Tierquälerei
Halb verhungert: Aargauer Veterinärdienst rettet Wallach Latino aus dem Elend

Eine Pferdebesitzerin behandelte ihren Wallach derart schlecht, dass sich der Aargauische Veterinärdienst dem Fall annahm. Trotz finanzieller und gesundheitlicher Probleme wehrte sich die Halterin vehement dagegen, das Tier aufzugeben.

Sandra Meier
Drucken
Teilen
Latino Tierquälerei Pferd
5 Bilder
Er ist stark abgemagert.
So gesund sieht Latino im Januar 2017 aus
Dank einer neuen Besitzerin und medizinischer Hilfe konnte er wieder aufgepäppelt werden.
Er kann sogar wieder leicht geritten werden.

Latino Tierquälerei Pferd

Aargauischer Tierschutzverein

Der 21-jährige Holsteiner Wallach Latino ist ein stattliches Pferd mit samtbraunen Fell und einer gepflegten Mähne. Wenig lässt darauf schliessen, dass er ein knappes Jahr zuvor noch völlig abgemagert in seinem eigenen Mist hauste.

Schuld daran war seine ehemalige Besitzerin, die sich nicht mehr um das Tier kümmerte. Auch die regelmässigen Zahlungen hatte sie eingestellt. Die Stallbesitzer, bei denen Latino damals untergebracht war, informierten den Aargauischen Tierschutzverein erstmals im Januar 2016 über diesen Missstand. Bei einer Kontrolle vor Ort stellten Mitarbeiter des Vereins gesundheitliche Mängel beim Wallach fest.

«Der Gesamteindruck war ziemlich schlecht» schreibt der Tierschutzverein in einem Newsletter. Sie fanden das Tier im hintersten Stallteil vor, wo er alleine ohne Sichtkontakt zu den anderen Pferden stand. Latino sei abgemagert gewesen, die hinteren Fesselgelenke stark geschwollen. Auch seine Hufe mussten dringend gemacht werden – der Verdacht auf einen Hufabszess bestand – und er lahmte auf einem Bein. Zwar hatten die Stallbesitzer das Tier mit Heu versorgt, für die nötigen Halte- und Pflegekosten fehlte jedoch das Geld.

Besitzerin erteilte Besuchsverbot

Mit einem Amtstierarzt des Aargauer Veterinärdienstes besuchte der Tierschutzverein den Hof zwei Tage später erneut. Der Arzt behandelte den Hufabszess und ordnete Auflagen zur Haltung des Tieres an.

Ob diese eingehalten wurden, konnte der Tierschutzverein jedoch nicht kontrollieren – die Besitzerin hatte ein Besuchsverbot erteilt. Doch damit nicht genug: Ende Mai berichteten die Stallbesitzer, dass die Besitzerin mit Latino vom Hof verschwunden sei. Sie habe das Pferd bei dessen ehemaligen Züchterfamilie in einem leeren Pferdestall untergebracht.

Die Besitzerin hatte finanzielle Probleme, die auch in gesundheitlichen Beschwerden mündeten. Doch selbst als sich der Sozialdienst einschaltete, wollte sie ihren Wallach nicht aufgeben. Derweil hatte sich der Zustand des Pferdes merklich verschlechtert. «Latino war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Gerippe mit Fell überzogen, die Augen leer», berichtet der Tierschutzverein.

Beschlagnahmung des Pferdes

Im Juli veranlasste der Amtstierarzt schliesslich mit Unterstützung der Polizei die Beschlagnahmung des Wallachs. «2016 war Latino das einzige Pferd, das wir beschlagnahmen mussten», teilt Erika Wunderlin, Aargauer Kantonstierärztin, auf Anfrage mit. In der Regel rücke der Veterinärdienst etwa 300 Mal pro Jahr aus. Davon seien im vergangenen Jahr 56 Tiere beschlagnahmt worden. In 43 Fällen verzichtete der Eigentümer freiwillig.

«Ein Tier wird beschlagnahmt, wenn ein Missstand vorherrscht oder die tierschutzkonforme Haltung missachtet wird», erklärt Wunderlin. Danach komme das Tier in eine andere Obhut. «Wenn der Besitzer Beschwerde gegen die Beschlagnahmung einreicht und diese durch die rechtlichen Instanzen weiterzieht, kann das jahrelang dauern.» Im Falle von Latino habe die Besitzerin jedoch auf eine Beschwerde verzichtet.

Heute lebt der Wallach auf einem anderen Hof im Aargau. Mithilfe seiner neuen Besitzerin, dem Tierarzt, dem Hufpfleger, einer Homoöpathin sowie Massagen wurde er wieder aufgepäppelt. Mittlerweile könne er sogar wieder leicht geritten werden, schreibt der Tierschutzverein. Die Kosten für die medizinische Versorgung hat laut Wunderlin die Besitzerin zu berappen.

Aktuelle Nachrichten