Nach Busdrama

Gurte können Leben retten – sind in Bussen aber nicht Pflicht

Der verunglückte Aargauer Reisecar in Norwegen.

Der verunglückte Aargauer Reisecar in Norwegen.

Nach dem tragischen Car-Unglück in Norwegen stellt sich die Frage, wie sicher Fahrgäste in Linienbussen sind – die zeitweise mit hohen Geschwindigkeiten fahren.

Beim Carunglück in Norwegen sind diese Woche vier Menschen gestorben, dreizehn weitere Personen wurden verletzt. Warum es am Dienstagmittag zum tragischen Unfall gekommen ist, wird derzeit untersucht. Geklärt wird auch die Frage, ob alle Passagiere vorschriftsgemäss angegurtet waren. Augenzeugen berichteten, dass beim Aufprall Personen aus dem Fahrzeug geschleudert worden sind.

Seit 2006 müssen sich Car-Passagiere auch in der Schweiz anschnallen, wer darauf verzichtet, kann gebüsst werden. Diese Regelung gilt allerdings nicht für Linienbusse – obwohl diese mit Geschwindigkeiten bis zu 80 Stundenkilometern und zuweilen auch auf Autobahnen fahren.

Der Grund: Ein Obligatorium wäre nicht praktikabel, lautet der Grundtenor bei den Busunternehmen. Das Bundesamt für Strassen (Astra) bestätigt diese Einschätzung. Mediensprecher Thomas Rohrbach spricht von einem «Kompromiss». Um Personen effizient zu transportieren, verzichte man auf Gurte. «Das Ein- und Aussteigen würde sonst zu lange dauern.» Dazu kommt: «Stehplätze lassen sich mit Gurten nicht sichern.»

René Bossard, Geschäftsführer von Regionalbus Lenzburg, sagt denn auch: «Eine Gurtpflicht nützt nichts, weil die stehenden Passagiere dadurch nicht geschützt werden. Die Busse haben neben Sitzplätzen auch viele Stehplätze.» Eine Gurtpflicht hätte zur Folge, dass nur noch Sitzplätze angeboten werden könnten, wodurch deutlich weniger Passagiere Platz hätten. «Gäbe es nur noch Sitzplätze, müssten wir die Anzahl Fahrzeuge verdoppeln», sagt Bossard. Bei Postauto Schweiz heisst es: Eine Gurtpflicht würde den öffentlichen Busverkehr wesentlich verteuern, weil die Stehplätze wegfielen.Sobald Busse oder Postautos für Extrafahrten wie Vereinsausflüge oder Hochzeitsfahrten genutzt werden, müssen sich die Passagiere angurten. Auf einer identischen Route können also plötzlich Gurte obligatorisch werden, wo sonst im fahrplanmässigen Linienverkehr ungestraft ohne gefahren werden kann. Weil Busunternehmen regelmässig Extrafahrten anbieten, statten sie insbesondere neue Fahrzeuge mit Sicherheitsgurten aus – aber längst nicht alle. Postautos etwa sind je nach Modell damit ausgerüstet. Sicherheitsgurte sind auch eine Kostenfrage: Ein Sitz mit Gurt ist bis zu 20 Prozent teurer als einer ohne. Regionalbus Lenzburg bestellt nur noch Busse, in denen sich Fahrgäste anschnallen können. «Inzwischen sind beinahe alle Fahrzeuge damit ausgestattet», sagt Regionalbus-Geschäftsführer René Bossard. Dennoch sei es nur eine Minderheit, die diese auf einer Linienfahrt nutzt.

«Auf längeren Strecken empfehlen wir, sich anzugurten», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. Dieser Meinung ist auch Daniel Menna, Mediensprecher der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU): «Anschnallen ist in jedem Fall ratsam.» Er halte es aber für gerechtfertigt, dass es keine Sicherheitsgurt-Pflicht gibt: «Die Nachteile überwiegen den Gewinn für die Sicherheit.» Denn Unfälle mit Verletzten oder gar Todesopfern seien in Linienbussen verhältnismässig selten. «Die Situation ist nicht dramatisch», sagt Menna.

Zwischen 1992 und 2012 starben sechs Bus-Passagiere, 259 verletzten sich in der gleichen Zeitspanne schwer. Astra-Sprecher Thomas Rohrbach bestätigt dies: «Die Unfallzahlen sind nicht alarmierend. Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind sehr sicher.»

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