Wohlen

Halbleerer Saal und ungeplantes Spektakel: Die letzte Wahlfeier von Autor Jörg Meier

Als der Lokalredaktor das Casino in Wohlen betrat, stellte er rasch fest, dass da zwar ordentlich viel Aargauer SVP-Prominenz präsent war; aber nur wenige Wohlerinnen und Wohler. Die werden schon noch kommen, dachte er sich, wer am nächsten wohnt, kommt ja meistens zuletzt. Immerhin gab es endlich wieder etwas Zünftiges zu feiern: Wohlen hat erstmals seit 1909 wieder einen eigenen Regierungsrat. Doch die Wohler schien das ziemlich kaltzulassen; abgesehen von überglücklichen Wohler SVP-lern und offiziellen Delegierten der Gemeinde blieben die Wohler an diesem Abend zu Hause. Der neue Regierungsrat Jean-Pierre Gallati liess sich nichts anmerken, feierte scheinbar unbeeindruckt mit jenen, die da waren.

Anderntags hiess es in Wohlen, die Wohler wären schon ins Casino zur Feier gekommen, aber man habe ja gar nichts von der Feier gewusst. Und gerüchteweise hörte man auch, gewisse Leute auf der Gemeinde hätte schon dafür gesorgt, dass die Einladung nicht so richtig unter die Leute gekommen sei. So ist das halt in Wohlen, aber anderswo wohl auch.

Ein ungeplantes Theaterspektakel

Der Lokalredaktor sah sich im halb vollen Saal um, wo sich die Gäste um Stehtische gruppiert hatten und das Ensemble «Carambole» Jazz spielte, der im allgemeinen Gemurmel unterging. Er sah den ehemaligen Nationalrat der inzwischen abgegangen Autopartei, der ihm seinerzeit Hausverbot für sämtliche Anlässe der Auto-Partei erteilt hatte. Er sah auch einen anderen alt Nationalrat, den er noch von früheren Wahlfeiern her kennt, er hatte nicht gewusst, dass der Mann noch lebt. Er hörte euphorisierte SVP-ler einander zuprosten. Er hörte dem in Wohlen wohnenden alt Regierungsrat zu, der versuchte, humorvoll eine Brücke zwischen Wohlen und Gallati zu bauen, was ihm dann später von den Gallati-Gegnern, die gar nicht an der Feier zugegen waren, sehr übel genommen wurde. Der Gemeindeammann, der politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat wie Gallati, suchte versöhnliche Töne.

Der Lokalredaktor war fasziniert von den vielen Zwischentönen, welche die Wahlfeier zum ungeplanten, aber unvermeidlichen Theaterereignis wachsen liess.

Die vermeintlich lapidaren Geschichten

Gespielte und echte Gratulationen wechselten sich ab. Einen dramatischen Höhepunkt setzte dann der SVP-Bezirksparteipräsident. Er schenkte Gallati ein Feuerwehrmesser, damit sich dieser besser durch das Aargauer Verwaltungsdickicht kämpfen könne.

Ein wunderbarer Einfall des unbekannten Regisseurs war es, dass Gallati bei seinem Auftritt auf die Casino-Bühne von zwei Trachtenfrauen eskortiert wurde. Darauf muss man erst einmal kommen.

Der Lokalredaktor sog das Ereignis mit allen Sinnen auf. Er freute sich, dass er bei dieser Inszenierung dabei sein konnte. Freiwillig wäre er nicht hingegangen – und hätte so viel verpasst. Er sah sich in seiner über viele Jahre gewachsenen Erkenntnis bestätigt: Es sind die vermeintlich lapidaren Geschichten aus der Provinz, die uns immer wieder die Tiefen des Lebens eröffnen: das Wunderbare, das Tragische, das Lächerliche.

Er betrachtet das Treiben im Casino. Und stellt fest: Einen treffenderen Abschluss seiner Tätigkeit als Berichterstatter des lokalen Lebens hätte es für ihn nicht geben können.

Der Lokalredaktor steht mittendrin. Schaut, hört, notiert. Und geht.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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