Der Aargauer Regierungsrat ist bis Ende Jahr ein Männerverein. Seit der Rücktrittsankündigung von Franziska Roth vor zwei Wochen teilen sich vier Männer die Arbeit, den Kanton zu regieren. Ob sich das mit der Nachfolgewahl vom 20. Oktober ändert, ist unsicher.

Während die Geschäftsleitung der SP ihren Mitgliedern empfiehlt, eine Frau für die Nachfolge Roths zu nominieren, steht bei den Grünen ein Mann in den Startlöchern für die Kandidatur. Am Montag hat die Partei ihren Mitgliedern das Motivationsschreiben von Severin Lüscher zugestellt. Lüscher ist seit 2015 im Grossen Rat und Mitglied der Kommission Gesundheit und Soziales. Er führt in Schöftland eine Einzelpraxis für Allgemeinmedizin, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Gespräche auch mit Frauen

Es seien Gespräche mit verschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten geführt worden, die das Rüstzeug für ein Regierungsratsmandat mitbringen, heisst es im Begleitschreiben. Aus den Gesprächen gehe Severin Lüscher als einziger Kandidat hervor, der sich für die Nomination für das Amt des Regierungsrats zur Verfügung stellen werde.

Das letzte Wort haben die Mitglieder am Donnerstag. Sie entscheiden an einer Versammlung in Lenzburg, ob die Grünen überhaupt antreten. Tun sie es, dann höchstwahrscheinlich mit Lüscher – er ist einziger offizieller Kandidat. «Es haben durchaus geeignete Frauen Interesse angemeldet, sie haben aber alle aus verschiedenen nachvollziehbaren Gründen auf eine Kandidatur verzichtet», sagt Parteipräsident Daniel Hölzle.

Für Lüscher spreche vor allem die Dossiersicherheit: Der 56-Jährige sitzt im Grossen Rat in der Kommission Gesundheit und Soziales und hat sich dort als Gesundheitspolitiker einen Namen gemacht. Die zurückgetretene Franziska Roth war Vorsteherin des Departements Gesundheit und Soziales (DGS), ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger wird dieses höchstwahrscheinlich übernehmen. Es sei zentral, dass das DGS kompetent geführt werde, so Hölzle, «dafür hätten wir mit Severin Lüscher den richtigen Kandidaten, der in der Gesundheitspolitik über die Parteigrenzen hinaus akzeptiert ist und dies mit verschiedenen erfolgreichen Vorstössen gezeigt hat».

Meinungen gehen auseinander

«Auch wenn uns die Frauenförderung sehr am Herzen liegt, so liegt es nicht nur an uns, dass Frauen im Regierungsrat vertreten sind», erinnert der Grünen-Präsident. Schliesslich sei die Vorgängerin von Franziska Roth die Grüne Susanne Hochuli gewesen. Sie war acht Jahre lang DGS-Vorsteherin. «Wir möchten der Bevölkerung nun die Möglichkeit geben, eine Person zu wählen, die den Kanton weiterbringen kann. Dies kann auch ein Mann sein», so Hölzle.
Fest steht Lüschers Nomination aber noch nicht: Das letzte Wort haben am Donnerstag die Mitglieder an der Versammlung. «Ich bin sicher, dass eine männliche Kandidatur zu Diskussionen führen wird. Die Meinungen gehen auseinander. Und die Mitglieder werden entscheiden», zeigt sich der Grünen-Präsident pragmatisch.

Grüne, SP, GLP vorerst allein

Während die Grünen also keine Frau aufstellen, sieht es danach aus, als würde die SP — anders als bei der Nomination für den Ständerat — jetzt auf eine Frau setzen. Zumindest hat Nationalrätin Yvonne Feri bereits ihr Interesse an einer Kandidatur für den Regierungsrat angemeldet. Warum also unterstützen die Grünen nicht die Frauenkandidatur einer anderen Partei? Schliesslich wird immer noch die «Klimaallianz» diskutiert, die vorsieht, dass Grüne, SP und Grünliberale die beste Kandidatin oder den besten Kandidaten aus ihren Reihen gemeinsam unterstützen.

«Wir haben diese Gespräche geführt und uns entschieden, die Verantwortung selber zu übernehmen. Nun schlagen wir der Mitgliederversammlung eine Kandidatur vor, deren Eignung für das Amt unbestritten ist und die insbesondere nicht polarisiert», so Hölzle. Dies auch vor dem Hintergrund, dass auch bei der GLP eine allfällige Kandidatur im Gespräch ist und die Klimaallianz bei der Regierungsratswahl damit einen schweren Stand hätte. Wie es im wahrscheinlichen Fall eines zweiten Regierungsrats-Wahlgangs aussehen würde, mag Hölzle nicht vorwegnehmen. Dann würden die Gespräche sicher wieder aufgenommen und dafür gesorgt, das der beste Kandidat oder die beste Kandidatin unterstützt werde.