Hausarztmangel

Gruppenpraxen gelten als Zukunftsmodell – doch manche haben Mühe, Hausärzte zu finden

In der Gruppenpraxis in Villmergen hat die Übergabe funktioniert: Die Ärzte Wolfgang Meyer und Urs Hupfer mit der medizinischen Praxisassistentin Nadine Schäfer und Ärztin Isabell Bannwart. Toni Widmer

In der Gruppenpraxis in Villmergen hat die Übergabe funktioniert: Die Ärzte Wolfgang Meyer und Urs Hupfer mit der medizinischen Praxisassistentin Nadine Schäfer und Ärztin Isabell Bannwart. Toni Widmer

Hausärzte ziehen die Gruppenpraxis der Einzelpraxis vor. Aber auch in Ärztezentren ist die Nachfolgersuche nicht leicht, wie das Beispiel Bremgarten zeigt.

Gruppenpraxen gelten als Modell der Zukunft. Aber Ärztezentren spüren den Hausärztemangel genauso wie Einzelpraxen. Aktuelles Beispiel: In Bremgarten schliesst das Ärztehaus Ende Monat. Der Leiter und Gründer habe sich entschlossen, sich beruflich neu zu orientieren, heisst es auf der Website. «Es konnte leider keine Nachfolgelösung gefunden werden.» Hunderte Patienten aus der Region dürften betroffen sein. Sie müssen einen neuen Hausarzt suchen.

Die Schliessung des Ärztehauses Bremgarten kam für Stadtammann Raymond Tellenbach überraschend: «Ich habe selber erst vor kurzem davon erfahren.» Es sei extrem schwierig, als Stadt etwas dagegen zu unternehmen. «Dass Hausarztpraxen schliessen, ist leider ein Trend im Moment.»

Kanton lockert Vorschriften nicht

Tellenbach würde sich einen bis drei Ärzte in Bremgarten wünschen. «Wir haben deshalb auch beim Gesundheitsdepartement angefragt, ob sie nicht die Vorschriften lockern könnten, sodass wir auch ausländische Ärzte anfragen könnten. Aber da ist nichts zu machen.»

Der Zulassungsstopp für ausländische Ärzte gilt im Aargau seit Anfang März. Wer nicht über eine Medizinausbildung in der Schweiz verfügt oder drei Jahre in der Schweiz an einer anerkannten Weiterbildungsstätte war, erhält seither keine Zulassung mehr zur Abrechnung zulasten der Krankenkasse.

Die Stadt Bremgarten will nun in der geplanten Bahnhof-Überbauung ein Ärztezentrum einplanen. «Das Spital Muri hatte schon Interesse an einer Gemeinschaftspraxis in Bremgarten gezeigt. Aber der Leiter des Ärztehauses wehrte sich damals dagegen, wegen der Konkurrenzsituation, die dadurch entsteht», sagt Tellenbach.

Am Donnerstag ist in Bremgarten Gemeindeversammlung. Der Stadtammann geht davon aus, dass die Schliessung des Ärztehauses ein Thema sein wird. «Wer betroffen ist, macht sich natürlich Sorgen, wo er in Zukunft behandelt wird, auch wenn die Ärzte sagen, dass sie versuchen, ihre chronisch kranken Patienten bei anderen Ärzten in der Region unterzubringen», sagt Tellenbach.

Schliessung in Sins verhindert

Ein ähnliches Schicksal wie in Bremgarten drohte auch dem Ärztezentrum Sins. Das Spital Muri hatte den Sprechstundenbetrieb erst Anfang 2016 übernommen. Nachdem allerdings mehrere Ärzte das Zentrum verlassen hatten, ist es dem Spital Muri nicht gelungen, die freien Stellen neu zu besetzen. Der Gemeinderat hatte damals versprochen, das nicht tatenlos hinzunehmen.

Unterdessen hat sich einiges getan. Das Ärztezentrum bleibt Sins erhalten: «Das Spital Muri und die Firma Praxis Gruppe Schweiz AG aus Hünenberg haben sich gefunden», sagt Gemeindeschreiber Marcel Villiger. Die Praxis Gruppe Schweiz sei ab August für den Betrieb des Ärztezentrums zuständig. Der Vertrag liege auf dem Tisch. Bis aber das neue Ärzteteam in Sins die Arbeit aufnehmen kann, muss die Firma noch einige Hürden nehmen. «Die Zeit drängt», sagt Joseph Rohrer, der Geschäftsführer der Praxis Gruppe Schweiz. Die grösste Knacknuss seien die neuen Bestimmungen im Aargau, namentlich der Ärztestopp. «Ich hätte gute Ärzte aus Deutschland, kann sie aber nicht anstellen, weil sie die Bedingungen nicht erfüllen», sagt Rohrer. Die Firma suche nun in der ganzen deutschsprachigen Schweiz nach Ärzten. Trotzdem hofft Rohrer, dass der Kanton Aargau – ähnlich wie der Kanton Zug – beim Ärztestopp differenziert und Ausnahmen zulässt: «Gerade in ländlichen Regionen ist es sonst unglaublich schwierig, Ärzte zu finden.»

Unterstützung bei der Übernahme

Neben all den Schwierigkeiten gibt es im Aargau auch erfolgreiche Projekte. In Villmergen zum Beispiel haben die Hausärzte Urs Hupfer und Wolfgang Meyer kurz vor ihrer Pensionierung drei junge Nachfolgerinnen gefunden. Anfang Jahr wurde die neue Gruppenpraxis im Dorfzentrum eröffnet. Die Firma Wissen. Praxis mit Sitz in Zürich unterstützt die Ärzte bei der Übergabe und dem Aufbau.

Der operative Leiter der Firma, Daniel Hotz, hat seit 2013 im Kanton Aargau fünf Gruppenpraxen aufgebaut. Er ist überzeugt, dass die Hausarztpraxis, wie wir sie heute kennen, langsam ausstirbt. «Die Hausarztmedizin ist zunehmend in Frauenhand. Die jungen Ärztinnen wollen Familie und Beruf unter einen Hut bringen», sagt Hotz. «Da bietet die Gruppenpraxis mit ihren Teilzeitmodellen natürlich die ideale Voraussetzung.»

Die Idee einer Gruppenpraxis entsteht gemäss Hotz meistens unter älteren Hausärzten, welche keine Nachfolge für ihre Praxen finden können. «Hier unterstützen wir auch bei der Suche nach geeigneten jüngeren Ärztinnen und Ärzten», sagt Hotz. Diese Suche bleibe aber «die grösste und schwierigste Hürde auf dem Weg zur Gruppenpraxis».

Wie schwierig es ist, Ärzte zu finden, spürte auch Ueli Haller, der Gemeindepräsident von Meisterschwanden. In der Gemeinde soll ein Ärztezentrum entstehen. Immerhin sei eine Hürde genommen: «Ein Kinderarzt aus der Region hat seine Zusage gegeben», sagte Haller letzte Woche gegenüber der az.

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