Frauenhaus Aargau-Solothurn

Häusliche Gewalt: In diese Geheimwohnung retten sich Ehefrauen mit ihren Kindern

Jedes Jahr suchen rund 100 Frauen und ihre Kinder an einem streng geheim gehaltenen Ort im Aargau Schutz vor häuslicher Gewalt. Ein Besuch hinter einer sonst verschlossener Tür.

Wer nicht eingeweiht ist, darf diese Tür nicht finden. Auf dem Schild neben der Klingel steht zwar ein Name, doch der ist fiktiv. In diesem ruhigen Quartier, irgendwo im Kanton Aargau, verbergen sich Frauen, die Schutz suchen. Frauen, die Angst haben, deren Leben bedroht wurde, mit üblen Schlägen oder Worten, von einem – meistens ihrem – Mann. Deshalb steht in diesem Text kein echter Name, zeigt sich keine Frau auf einem Foto erkennbar. Anonym bleiben müssen auch die Mitarbeiterinnen. Es sind Sicherheitsvorkehrungen: Ein aufgebrachter (Ex-)Mann versucht oft alles, um seine Frau zu finden.

Mara (alle Namen geändert) sitzt mit ihren zwei Söhnen, Cornflakes und Milch im Esszimmer. Der Raum ist gross und lichtdurchflutet, an der Wand ist ein Klarsichtmäppchen befestigt, auf dem Zettel darin stehen Aufgaben: Frühstück 8 bis 8.45, ab 7.00 Brot wärmen, Tisch decken. Danach Aufräumen, Abwasch, Boden aufnehmen. Es ist eines von einem Dutzend Ämtli, die jeden Morgen neu verteilt werden. Erstens, weil Hausarbeit hilft: den einen zum Ablenken, den anderen beim Sammeln und Ordnen der Gedanken, für die man in ständiger Angst nie Zeit hatte. Und zweitens, weil die Frauen hier in einer grossen WG zusammenwohnen: Man hält gemeinsam das Haus sauber, isst gemeinsam, macht «bewegungsorientierte Aktivitäten». Und drittens, um im leeren Raum ausserhalb des alten Lebens einen Halt zu geben. Dazwischen bleibt viel Zeit zum Reden, untereinander, mit den Betreuerinnen und Beraterinnen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Eine Hauswirtschafterin hilft in der Küche, «leitet an». Die meisten Klientinnen kennen Tiefkühlpizza und Pasta. Auf vielen lastete zu Hause ein immenser Druck: es nicht recht zu machen, zu spät zu sein, zu wenig Abwechslung auf den Teller zu bringen. Hier haben die Frauen Zeit, gesund kochen zu lernen. Und vor allem: Zu lernen, dass man Fehler machen darf, ohne dafür bestraft zu werden.

Langsam, langsam

Im Garten liegt in einem Plastikbassin ein einsamer Playmobilpirat mit seinem Schiff auf Grund. Mara macht sich eine Tasse Kaffee und setzt sich in einen Plastikstuhl. Sie sagt: «Ich bin nicht nervös, aber ich habe so viele Fragen in meinem Kopf und keine Antworten. Meine Beraterin hier sagt: Langsam, langsam. Aber ich will Antworten!» Es sind die kleinen Fragen, die hier ganz gross werden: Wie geht es dir? Wie lange bleibst du?

Sucht man im Internet das Frauenhaus Aargau-Solothurn, findet man dort eine 24-Stunden-Hotline, 062 823 86 00: «Eine Aufnahme ist nach vorgängiger telefonischer Beratung rund um die Uhr möglich.» Der Eingang ist videoüberwacht und von innen und aussen verriegelt. Wer Schutz will, muss seine Freiheit vorübergehend einschränken. Denn im Belegungsplan stehen auch Sätze wie: «Nicht raus! Mann ist auf freiem Fuss» – oder: «Solange Mann in U-Haft ist, darf sie rausgehen». Zerrüttete Beziehungen, komprimiert auf eine Excel-Zelle.

Jetzt liegt auf dem Tisch neben Mara ein «Nokia». Ihre Smartphones, Tablets und Computer müssen die Frauen vor dem Einzug abgeben. Dafür erhalten sie ein simples Telefon ohne Internetzugang, und, als Soforthilfe, 30 Franken für eine neue SIM-Karte. Alles, worüber man geortet werden könnte, ist verboten. Viele Männer erstellen ihren Frauen Benutzerkonti auf Facebook, Twitter oder Google, setzen das Passwort und halten so die Kontrolle über das digitale Leben. Mara sagt, sie dürfe momentan nicht nach draussen. Für sie sei es das erste Mal, dass sie in Sicherheit sei.

Die zwölf Zimmer sind einfach eingerichtet. Betten für die Frau und, wenn sie hat, ihre Kinder. Ein Nachttisch mit Leselampe. Kleiderschrank, Spiegel, Wäschezaine. Im Haus gibt es ein Kleiderlager. Mit Ersatz für alles, was bei der Flucht zu Hause liegen blieb. Im Beschrieb steht: «Während ihrer Zeit im Frauenhaus bekommen die Frauen Zeit, sich physisch, psychisch und emotional zu erholen. Im Rahmen der Beratung werden die individuellen Situationen angeschaut, Ressourcen gestärkt und Möglichkeiten abgewogen. Die Frauen entdecken so neue Perspektiven und werden wieder entscheidungsfähig.» Züsi Born, Geschäftsführerin der Frauenhaus-Stiftung, sagt es so: «Wir sind ein Ort, an dem Frauen und ihre Kinder ihre Kraft entdecken oder wiederentdecken.» Man könnte auch sagen: Viele haben ihr Gesicht verloren – hier finden sie es wieder. Dafür dürfen sie sich hier die Zeit nehmen, die sie brauchen. Im Schnitt bleibt eine Klientin etwas weniger als einen Monat. An diesem Junitag sind zehn von zwölf Zimmern bewohnt. Zehn Frauen und elf Kinder haben Unterschlupf gefunden. Es sind albanische, türkische, tschechische Namen. Oder in einer Zahl ausgedrückt: Heute haben 80 Prozent der Klientinnen nicht Schweizerdeutsch als Muttersprache.

«Für viele Kinder ist der Umzug hierher ein totaler Schock», sagt Kinderbetreuerin Martina. Sie müsse zuerst erklären, warum sie überhaupt hier seien. Wichtig sei, dabei den Vater nicht zu entwerten: «Die Kinder haben häufig Papi und Mami gern.» Beim Spielen versucht sie, herauszufinden, wie fest ein Kind gelitten hat. Ihr Ziel: Abzuklären, ob es nach dem Aufenthalt eine weitere Begleitung braucht. Bei älteren Kindern nimmt sie Kontakt mit der Schule auf. Lehrer schicken Lehrmaterial und Hausaufgaben. Für die Mütter ist das schön. Martina: «Viele Mamis haben hier zum ersten Mal in ihrem Leben genug Zeit und Kraft, um mit ihren Kindern zu spielen oder zu lernen.»

In Ruhe gelassen werden

Gestern kam nur ein Anruf auf der Hotline. Die Frau hat sich lediglich erkundigt, sie würde sich bei konkretem Anlass wieder melden. Viele melden sich nie mehr, manche in einer Woche und manche erst in einem Jahr wieder. Vorher war es ein Anruf der Regionalpolizei. Danijela wohnt jetzt in Zimmer 8. «Kann praktisch kein Deutsch», informiert die Nachtverantwortliche. In einer Tagessitzung geht das Team die Termine der Bewohnerinnen durch: Wer wo ein Vorstellungsgespräch hat, wer die Zusage für eine Wohnung erhalten hat. Ein Kind muss zum Kindergarten gebracht werden, die Kantonspolizei wartet noch auf einen Rückruf, um einen Termin für eine Einvernahme zu vereinbaren.

Häusliche Gewalt ist eine Straftat – so steht es im Opferhilfegesetz. Aber nicht jede Frau will ihren Peiniger anzeigen. Beraterin Valdite sagt: «Viele Frauen wollen einfach in Ruhe gelassen werden. Sie wollen nicht, dass ihr Mann ins Gefängnis muss.» Die Beraterin hilft dabei, das Leben zu ordnen, eine neue, eigene Existenz aufzubauen. Denn wer hierher kommt, hat Gewalt dort erlebt, wo sie am meisten wehtut, weil sie am tiefsten ins Herz eindringt – im eigenen Zuhause. Dorthin zurückzugehen, kommt für viele nicht infrage.

Es beginnt vielleicht mit einer Ohrfeige. Geht weiter mit einer zweiten, ein paar Wochen später. Wird heftiger, häufiger. Die Frau verliert Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, kann sich nicht mehr wehren. Und schöpft doch immer wieder neue Hoffnung, weil der Mann sich nach dem Ausraster entschuldigt, reuig zeigt, um eine letzte Chance bittet. Dann kehrt der Alltag zurück, mit ihm die Anspannung und noch mehr Gewalt. Eine Spirale des Leidens.
Davon erzählen wollen und können die Frauen, die hier wohnen, nicht. Die Narben sind zu frisch. Äusserlich sind keine Verletzungen sichtbar, zum Vorschein kommen sie trotzdem: während zwei Betreuerinnen in fünf Sprachen die Informationen des Tages durchgeben, kommen einer Bewohnerin plötzlich die Tränen. Dafür braucht es keine Erklärung, sondern eine Umarmung.

«Hier ist gut alles»

Für den Nachmittag hat Züsi Born, die Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus Aargau-Solothurn, deshalb zwei ehemalige Klientinnen eingeladen. Sie sollen anstelle aktueller Bewohnerinnen erzählen. Doch auch sie können dies kaum: Gerade weil die Narben inzwischen verheilt oder mindestens nicht mehr so sichtbar sind. Detailliert in die Erinnerung zurückzugehen, würde viel Schmerz bereiten, zu viel Kraft abverlangen. Die Eritreerin Hana sagt: «Hier ist gut alles. Nicht Angst.» Aber sie macht sofort klar: «Meine Probleme weiss ich und meine Beraterin. Sonst niemand.» Heute hat sie eine eigene Wohnung, keinen Kontakt mehr zu Landsleuten, geht in eine andere Kirche. «Jetzt ich bin in Ruhe.»

Dunya aus Afghanistan flüchtete vor dem Krieg, aber auch vor ihrem schlagenden Mann. Hier wollte sie sich integrieren. Trug ihr Kopftuch nicht mehr. Ihrem mitgereisten Vater passte das gar nicht. Er schlug seine Tochter, drohte ihr, sie umzubringen, lauerte ihr vor dem Deutschkurs auf. Der Vater ist jetzt ausgewiesen, Dunya trägt Haare und Hosen kurz und sagt: «Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr ich dem Frauenhaus dankbar bin.» Die geheim gehaltene Tür hat ihr das Leben gerettet.

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