Nationalfeiertag

Grosse Feuerwerke sind abgesagt, gibt es dafür mehr private Knalleffekte?

Die grossen Feuerwerke am 1. August sind coronabedingt abgesagt. Zünden deshalb mehr Menschen im privaten Rahmen Raketen? Ein Besuch in Aargauer Verkaufszelten.

«Eine Rakete noch», sagt der Bub zu seinem Vater. «Also gut, aber keine grosse», antwortet Rolf Scheidegger. Der Vater aus Oberentfelden deckt sich am Stand von «Ka-Boom Feuerwerk» in Suhr für den 1. August mit Feuerwerk ein. Die beiden Söhne Manuel und Jamiro dürfen bei der Auswahl der Knallkörper mitentscheiden. «Wir nehmen noch einen Vulkan für die Mama», sagt der Vater. Der Vulkan ist der Verkaufsrenner. «Wir werden das Feuerwerk bei Freunden im Garten ablassen», sagt Scheidegger. Die grossen Feuerwerke, die coronabedingt abgesagt wurden, werde die Familie nicht vermissen, sagt Rolf Scheidegger. «Wir machen das jedes Jahr am 1. August. Und an Sylvester. Dann aber etwas dezenter.»

Der Stand in Suhr wird von Michel Ott, seiner Frau Monika und ihren drei Kindern Simon (6), Sanya (9) und Silas (12) betrieben. Vom 29. Juli bis zum 1.August verkaufen sie Feuerwerk für den Nationalfeiertag. Den grossen Ansturm erwarten sie am 31. Juli und am Nationalfeiertag selbst. Ott, der 13 Jahre lang als Produktionsleiter in einer grossen Feuerwerksfirma gearbeitet hat, besitzt eine grosse Expertise. Und hat die Leidenschaft offenbar an seine Kinder weitergegeben. Trotz des jungen Alters beraten die drei fleissig mit.

Mehr Feuerwerk als in Vorjahren bestellt

Dieses Jahr hat Michel Ott mehr Feuerwerk bestellt als in den Vorjahren. Aber nicht nur, weil die öffentlichen Feuerwerke abgesagt wurden: «Wir erwarten mehr Kunden, weil dieses Jahr wegen Corona mehr Menschen zu Hause sind.» Sollte das Feuerwerk nicht reichen, kann Ott nachbestellen. Und sollte Feuerwerk übrig bleiben, können es die privaten Händler an die grossen Lieferanten retournieren. Beim Eingang des Zeltes stehen Desinfektionsmittel und eine Tafel mit BAG-Hinweisen für die Kunden bereit. Darüber ist eine kleine Rakete in den Himmel gerichtet, als wäre sie bereit zum Start. Der Name liest sich schon fast neckisch: «Corona». Ob das ein Verkaufsgag ist? «Nein», sagt Ott und lacht. «Diese Rakete gibt es bereits seit 2011.» Nun hat sie fast Symbolbedeutung: «Man jagt das Coronavirus in die Luft», so Ott.

«Was macht viel Lärm und hat grossen Effekt?», fragt Luca Jeanneret. Der 17-Jährige aus Buchs ist mit Freunden auf Velos zum Verkaufszelt gefahren. «Wir haben vor allem Kleinkram gekauft, kleine Raketen und Frauenfürze. Das, was halt ins Budget passt», sagt er. Neugierig schauen sie auf die grossen Batterien. Diese kosten aber mehr und sind erst ab 18 Jahren erlaubt. «Wir kaufen dieses Jahr nicht mehr Feuerwerk, als sonst», so Jeanneret. Auch er habe für gewöhnlich nie öffentliche Feuerwerke besucht. «Wir hängen an diesem Tag einfach mit Freunden ab.»

Keine weitere Verschärfung der Gefahrenstufe geplant

Der Kanton hat am Dienstag mitgeteilt, dass die Waldbrand-Gefahrenstufe im Aargau auf die zweithöchste Stufe 4 erhöht wurde. Im Wald und an Waldrändern herrscht ein Feuerverbot. Feuerwerkskörper dürfen zwar gezündet werden, dabei muss ein Abstand von 200 Metern zum Waldrand aber zwingend eingehalten werden. Mit einer weiteren Verschärfung bis zum 1. August sei nicht zu rechnen, teilte der Kanton mit.

Diese Entscheidung bringe für die Feuerwerkshändler eine gewisse Erleichterung, sagt Michel Ott. «Die Planungssicherheit ist gegeben.» Ausserdem wissen auch die Kunden, dass sie das Feuerwerk nicht vergebens kaufen. Eine Stufe 5 der Waldbrandgefahr würde zugleich ein Feuerwerksverbot und somit das Ende für den Verkauf bedeuten, so geschehen im Jahr 2018. Sollten Kunden dennoch Feuerwerk kaufen und es nicht abschiessen können, läuft dieses nicht ab. «Wichtig ist, es richtig zu lagern. Also nicht in einem feuchten Keller, sondern trocken», so Ott. Auch ein weiterer Aargauer Feuerwerksverkäufer, der nicht beim Namen genannt werden will, erhoffte sich aufgrund der aktuellen Situation einen Zuwachs und hat mehr bestellt als in den vergangenen Jahren. «Man merkt, dass die Leute ausgelassen feiern möchten», sagt er. Doch er befürchtet, dass die durch den Kanton ausgesprochene Waldbrandgefahrenstufe die Leute abschrecken könnte, weil viele nicht einschätzen können, was diese bedeutet. «Es hemmt den Feuerwerksverkauf und macht den guten Start zunichte.»

Grosslieferant erwartet Verkaufsboom bei Privaten

Zwei grosse Lieferanten von Feuerwerk in der Schweiz und der Region sind die Firma Bugano in Neuendorf (LU) und die Firma Weco Suisse AG in Walterswil (SO). Während Bugano durch die Absage der ganz grossen Feuerwerke mit einem Defizit in Höhe von mehreren Millionen rechnet (SRF Regionaljournal berichtete), erwartet die Weco einen Rekordverkauf ihrer Produkte, weil sich Privatpersonen durch die Absage von öffentlichen Feuerwerken umso mehr eindeckten. Das berichtete Tele M1.

Doch nicht alle Kleinverkäufer kauften deshalb mehr Feuerwerk ein. So auch Monique Niedermann aus Auw. Sie führt ihren Feuerwerks- und Dekostand mit Hilfe ihrer Familie. Zwischen Lampions, Fahnen und Raketen begrüsst sie die Kunden bereits seit dem 23. Juli. «Ich könnte bei den Lieferanten kurzfristig Feuerwerk nachbestellen, sollte ich überrannt werden.» Sie sei bei den Bestellungen im Vergleich zu den Vorjahren eher vorsichtig geblieben: «Man weiss nie, wie das Wetter mitspielt, wenn es heiss und trocken ist und es ein Feuerwerksverbot gegeben hätte, dann wäre es vorbei gewesen.» Den grossen Ansturm erwartet auch sie in den letzten zwei Tagen.

Ihre Kunden können jeweils einen QR-Code auf den Packungen scannen, um zu sehen, was sie nach dem Anzünden erwartet. Niedermann liebt es, Feuerwerk zu verkaufen. Der Gewinn, sagt sie, sei zweitrangig. Sie habe keine höheren Erwartungen als in den vergangenen Jahren, auch wenn die grossen Feuerwerke abgesagt wurden: «Egal wie es läuft, ich bin immer zufrieden», sagt sie.

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