Abschiedsserie (3/4)
«Grün sehe ich nicht als eine politische Farbe»

az-Redaktor Hans Lüthi sprach mit Ex-Baudirektor Peter C. Beyeler, dessen Politik er eng verfolgte. Beyeler, der bereits pensioniert ist, erzählt von seiner Pension, und was er seither vermisst.

Hans Lüthi
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Ex-Baudirektor Peter C. Beyeler spricht im Gasthaus Täfern in Dättwil mit az-Redaktor Hans Lüthi über Pension und Amtszeit. Emanuel Freudiger

Ex-Baudirektor Peter C. Beyeler spricht im Gasthaus Täfern in Dättwil mit az-Redaktor Hans Lüthi über Pension und Amtszeit. Emanuel Freudiger

Kurz vor der Pensionierung Ende Mai als Redaktor der az und des «Badener Tagblatts» verabschiedet sich Hans Lüthi mit einer Interview-Serie. Der Umwelt-, Verkehrs- und Energiespezialist trifft sich mit politischen Weggefährten seiner langjährigen journalistischen Karriere.

Dazu gehörten in erster Linie die Aargauer Baudirektoren. Der FDP-Politiker Peter C. Beyeler leitete das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) 13 Jahre lang. Er revidierte wichtige Gesetze, weihte den Bareggtunnel der A1 ein, ebenso zahlreiche Strassen und Kreisel. Der Bauingenieur Beyeler hat auch ein grünes Herz für die Natur, was beim Auenschutz und vielen Ökoausgleichen zum Ausdruck kam. Von 1991 bis 2000 war Beyeler im Einwohnerrat Baden, 1997 bis 2000 im Grossen Rat.

Sie sind seit einem Jahr in Pension, wie gut fühlt sich das an?

Peter C. Beyeler: Es fühlt sich gut an, ich erlebe ganz andere Inhalte und Zeitabläufe. Es gibt positive Sachen, die mich freuen, aber auch solche, die mir fehlen. So die politischen Diskussionen und die täglich neuen Herausforderungen.

War es ein Fehler, nicht schon vier Jahre früher aufzuhören? Das stand ja damals zur Diskussion.

Nein, mit 64 Jahren nochmals eine Amtsperiode zu machen, war ein guter Entscheid, und er passte zu mir.

Für einen Baudirektor ist die Belastung enorm gross, wie haben Sie das überhaupt verkraftet?

Mit Freude an der Sache. Etwas mit Freude bewirken zu können, ist das Benzin für den Motor. Die Motivation gibt einem Kraft für diese spannende Aufgabe. Es braucht aber auch viel Unterstützung durch gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, und die hatte ich immer.

Sie wollten noch ein paar grosse Projekte zu Ende führen?

Wir konnten in der letzten Amtsperiode noch einige grosse Projekte realisieren, einige blieben n der Planung oder Genehmigung stecken. Das Realisieren von Projekten ist der Vorteil des Baudirektors, seien es Auen oder neue Strassen. Durch den Kanton zu fahren und sagen zu können, hier haben wir etwas erreicht und dort Neues geschaffen, ist für mich einmalig. Der Kanton schaffte einen guten Wert für die eingesetzten Gelder.

Was waren aus Distanz die Höhepunkte Ihrer 13 Jahre Amtszeit?

Ein erster Höhepunkt war sicher die Realisierung der dritten Röhre am Baregg. Auch die Lösungsfindung für die Sondermülldeponie Kölliken, die Auenlandschaften oder der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der seit dem Jahr 2000 einen Quantensprung gemacht hat, sind für mich Höhepunkte. Es gab Gesetzesvorlagen, die mir Freude bereitet haben, so das neue Jagdgesetz, das Energiegesetz, aber auch das Baugesetz.

Nicht alles ist gelungen: An der Umfahrung Mellingen wird nicht gebaut, die A1 hat nur vier statt sechs Fahrstreifen. Warum läuft vieles so schleppend?

Das heutige Beschwerdewesen mit dem Durchsetzen von partikulären Interessen ist sehr fragwürdig. In Mellingen fand eine Volksabstimmung statt mit einer grossen Zustimmung. Dann kommt der VCS, macht erneut Einsprache und geht bis vor Bundesgericht. Das braucht zu viel Zeit, und die Verkehrssituation in Mellingen bleibt katastrophal. Gleiche Verzögerungen erleben wir am Gubrist, das ist volkswirtschaftlich sehr negativ.

Die Mobilität wächst und wächst, wo sind die Grenzen?

Die Bevölkerung wächst auch, wir stossen tatsächlich an Grenzen. Ich bin überzeugt, dass weiterhin sinnvoll in die Verkehrsinfrastruktur investiert werden muss, in Schiene und Strasse. Nur, der schleppende Verlauf der Investitionen wird zu einem grossen Nachteil für die Volkswirtschaft in der Schweiz werden.

Sind schnellere Verfahren nötig?

Ja, zweifellos, denn gebaut wird ja am Schluss immer sehr schnell. Nötig ist auch eine klarere Kompromissbereitschaft, indem man Projektverbesserungen aufnimmt, um Be- schwerden zu eliminieren. Das wurde im Aargau oft und erfolgreich gemacht.

Müssen wir künftig mit täglichen Staus leben?

Sicher, in Spitzenzeiten von wenigen Stunden wird der Stau alltäglich werden. Ein täglicher Dauerstau von zwölf Stunden am Gubrist ist nicht mehr erträglich, da muss schneller gehandelt werden können.

Wie schmerzlich ist der Verzicht auf den Baldeggtunnel?

Diesbezüglich bin ich nicht schmerzempfindlich. Der Baldeggtunnel war ein strategisches Projekt, das der Kanton alleine nie hätte stemmen können. Das Trassee ist weiterhin im Richtplan enthalten und damit gesichert. Ob es bessere Lösungen gibt, wird sich zeigen müssen.

Auch bei der Energie gibt es viele Probleme und wenige Lösungen. Wird die Energiewende gelingen?

Energiewenden hatten wir in den letzten 40 Jahren immer wieder. Die laufende Energiewende hat zu markanten Änderungen geführt, auch mit dem Aushebeln des Marktes durch die kostendeckenden Einspeisevergütungen. Mittel- und langfristig wird sich ein Weg mit erneuerbaren Energien finden lassen, bei dem marktwirtschaftliche Grundsätze wieder gelten.

Kehren wir eines Tages auf den Atompfad zurück?

Sag niemals nie. Mittelfristig glaube ich nicht daran, aus politischen und wirtschaftlichen Gründen. Die grossen Investitionen für ein KKW sind vom Risiko her nicht verantwortbar, solange die erneuerbaren Energien durch die kostendeckende Einspeisevergütung privilegiert behandelt werden. Kein Schweizer Unternehmen investiert heute mehr Geld, weder in Wasser- noch in Gaskraftwerke.

Das Zwischenlager haben wir schon, wird auch das Tiefenlager im Aargau gebaut werden?

Ich meine nach wie vor, dass es bessere Standorte gibt. Die ganze Entscheidungsfindung braucht ja offensichtlich mehr Zeit. Man müsste grundsätzlich überlegen, ob ein Schweizer Tiefenlager überhaupt noch vertretbar ist, wenn keine neuen KKW gebaut werden und die Abfallmenge daher klein bleibt. Die sehr hohen Investitionen sind im Vergleich zur Abfallmenge unverhältnismässig geworden.

Für einen neuen Steinbruch der Jura Cement Wildegg haben Sie sich stark engagiert. Jetzt ist Schluss, war der Einsatz für die Katze?

Im politischen Prozess müssen auch Arbeiten gemacht werden, die vordergründig scheinbar zu nichts führen. Aber im Hintergrund hat man nach Alternativen an den bestehenden Standorten gesucht. Jetzt ist der Entscheid gefallen, es ist sicher gut, wenn die Auseinandersetzung nicht mehr zu führen ist.

Politisch haben Sie manchmal übers Ziel hinausgeschossen, mit dem Verbot von Ölheizungen und höheren Strassensteuern. Warum?

Als Regierungsrat muss man Ziele anstreben, die das politisch Machbare überschreiten. Sind dann 80 Prozent der Ziele erreicht, ist ein guter demokratischer Kompromiss gefunden. Die Regierung muss nicht provozieren, aber rechtzeitig vorausdenken.

Der SVP und FDP waren Sie oft zu grün, den Grünen und der SP zu bürgerlich. Wie schmerzhaft war dieser Spagat?

Der Spagat führt immer zu einer Grenzspannung. Ein Baudirektor ohne grüne Verantwortung ist fehl am Platz. Grün sehe ich nicht als eine politische Farbe, sondern als einen Lebensgrundsatz. Die Mehrnutzung der Natur durch den Menschen führt zu einer politischen Verpflichtung, die Umwelt zu stützen. Das grüne Emblem war keine Last, sondern ein Zeichen für mein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit.

Wie oft sind Sie als Ex-Regierungsrat noch unterwegs?

Mit dem 1. April 2013 habe ich den Resetknopf gedrückt und bin auf null zurückgefahren. Inzwischen engagiere ich mich wieder dort, wo es mir Freude macht. Ich pflege relativ wenige politische Kontakte. Den Einladungen folge ich jedoch gerne, wenn es zeitlich geht, aber es gibt oft Terminprobleme. Die Interessen sind vielfältig.

Und was läuft bei der Wyna-valley-Oldtime-Jazzband?

Die Jazzmusik läuft gut, wir haben noch immer tolle Auftritte und freuen uns daran. Zudem bin ich als Präsident des Vereins Jazzaar mit dem Jazz in Aarau verbunden. Jazz bleibt also Lebensinhalt.

Was bedeutet die grosse Freiheit nach dem Arbeitsleben?

Diese Freiheit ist eine wunderbare Sache, aber sie ist nicht einfach. In der Regierung mussten wir zwangsweise Prioritäten setzen. Heute gilt es, sich für wenige der vielen möglichen Optionen zu entscheiden, was doch anspruchsvoller ist, als ich mir vorgestellt habe.

Nächste Woche folgt das Gespräch von Hans Lüthi mit Bundesrätin Doris Leuthard aus dem Aargau.

Beyeler über Lüthi: Manchmal Ärger über die Schlagzeilen

Der langjährige Aargauer Regierungsrat und Baudirektor Peter C. Beyeler schreibt über seinen Weggefährten:
«Wenn Hans Lüthi nicht mehr schreibt, ist dies ein Verlust für die az und den Kanton Aargau. 13 Jahre lang war er zuständig für die vielen Bereiche meines Departements BVU, und er zeigte viel Kompetenz. Ob Verkehr, Bau, Energie, Umwelt, Raumplanung, Wald, Fischerei oder Jagd, Hans Lüthi setzte sich in seiner für ihn so typischen sachlichen Art mit der Materie auseinander und berichtete auch so. Er wusste spannend zu informieren und gekonnt zu kommentieren, was im heutigen Journalismus nicht mehr verbreitet ist.
Natürlich habe ich mich hin und wieder geärgert über die Schlagzeilen über seinen Berichten. Doch weiss ich, dass diese öfters von der Redaktion verschärft wurden, um sie «pfiffig» zu machen. Ich danke Hans für seinen langjährigen profilierten Journalismus.» (AZ)