Die Mammografie ist eine Möglichkeit, um Brustkrebs frühzeitig zu erkennen. Dazu röntgt ein Arzt die Brüste seiner Patientin und sieht so auch kleine Knötchen, die er nur durch das Abtasten der Brust nicht spüren würde. Viele Kantone, unter anderen Basel-Stadt, Freiburg und die ganze Westschweiz, haben ein systematisches Screening eingeführt.

Das heisst: Frauen ab 50 Jahren werden alle zwei Jahre zur Mammografie eingeladen. In Basel-Stadt lassen sich laut Kantonsarzt rund 30 Prozent der Frauen regelmässig untersuchen. Der Kanton unterstützt das Programm jährlich mit 500 000 Franken. Die Untersuchungen zahlen die Krankenkassen.

Gleiche Chancen für alle

Acht Grossrätinnen von SP bis SVP fordern in einer Motion ein solches Screening zur Brustkrebsfrüherkennung auch für den Aargau. Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse stelle sicher, dass alle Frauen in diesem Alter informiert und motiviert werden können. So werde Chancengleichheit erzielt, schreiben sie. Im Moment können sich Aargauerinnen, die nicht zur Risikogruppe gehören, nur auf eigene Initiative und Kosten oder auf Verordnung des Arztes die Brüste röntgen lassen.

Das geht den Grossrätinnen zu wenig weit. Brustkrebs gehöre in der Schweiz zu den häufigsten Todesursachen bei Frauen unter 70 Jahren. Im Aargau gebe es 450 Neuerkrankungen pro Jahr. Je früher ein Tumor in der Brust entdeckt werde, desto besser. «So können oft Brustamputationen verhindert und es kann brusterhaltend operiert werden», sagt SP-Grossrätin Anna Andermatt.

Ausserdem seien insgesamt weniger Strahlen-, Chemo- und weitere kostenintensive Zusatztherapien nötig. «Gesamthaft gesehen können mit Mammografie-Screenings Kosten gesenkt werden», ist Andermatt überzeugt. Ausserdem hätten mehrere europäische Studien Screening-Programme als effektiv beschrieben. Die Brustkrebssterblichkeit könne um bis zu 25 Prozent gesenkt werden. «Im Aargau würden dank eines Screenings über die nächsten zehn Jahre 70 bis 90 Frauen weniger an Brustkrebs sterben» sagt Andermatt.

Experten raten vom Screening ab

Doch die Screening-Programme sind trotz Vorteilen seit Jahren umstritten. 2014 publizierte das Swiss Medical Board einen Bericht, in dem vom systematischen Screening abgeraten wurde. Brida von Castelberg hat massgeblich am Bericht mitgearbeitet. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte die ehemalige Chefärztin der Frauenklinik am Triemlispital in Zürich damals: «Für mich als Frau ist das schlechte Abschneiden eine grosse Enttäuschung. Doch nach heutigem Stand der Wissenschaft bringen Brustkrebs-Screeningprogramme nichts.»

Im Bericht bezeichnete das Fachgremium das Nutzen-Risiko-Verhältnis als ungünstig. So könnten pro 1000 gescreenten Frauen nur ein bis zwei Todesfälle verhindert werden. Ausserdem gebe es 100 Fehlbefunde, die zu unnötigen Abklärungen und Behandlungen führten.

Die Fakten und Studien, auf welchen der Bericht des Swiss Medical Boards beruht, seien nicht mehr aktuell, sagt Anna Andermatt dazu. «In medizinischen Kreisen ist der Nutzen von Brustkrebsscreenings heutzutage unbestritten und Screening-Programme werden europäisch weitergeführt.» Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält weiterhin an den Screening-Empfehlungen fest.

Vorstoss seit zehn Jahren hängig

Im Aargau sind Anna Andermatt und ihre Ratskolleginnen nicht die ersten, die versuchen, die Regierung von einem Screening-Programm zu überzeugen. 2006 forderte die damalige SVP-Grossrätin Sylvia Flückiger in einer Motion, die Regierung solle dem Grossen Rat eine Vorlage zu einem flächendeckenden Screening-Programm zur Brustkrebs-Prävention für Frauen ab 50 Jahren unterbreiten.

Der Regierungsrat lehnte die Motion ab, war jedoch bereit, sie als Postulat entgegenzunehmen. In der Begründung hiess es: «Die Einführung ist zwar aus gesundheitswissenschaftlichen und ethischen Überlegungen grundsätzlich ernsthaft zu erwägen, aber ein Entscheid zum jetzigen Zeitpunkt ist verfrüht.» Es bestehe eine grosse Unsicherheit bezüglich Kosten-Nutzen eines solchen Programms und die erforderlichen personellen Ressourcen seien nicht vorhanden.

Seit zehn Jahren ist das Postulat beim Departement Gesundheit und Soziales nun hängig. Getan hat sich nichts. Zuletzt wurde der Vorstoss im Jahresbericht 2016 erwähnt. Der Nutzen eines Mammografie-Screenings sei innerhalb der Fachwelt nach wie vor umstritten. «Angesichts dieser Ausgangslage und der zurzeit für ein solches Projekt nicht vorhandenen Mittel wird die weitere Entwicklung verfolgt und zu einem späteren Zeitpunkt über die Einführung entschieden», heisst es.