es sie gibt.

Die Leere in Suhr und Zürich ist beeindruckend. Vor allem die Busse, die normalerweise bis auf den letzten Platz voll sind, sind jetzt leer, manchmal sitze ich sogar ganz allein drin. Meiner Familie und mir geht es gut. Auf der Arbeit haben wir zurzeit gemäss den Verordnungen keine persönlichen Termine mit Kunden. Und auch im Backoffice sind wir so organisiert, dass ich niemanden treffen werde. Wir haben viel zu tun, nach einer kurzen Baisse hat die Zahl der Anfragen auf dem RAV bei uns gerade wieder etwas zugelegt.

In meinem Umfeld hat sich gerade eine Bekannte angesteckt, die im Pflegebereich arbeitet. Infiziert hat sie sich bei ihrem Nachbarn, der asymptomatisch war. Und eine andere Bekannte hat sich auf einer Geburtstagsparty angesteckt. Das Besuchen von Partys finde ich in diesen Zeiten dann schon ein wenig egoistisch.

Doch man kann es auch übertreiben. Gerade in Italien sieht man in den Medien nur noch Politiker, die sich gegenseitig mit Schuldzuweisungen für die aktuelle Krise überhäufen. Diskutieren ist natürlich eine gute Sache, das ist auch jetzt wichtig, aber doch nicht so.

Hierzulande ist gut, dass das Wetter schön ist. So können auch die Leute, die in kleinen Wohnungen leben oder keinen Garten haben, etwas nach draussen an die frische Luft. Bei Regen würde in einer engen Stadtwohnung bestimmt schnell der Koller aufkommen!»

«Stellen sind aktuell besonders rar»: Geowissenschafter Lukas Maschek aus Basel beschäftigt sich mit Schloss Wildegg

Lukas Maschek (32), Geowissenschafter, aus Basel.

Lukas Maschek (32), Geowissenschafter, aus Basel.


«Ich mache nach meinem Studium in Geowissenschaften gerade ein sechsmonatiges Praktikum bei Pro Specie Rara. Dort bin ich nun im vierten Monat und es gefällt mir sehr gut. Hoffentlich gelingt es mir, mit dem Praktikum einen Fuss in das Arbeitsleben zu bekommen.

Ansonsten werde ich nach dem Praktikum wohl arbeitslos sein, denn die Stellen sind in der aktuellen Situation besonders rar. Etwas zu finden wäre also schwierig. Dabei bin ich glücklich, wenn mein Beruf etwas mit Pflanzen, Umwelt und Nachhaltigkeit zu tun hat.

Hier in Aarau war ich, weil Pro Specie Rara bis 2012 seinen Hauptsitz hier hatte. Damals ist die Stiftung aus Platzgründen nach Basel umgezogen, doch das eine oder andere erledigen wir nach wie vor hier. Ich bin in ein Projekt mit dem Schloss Wildegg involviert. Wir pflegen seit vielen Jahren eine gute und intensive Zusammenarbeit. Dass ich in diesem Job auch im Garten arbeiten kann, ist sehr schön.

Das ist auch zu diesen Zeiten kein Problem, schliesslich lässt sich der nötige Abstand im Garten problemlos einhalten. Dass ich den Weg über die Geowissenschaften gewählt habe, war für mich naheliegend. Denn wenn man sich für Pflanzen interessiert, setzt man sich auch mit dem Boden auseinander. Und wer sich mit dem Boden beschäftigt, landet schnell in der Chemie. Alles Bereiche, die mein Studium abdeckt. Daher kommt das!»

«Im Hallenbad wird es nicht langweilig»: Oliver Blattmann aus Liestal hält in Aarau die Sportanlage Telli in Schuss

Oliver Blattmann (bald 60),  Hauswart, aus Liestal.

Oliver Blattmann (bald 60), Hauswart, aus Liestal.

«Ich bin in den Sportanlagen im Aarauer Telli mit einem Kollegen für das Schwimmbad zuständig. Obwohl es zurzeit geschlossen ist, habe ich nach wie vor ganz normale Arbeitszeiten. Denn im Schwimmbad gibt es eigentlich immer etwas zu tun. Und den Rasen draussen muss man ja auch weiterhin mähen. Wir haben also genug zu tun, langweilig wird es uns bestimmt nicht. Ich bin gerade auf dem Heimweg nach Liestal.

Auf die Stelle in Aarau bin ich vor sechs Jahren über ein Inserat gestossen. Da habe ich mich gemeldet und sie haben sich auf mich eingelassen – oder ich mich auf sie. Bald beginnt im Mai wieder der Schulunterricht und wir wissen noch nicht, ob Kanti und Primarschulen dann auch wieder zu uns kommen werden oder nicht.

Doch selbst wenn das Schwimmbad bald wieder für alle geöffnet werden sollte: Einen grossen Ansturm befürchten wir nicht – schliesslich sind wir ein Hallenbad. Keine Probleme machen auch die Sportler, die tagsüber die Aussenanlagen benützen. Die halten ja alle zwei Meter Abstand.»

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