Kindesentführung

Grossmutter flüchtet mit Enkelin: Jetzt wird auch gegen den Vater ermittelt

Internationaler Streit um Tochter

Internationaler Streit um Tochter

Das 9-jährige Mädchen muss per Gerichtsentscheid zurück zu ihrer Mutter nach Mexiko. Ihre Schweizer Angehörigen wehren sich dagegen. Der Bremgarter Vater wurde nun festgenommen.

Martina Hess aus Bremgarten flüchtete mit ihrer 9-jährigen Enkelin, damit diese nicht nach Mexiko zur Mutter zurückgeschafft werden kann. Nun wird auch gegen den Vater des Kindes, bei dem es die letzten Monate in der Schweiz gelebt hat, ermittelt.

«Ich habe sie nicht entführt, sie wollte sich mit mir zusammen in Sicherheit bringen.» Das sagt Martina Hess in der «Rundschau» von SRF. Die Bremgarterin ist zurzeit auf der Flucht vor der Polizei. Mit ihrer Enkelin Anna (Name geändert) versteckt sie sich an einem unbekannten Ort. Der Grund: Das Bundesgericht hat entschieden, dass Anna zurück nach Mexiko muss – zu ihrer Mutter, die dort lebt und das Sorgerecht hat. Nicole Payiller, Sprecherin der Aargauer Gerichte, bestätigt gegenüber der az: Beni Hess, der Vater von Anna, habe «seine 9-jährige Tochter nach einem Ferienaufenthalt in der Schweiz nicht mehr zurück zu ihrer Mutter nach Mexiko gebracht, wo sie seit ihrer Geburt lebte».

Beni Hess wehrt sich seit Wochen gegen die Rückführung. Zuerst sieht es danach aus, als dürfe Anna in der Schweiz bei ihrem Vater bleiben: Am 19. Februar hört das Aargauer Obergericht die beiden Parteien und auch das Kind an. Dabei sagt Anna deutlich, sie habe Angst und wolle nicht nach Mexiko zurück. Das Rückführungsgesuch der Mutter wird vom Gericht in Aarau prompt abgewiesen. Anders in Lausanne: Die Mutter reicht beim Bundesgericht Beschwerde ein – und dieses gibt ihr recht. Laut dem Urteil vom 30. April drohen dem Kind insgesamt «keine schwerwiegenden Gefahren» in Mexiko. Für eine Betreuung durch die Mutter, eine «adäquate Unterbringung» und «landesentsprechende schulische Möglichkeiten» sei gesorgt.

Das Aargauer Obergericht muss auf Geheiss aus Lausanne die Modalitäten für die Vollstreckung definieren. Es bestimmte laut Nicole Payiller, «dass das Mädchen in Begleitung seiner Mutter nach Mexiko zurückfliegt». Das Departement Volkswirtschaft und Inneres als kantonale Vollzugsbehörde sei beauftragt worden, die Rückreise zu organisieren und durchzuführen.

Das Kind ist suizidgefährdet

Doch soweit kommt es nicht: Anna geht es immer schlechter, seit sie weiss, dass sie die Schweiz verlassen muss. Sie bekommt Panik und droht, aus dem Fenster zu springen, wenn die Polizei kommt. Laut «Rundschau» bescheinigt ihr ein Arzt: Sie sei «akut suizidal», «äusserst verängstigt» und «nicht reisefähig». Recherchen der az zeigen: Beni Hess bringt seine Tochter ins Kantonsspital Baden. Am Montag vor einer Woche wird sie dort von ihrer Grossmutter abgeholt – aber nicht nach Hause gebracht.

So berichtete die «Rundschau» am Mittwoch:

Rundschau-Bericht: Grossmutter versteckt Enkelin

Fiona Strebel, Sprecherin der Aargauer Staatsanwaltschaft, bestätigt: Seit Anfang letzter Woche werde polizeilich nach den beiden gesucht. Und weiter: «Gegen die Grossmutter läuft von Amtes wegen ein Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung und Entführung.»

Beni Hess wurde am Dienstagnachmittag festgenommen und befragt. Auch gegen ihn wurde ein Strafverfahren eröffnet. Ob er eine Rolle bei der Entführung spielt, sei Gegenstand laufender Ermittlungen, so Strebel. Im Raum stehe unter anderem versuchte Nötigung.

Bekennerbrief der Grossmutter 

Grossmutter Martina Hess – nach eigenen Angaben ehemalige Lehrerin, Inspektorin, Schulleiterin, Gemeinderätin, und Hauptmann der Schweizer Armee – betont in einem Bekennerschreiben, das der az vorliegt, sie habe «schweren Herzens einen Akt zivilen Ungehorsams» begangen. Sie werde «nicht zulassen», dass ihre Enkelin, «seit einem Jahr hier schulisch und sozial perfekt integriert, auf Befehl des Bundesgerichts gegen ihren Willen an ein Land ausgeliefert wird, in dem in den letzten fünf Jahren 150'000 Menschen getötet wurden, 200 davon in den letzten Monaten in der Stadt, in der sie gezwungen wäre, zu leben.»

Beni Hess war am Donnerstag nicht erreichbar– er befand sich in Polizeigewahrsam. Ein langjähriger Freund beteuert: «Wir haben nichts gewusst von den Plänen der Grossmutter.» Er und Beni Hess vertrauten ihr. Der Freund bezeichnet die Praxis des Bundesgerichts als «sehr fragwürdig». Diese stützt sich auf das Haager Übereinkommen über internationale Kindsentführung und ist laut Experten wenig kinderfreundlich. Der Freund sagt: «Wir hoffen jetzt auf Unterstützung aus der Politik.»

Beim Justizdepartement für die Rückführung zuständig ist Andreas Bamert-Rizzo. Er sagt, primäres Ziel sei derzeit, dass das Kind aufgefunden und überbracht werde. «Die polizeilichen Ermittlungen dazu sind am Laufen. Wir als Vollzugsbehörde können im Moment nichts weiter machen.»

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