Grosse Analyse
Im Aargau sollen die Firmensteuern sinken – wer in den letzten 20 Jahren besonders stark profitiert hat

Die Steuererträge wachsen im Aargau fast jedes Jahr. Dafür sind vor allem die Einwohner verantwortlich. Der Fiskus hat die Steuern für Privatpersonen deutlich weniger stark gesenkt als jene für Firmen, wie eine grosse Datenanalyse zeigt.

Mark Walther
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Firmen profitierten in den letzten gut 20 Jahren am stärksten von Steuersenkungen.

Firmen profitierten in den letzten gut 20 Jahren am stärksten von Steuersenkungen.

Severin Bigler/Britta Gut

Emotionale Diskussionen sind vorprogrammiert. Die Aargauer Regierung und die bürgerliche Parteien wollen Unternehmensgewinne ab 250'000 Franken steuerlich entlasten. Gleichzeitig sollen die Bürgerinnen und Bürger mehr Krankenkassenprämien von den Steuern abziehen können. Trotzdem ist mit dem Referendum von links zu rechnen, womit es nächstes Jahr zur Volksabstimmung käme.

Befürworter und Gegner werden ihre Argumente nicht neu erfinden: Die Bürgerlichen warnen vor Firmenwegzügen, die Linke vor ruinösem Steuerwettbewerb (lesen Sie auch das Streitgespräch zur geplanten Steuersenkung).

Es wäre schwierig zu ermitteln, wer näher an der Realität liegt. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Klar ist aber: Die Steuerbelastung ist in den letzten gut 20 Jahren im Aargau für Firmen und natürliche Personen gesunken – für Firmen allerdings stärker. Das zeigt eine Auswertung von Steuerdaten der eidgenössischen Steuerverwaltung und des Kantons. In der Grafik ist die Vermögenssteuer nicht ausgewiesen. Sie belastet die Bürger heute weniger stark. Allerdings bezahlt nur jeder Dritte Vermögenssteuern.

Die Firmensteuern sind stärker gesunken

Steuerbelastung im Aargau und der Schweiz 2004 - 2016 in Prozent
jur. Personen Aargau
jur. Personen CH-Durchschnitt
nat. Personen Aargau
nat. Personen CH-Durchschnitt
200420052006200720082009201020112012201320142015201605101520

Diese Entwicklung kennt man beim Aargauer Steueramt. Vorsteher Dave Siegrist schreibt: «Die Steuerbelastung nahm für juristische Personen effektiv stärker ab als für natürliche Personen.»

Trotz Senkungen: «Steuerhölle» für gewinnstarke Firmen

In den letzten vier Jahren hat sich die Steuerlast für die Aargauerinnen und Aargauer nur geringfügig verändert. Die leichte Erhöhung der Kinderabzüge hat für Eltern mildernd gewirkt. Hingegen bedeutete die Begrenzung des Fahrkostenabzugs für viele Autofahrer eine Steuererhöhung.

Bei den Firmen profitieren seit letztem Jahr die innovativen – dank höherer Abzüge für Forschung und Entwicklung. Weil andere Kantone ihre Gewinnsteuern aber teils massiv gesenkt haben, ist der Aargau in der Attraktivitäts-Rangliste abgerutscht.

Der Aargau gehört zu den weniger attraktiven Kantonen

Durchschnittlicher Steuersatz für Firmen im Jahr 2020
05101520ZGSZAINWOWURARTGNELUBSVDFRGESHGLSGAGSOCHVSGRJUBLTIBEZHKanton

Bei der Maximalbelastung liegt der Aargau sogar auf dem drittletzten Platz. Die gewinnstarken Unternehmen befänden sich in der «Aargauer Steuerhölle», sagte SVP-Grossrat Daniel Urech letztes Jahr in der Ratsdebatte.

SVP-Grossrat Daniel Urech forderte eine Steuersenkung «innerhalb kurzer Frist».

SVP-Grossrat Daniel Urech forderte eine Steuersenkung «innerhalb kurzer Frist».

zvg

Das wollen die Regierung und die Bürgerlichen mit der Steuervorlage nun korrigieren.

Darum geht es bei der Steuervorlage

Jüngst senkten zahlreiche Kantone die Firmen-Gewinnsteuern markant, um trotz Abschaffung spezieller Steuerregimes, die von EU und OECD nicht mehr akzeptiert wurden, konkurrenzfähig zu bleiben. Der Aargau machte nicht mit, weil er noch in der Haushaltssanierung steckte. Sein höherer der beiden Gewinnsteuersätze verharrt deshalb auf 18,6 Prozent. Früher lag er damit im Mittelfeld, jetzt liegt er an drittletzter Stelle (vor Zürich und Bern). Zum Vergleich: Solothurn hat neu 15,9 Prozent, Baselland 13,5, Luzern 12,3 und Zug 12,1. Der Aargau beschloss aber 2019 hohe Abzüge für Forschung, Entwicklung, Patentbox. Wer davon nicht profitieren kann, zahlt indessen im Vergleich hohe Steuern.

Um Firmenabwanderungen zu verhindern, verlangten deshalb SVP, FDP und CVP letztes Jahr im Parlament vom Regierungsrat eine Vorlage für eine Gewinnsteuersenkung. Er arbeitete diese aus und gab sie in die Vernehmlassung. Demnach soll der höhere Gewinnsteuersatz ab 1.1.2022 zeitlich gestaffelt auf 15,1 Prozent sinken, was dem tieferen Satz entspricht. Das kostet den Kanton 90, die Gemeinden 42 Millionen Franken. Die Regierung dürfte die definitive Vorlage im Frühling vorlegen. Die Vorlage bringt auch einen deutlich höheren steuerlichen Pauschalabzug für Versicherungsprämien (Krankenkasse). (mku/mwa)

Die Steuern der Bürger sprudeln, jene der Firmen nicht

Obwohl der Kanton Firmen und Einwohner steuerlich entlastet hat, sind die Steuereinnahmen in den letzten 20 Jahren mehrheitlich gestiegen. Der Grossteil des Wachstums ist der steuerzahlenden Bevölkerung zu verdanken. Gemäss den aktuellsten Zahlen von 2017 haben die Firmen 14,6 Prozent mehr Steuern abgeliefert als 2001. Wobei der Anstieg nur bis 2007 dauerte; seither haben die Einnahmen abgenommen. Bei den Einwohnerinnen betrug das Plus hingegen satte 37 Prozent. Die Entwicklung ist in der folgenden Grafik gut sichtbar:

Die Bevölkerung liefert fast jedes Jahr mehr Steuern ab

Steuerertrag durch juristische und natürliche Personen des Kantons (in Milliarden)
juristische Personen
natürliche Personen
200120022003200420052006200720082009201020112012201320142015201620170,00,51,01,5

Die Gründe für diese Entwicklung liegen nicht klar auf der Hand. Einer dürfte sein, dass sich die Konjunktur im Aargau nach der Wirtschaftskrise ab 2009 unterdurchschnittlich entwickelte. Im selben Jahr trat die letzte von drei Steuersenkungen innert drei Jahren in Kraft. Entlastet wurde primär die Wirtschaft. In der Grafik ist zu sehen, dass in diesen Jahren der Steuerertrag durch Unternehmen abnahm. Danach stabilisierte er sich bei leicht abnehmender Tendenz. Auch die Strukturschwäche des Aargaus dürfte eine Rolle spielen: Die Hälfte aller Firmen trägt zusammen bloss 1,8 Prozent zum Steuerertrag bei. Sie bezahlen nur die Mindeststeuer von 845 Franken, weil sie keinen oder nur sehr wenig Gewinn machen.

Zwei Gründe können hingegen ausgeschlossen werden:

  1. Es könnte ja sein, dass die steuerpflichtige Bevölkerung viel stärker gewachsen ist als die Wirtschaft. Das war aber nicht der Fall: 2017 gab es 58 Prozent mehr juristische Steuerpflichtige, aber nur 28 Prozent mehr natürliche Steuerzahler.
  2. Verdienen die Aargauerinnen und Aargauer einfach so viel besser im Vergleich zu den juristischen Personen und bezahlen deshalb mehr Steuern? Auch dem ist nicht so. Die Reingewinne der Firmen sind stärker gewachsen als die steuerbaren Einkommen der natürlichen Personen.

Siegrist beurteilt die Steuersenkungen zugunsten der Wirtschaft positiv. «Da in den letzten Jahren kein Exodus von Firmen beobachtet werden konnte, waren sie wohl genügend stark», schreibt er. Wie sie sich ausgewirkt haben, wurde allerdings nie untersucht. Das wäre gemäss Siegrist «sehr schwierig».

Unternehmen steuern weniger bei

Die rückläufigen Unternehmenssteuern schlagen sich auch im Fiskalertrag des Kantons nieder. Ihre Bedeutung hat zwischen 2011 und 2017 um vier Prozentpunkte abgenommen. Bei den natürlichen Personen ist sie stabil.

Firmen beteiligen sich weniger stark an den Steuereinnahmen des Kantons

Anteil der Firmen- und Personensteuern am Fiskalertrag in Prozent
juristische Personen
natürliche Personen
2011201220132014201520162017020406080

Ehepaare mit Kindern am stärksten entlastet

Für die durchschnittliche steuerpflichtige Einwohnerin lässt sich feststellen: Sie bezahlt mehr Steuern als 2004. Ihr Einkommen ist allerdings stärker gewachsen, weshalb die Belastung unter dem Strich gesunken ist.

Es gab aber auch innerhalb der Bevölkerung Gruppen, die stärker profitiert haben als andere. Am stärksten wurden Ehepaare mit Kindern und tiefem Einkommen entlastet. Ihre Belastung ist um fast 18 Prozent gesunken. Bei den kinderlosen Ehepaaren, Ledigen und Rentnern wurden hingegen die Gutverdiener stärker entlastet:

Die Bevölkerung profitierte früher

Die Mitte-Grossrätin Maya Bally fände eine Steuersenkung für die natürlichen Personen «selbstverständlich wünschenswert». Sie ruft aber in Erinnerung, dass die Steuern für die Bevölkerung zu Beginn des Jahrtausends deutlich gesunken sind.

Tatsächlich profitierten Einwohner und Unternehmen in den Jahren 2001 und 2002 von einer Steuerreform. Unter anderem wurden Familien entlastet und Nachkommen von der Erbschaftssteuer befreit. Tiefe Einkommen schonte der Fiskus am meisten.

Maya Bally.

Maya Bally.

AZ

Bally unterstützt die geplante Steuersenkung für Firmen. Sie wird sich wegen der aktuellen Situation für eine gestaffelte Umsetzung stark machen. Der Aargau dürfe nicht wieder ein Hochsteuerkanton werden. Sie erinnere sich an diese Zeiten, als man in Business-Kreisen sagte, der Aargau sei gar kein attraktiver Kanton. Sie mahnt: «Für Unternehmer ist es kein Problem, im Aargau zu wohnen, eine Firma aber in Luzern oder Zug zu gründen.»

«Wir müssen wieder mehr über Steuergerechtigkeit reden»

Claudia Rohrer, SP-Co-Fraktionschefin im Grossen Rat, hält die Gewinnsteuersenkung für verfehlt. Sie heize bloss den Steuerwettbewerb an. Dieser ist ihr ein Dorn im Auge. Rohrer sagt:

«Als kleinräumige Schweiz können wir uns eine solche Konkurrenz nicht leisten. Es braucht einheitlichere Steuersätze.»

Ein Unternehmen mit drei Millionen Franken Gewinn lasse sich wegen der tieferen Steuerlast lieber in Olten als in Aarburg nieder, profitiere dann aber auch von der guten Aargauer Infrastruktur und dem grossen Potenzial an Mitarbeitenden.

Claudia Rohrer (SP) fordert, den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen einzuschränken.

Claudia Rohrer (SP) fordert, den Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen einzuschränken.

AZ

Auch ein anderes Thema ist Rohrer wichtig: «Wir müssen wieder mehr über Steuergerechtigkeit reden.» Sie spricht sich allerdings gegen Steuersenkungen für natürliche Personen aus. «Die SP ist selten für Steuersenkungen, weil das die Solidarität schmälert», sagt sie. Solidarität bedeute, dass jene etwas mehr beisteuern, denen es gut gehe.

Nächste Steuersenkung für Firmen schon gefordert

Wie sich die Steuern im Aargau in den nächsten Jahren entwickeln, hängt wohl auch von der neuen steuerpolitischen Strategie ab. Das Finanzdepartement entwickelt diese derzeit mit dem Forschungsinstitut BAK Economics. Ziel ist es, die Attraktivität des Kantons als Wohn- und Wirtschaftsstandort zu stärken.

Die Forderung nach der nächsten Steuersenkung für die Wirtschaft liegt aber bereits auf dem Tisch. Beat Bechtold, Direktor der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), sagte Ende Januar zur AZ: «Der von der Regierung vorgeschlagene neue Steuersatz kann nur vorläufig sein. Damit stossen wir bloss vom Tabellenende ins hintere Mittelfeld vor. In einem nächsten Schritt müssen wir unter die künftige Durchschnittsbelastung in den Kantonen kommen.»

Wie viel Steuern die Aargauerinnen und Aargauer zahlen, unterscheidet sich je nach Wohnort deutlich. Die aktuellen Steuerfüsse der Gemeinden finden Sie auf dieser Karte:

Mehr zu den Daten und zum Vorgehen erfahren Sie hier.